„Egal wie hart oder ekelig manche Menschen sind: Lass dich niemals unterkriegen“ – Nura im Interview

Rapperin, Autorin, Powerfrau: Nura Omer ist überall. Jetzt erzählt sie in der Autobiografie „Weißt du, was ich meine?“ die Story ihres Lebens.

Nura, deine Biografie „Weißt du, was ich meine? – Vom Asylheim in die Charts“ erscheint in einem ungewöhnlichen Jahr. Ein guter Zeitpunkt für das Buch?

Meine Geschichte ist auch eine Geschichte von Geflüchteten. Das passt gerade sehr gut in die aktuelle Zeit, aber es hätte auch schon vor zehn Jahren gepasst. Nur da war ich noch nicht stark genug, sie zu erzählen. Natürlich ist es heftig, was gerade alles passiert. Aber eigentlich ist mir der Zeitpunkt gerade nicht so wichtig. Mir ist nur wichtig, dass ich mich bereit fühle, meine Geschichte zu erzählen – und das bin ich jetzt. Ich habe viele Sachen überwunden und kann jetzt endlich darüber sprechen.

Wann hast du gemerkt, dass du stark genug dafür bist?

Ende letzten Jahres. 2019 war ein krass erfolgreiches Jahr für mich: Ich habe mein erstes Album herausgebracht, habe meine erste Tour gespielt, war für viele große Künstler*innen Vorgruppe und habe einen Film gedreht. Mein Leben war bis dahin nicht so glitzerglitze – aber jetzt irgendwie schon. Dann habe ich bei einem Youtube-Format mitgemacht, bei dem ich von meiner Heimat erzählt habe. Da habe ich gemerkt, dass die Menschen mir gerne zuhören. Und dann ist auch noch der Ullstein Verlag auf mich zugekommen. Das war der Punkt, an dem ich dachte: Jetzt ist es Zeit, meine Geschichte zu erzählen.

Nura Omer: „Weißt du, was ich meine? – Vom Asylheim in die Charts“

Wie hast du den Schreibprozess empfunden?

Das war eine krasse Zeitreise für mich. Wir sind zu meiner Mama gefahren, die auch immer noch in Deutschland wohnt, haben Interviews mit ihr und meinen Geschwistern geführt und uns alte Fotos angesehen. Da sind natürlich auch Tränen geflossen. Das war ein Punkt, an dem ich wieder realisiert habe, wo ich überhaupt herkomme und was ich mittlerweile alles geschafft habe. Ich hätte niemals gedacht, dass ich so weit komme.

Sind dir beim Schreibprozess Ereignisse eingefallen, die du schon verdrängt hattest?

Ja, ich hatte ganz viele Dinge schon wieder vergessen. Zum Beispiel, dass ich meine erste Band eigentlich schon mit meinen Geschwistern im Kindergarten hatte. Die haben Blockflöte gespielt, und ich habe gesungen. Außerdem hatte ich mit meinem kleinen Bruder eine Art Podcast, den wir auf Kassette aufgenommen haben. Ich war damals schon echt musikalisch.

Wie ging es dann mit der Musik bei dir weiter?

Ich bin mit 18 Jahren nach Berlin gegangen und dort der Band The toten Crackhuren im Kofferraum beigetreten. Wir haben sechs Jahre lang Musik gemacht und keinen Cent verdient. Wir waren einfach mit Herz und Liebe dabei. Ich habe noch nie wegen des Profits Musik gemacht, sondern einfach aus Spaß. Zeitgleich war ich auch beim Berliner Kneipenchor, wo ich noch bis heute singe. Von 2014 bis 2018 war ich dann noch bei SXTN, meiner ersten Rapband. Ich mag sehr viele Musikrichtungen: Alternativ, Rock, Indie, Techno und House. Die geben mir immer wieder neue Power.

Nach der Flucht ihrer Familie aus Kuwait-Stadt nach Deutschland zog die Rapperin nach Berlin. Heute gehört sie zu den präsentesten Hip-Hop-Künstlerinnen Deutschlands. Für Omer ist Musik mehr als Entertainment: ein Hebel für Gleichberechtigung und gegen Rassismus gleichermaßen. (Foto: Johanna Ghebray)

Deinen ersten Soloauftritt hattest du beim „Wir sind mehr“-Konzert 2018 in Chemnitz. Wie war das für dich?

