Post von Czaja: Die Chancen der Coronakrise und die neue Lust am Risiko

von Dominic Czaja, Mitgründer und CEO von DOJO

Liebe Lesende. Acht Wochen ist es her, dass ich mich das letzte Mal dieser Seite gewidmet habe. Es war Anfang März, und ich saß in einem Airbnb in Paris. Inzwischen kann niemand mehr sagen, wann man das nächste Mal in Paris Kolumnen füllen kann und ob es Airbnbs dann noch geben wird. Aus unserem Savoir-vivre ist für viele ein Savoir-survivre geworden. Das Rotweinglas ist definitiv halb leer. Aktienkurse crashen, Konsumklima am Boden – nur die Ungewissheit hat Hochkonjunktur. Dazu Champions League und Malle-Urlaub verschoben. Ist jetzt also alles im Eimer? Oder muss man nach dem nächsten Strohhalm greifen und die Chancen sehen, die uns diese steife Krisenbrise bringt?

Wer genau hinsieht, bemerkt, dass die Natur nicht nur Delfine in längst verloren geglaubte Regionen zurückbringt, sondern auch die Fähigkeit des Menschen, auf seine Instinkte zu hören und seine eigenen Handlungen zu hinterfragen. Sogar dicke Fische in der Wirtschaft scheinen davon nicht ausgenommen zu sein. Wie durch einen Reflex erkannten die meisten Unternehmen die Gunst der Stunde und engagierten sich nicht nur (wie sonst) für die Zahlen, sondern für die, die sonst für die Zahlen bezahlen: die Menschen. Es wurden Masken genäht, Bedürftige unterstützt und gespendet, was das Werbebudget hergab. Und das alles mit einem Aktionismus und Tatendrang, den man in der Form nur von Leuten kennt, die sich in der ersten Januarwoche im Fitnessstudio anmelden.

Entscheidungen über soziales Engagement wurden nicht über Wochen gestreckt in Gremien totdiskutiert oder durch Return-on-Investment-Rechner gejagt, sondern innerhalb weniger Minuten per Chefdekret persönlich verabschiedet. Außerdem wurde eine nie geahnte Kreativität freigesetzt, die bei manchen sogar über die gängige „Besser Sie sehen dieses Plakat nicht“-Plattitüde hinausging und mich ernsthaft befürchten ließ, dass man eine Kreativagentur wie unsere bald nicht mehr brauchen würde. Wie konnte das passieren? Wieso riskieren Unternehmen in der Krise etwas und gehen nicht auf Nummer sicher?

Fakt ist: Mit Sicherheit hat noch nie jemand einen Pokal gewonnen. Höchstens eine Teilnehmerurkunde beim ADAC-Fahrtraining. Fakt ist aber auch: Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann nur noch gewinnen. Oder: Ist die Bilanz erst ruiniert, managt es sich ganz ungeniert.

Aber vielleicht haben ein paar Kapitalkapitän*innen im Auge des Sturms auch den Kompass wiedergefunden, den sie lange Zeit irgendwo unter den Aktionärsbriefen verlegt hatten: ihr Bauchgefühl. Bis dato wurden die Schiffe eher von Quartalszahlen gelenkt. Die waren die Koordinaten der Konsumkonquistadoren. Aber können diese Koordinaten nicht auch über die Krise hinaus nachhaltig angepasst werden? Warum sollte es nicht auch „danach“ chic sein, seine soziale Ader pulsieren zu lassen? Nicht nur, um die Marketingabteilung glücklich zu machen, sondern, weil es einem wirklich ein Anliegen ist, mit seinen Möglichkeiten Dinge möglich zu machen.

Und wer sagt, dass es nicht auch Anleger*innen ein Anliegen sein könnte, wenn auf das Karmakonto eingezahlt wird? Alles, was es dafür braucht, ist ein wenig Mut zur Veränderung. Genau jetzt sehen wir, wer wir sind, und genau jetzt können wir entscheiden, wer wir noch werden möchten. Das neue Normal kann auch einfach ein Unnormal sein. Und wenn sich Ozonlöcher schließen können, dann können wir uns auch für unnormale Dinge öffnen. Heute und an jedem anderen Tag, der kommt. Bleibt gesund im Kopf.

Freunde und Freundinnen, die neue Ausgabe ist da! Mit einem großen Titel-Dossier zum Thema Sport: in Zeiten, in denen Großveranstaltungen gestrichen werden, entdecken die Hersteller die Herde an Freizeitsportlern – und die werden in Corona-Zeiten immer mehr. Wie wollen Peloton, On Running und Under Armour diese neue Chance nutzen?
Außerdem: Say Say: Ein Anwalt kündigt seinen Job, um einen Hiphop-Radiosender aufzubauen. Blocksize Capital: Zwei junge Frankfurter wollen mittels Blockchain den Finanzmarkt komplett neu aufstellen. Max Siedentopf: unser Cover-Artist im großen Portrait mit Werkschau. Und wie immer vieles, vieles mehr.  Viel Spaß beim Lesen!


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