Pure Gänsehaut. Aber ich nenne diesen Aufritt ungern Soloauftritt, weil ich mit vielen anderen Künstler*innen gemeinsam gegen rechts und für einen guten Zweck gespielt habe. Es war so schön, dort auf der Bühne zu stehen und Menschen zu sehen, die trotz ihrer Privilegien solidarisch sind und ein Zeichen setzen wollen.

Wie ist es heute für dich, auf der Bühne zu stehen?

Das ist kein großes Ding für mich. Ich bin eigentlich nie aufgeregt. In der ersten Reihe meiner Konzerte würde ja nie jemand stehen, der mich nicht mag. Ich gehe einfach raus und bin ich selbst, und so kennen mich meine Fans auch. Ich mache keine Show und muss niemandem etwas vorspielen.

Du hast auch noch einen eigenen Podcast. Was hat es damit auf sich?

Mir ist irgendwann mal bewusst geworden, dass Künstler*innen immer in Formen von Q&As Fragen von Fans beantworten, aber nie fragen, wie es ihren Fans eigentlich geht. Das wollte ich umdrehen. Deshalb habe ich vor ungefähr einem Jahr den Podcast „Allo Leute“ auf Instagram gestartet, wo meine Fans von sich erzählen konnten. Ganz unter dem Motto „Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Mittlerweile sind wir mit dem Podcast auf Spotify. Nach einer längeren Pause geht’s damit bald weiter, weil ich anderen wirklich gerne helfe.

Wie nimmst du deine Verantwortung als Künstlerin mit Reichweite wahr?

Früher habe ich mir da wenig Gedanken drüber gemacht. Aber ich habe mich verändert und sehe heute, dass ich eine große Verantwortung habe. Je größer die Followerzahl, desto stummer werden die Künstler*innen, was Meinungen und politische Themen angeht. Das finde ich nicht gut. Egal wie viele Follower*innen ich haben werde, ich werde immer versuchen, relevante Themen anzusprechen. Das wird man auch an meinem neuen Album merken, an dem ich intensiv gearbeitet habe und das bald erscheint.

Wünschst du dir einen Wandel in der Rapszene?

Auf jeden Fall. Meine Wunschvorstellung: weniger Sexismus, keine Homophobie, kein Islamhass, kein Antisemitismus, kein Rassismus. Ich glaube, das bekommen wir hin. Aber das muss sich nicht nur in der Rapszene, sondern in der gesamten Musiklandschaft, TV-Welt und eigentlich in der gesamten Gesellschaft ändern.

Diese Themen sprichst du auch in deiner Biografie an. Wen möchtest du damit erreichen?

Alle Menschen, die einen schweren Start hatten. Egal ob sie nach Deutschland gekommen sind oder hier aufgewachsen sind. Das Buch geht an alle, die denken, sie packen es nicht, die sich nicht gerecht behandelt und allein fühlen.

Welche Message gibst du diesen Menschen mit auf ihren Weg?

Egal wie hart oder ekelig manche Menschen sind: Lass dich niemals unterkriegen. Es gibt immer Gleichgesinnte auf der Welt, die man früher oder später kennenlernen wird. Ich wurde auch in Berlin in die Regenbogen-Community aufgenommen, als ich niemanden hatte. Diese Menschen hat es nicht interessiert, woher ich komme, wen ich liebe oder an was ich glaube. Die haben mich so akzeptiert, wie ich bin. Jeder findet solche Menschen irgendwann. Deshalb sollte man niemals aufgeben.

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Katharina Boecker

Katharina hat Germanistik und Anthropologie in der westfälischen Provinz Münster studiert, welche sie für den Journalismus verlassen hat. Sie lebt jetzt in Berlin und sammelt dort an allen Ecken Inspirationen fürs Schreiben - und fürs Leben im Allgemeinen. Wenn sie nicht gerade nach vergessenen 80er-Hits im Internet sucht, interessiert sie sich für Politik, Popkultur und Sport.

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