Female Entrepreneurship „Eine Schwarze Frau macht andere Lebenserfahrungen als ein Weißer Hetero-Mann“

„Eine Schwarze Frau macht andere Lebenserfahrungen als ein Weißer Hetero-Mann“

Wie sieht die perfekte Führung aus? Eine Frage, an der sich die New-Work-Geister scheiden. Klar ist jedoch: Cholerische und unnahbare Vorgesetzte braucht kein Mensch. Flache Hierarchien und die Freiheit, die eigene Arbeit gestalten zu können wie man möchte, schon eher. Dennoch sollten keine anarchischen Zustände im Büro herrschen. Bisschen Führung muss schon sein. Das Thema ist kompliziert.

Bei der Social-Media-Agentur Granny sind gleich vier Personen an der Führungsspitze: Philip Hohn, Dora Osinde, Saghar Munz und Moritz Preisser.

Im Interview erzählt Chief Creative Officer Dora Osinde, wie das funktioniert, welche Vorteile das für das Team hat und wie dadurch Diversität gelebt wird.

Du bist Chief Creative Officer bei Granny, was sind dort deine Aufgaben? 

Im Großen und Ganzen ist es meine Verantwortung, dass die Kreativleistung, die wir unseren Kund*innen letzten Endes übergeben, exzellent ist. Ich stehe dabei eher am Prozessende eines Projekts und bin diejenige, die den Daumen hoch oder runter erteilt. Aber das klingt schlimmer als es ist. Es ist natürlich ein kreativer Vorgang. Da gehört viel People Management und Personalführung dazu, damit alle ihren besten Job machen können. 

Du bist nicht die einzige Führungskraft bei Granny. Wie kam es zu der Vierer-Spitze?

Ich kenne die drei Gründer*innen von Granny schon über fünf Jahre. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder zusammen an den unterschiedlichsten Projekten gearbeitet. Das hat in meiner Zeit bei Asos angefangen und hat während meiner Beschäftigung bei Zalando angehalten. Damals gab es Granny noch nicht. Als ich dann bei Netflix gearbeitet habe, wurde Granny ins Leben gerufen und jetzt bin ich in diesem Jahr selbst eine Granny geworden. 

Wieso eine Viererspitze? 

Es war eine sehr bewusste Entscheidung, sich zu viert zusammenzuschließen und die Führungsaufgaben zu verteilen. Bei uns herrscht sehr viel Wertschätzung für das Skillset der jeweils anderen. Wir sehen in entscheidenden Momenten immer wieder, dass es gut ist, dass wir alle anders ticken. So können wir das zusammenfügen, was wir jeweils am besten können.

Im Gegenzug nehmen wir auch in Kauf, dass eine Vierer-Spitze mehr Redebedarf und Abstimmungsaufwand bedeutet. Trotzdem haben wir das Gefühl, dass die Kombi an Erfahrungen und Skillsets richtig gut funktioniert.

Manchmal hört man ja auch, dass zwei schon eine*r zu viel ist. Schön, dass es bei euch funktioniert. 

Ich verstehe, warum das schwierig sein kann. Ich denke, der wichtigste Punkt ist tatsächlich der Ansatz, dass für bestimmte Themen die Person mit der besten Expertise und den meisten Insights die beste Entscheidung treffen kann. Natürlich ist da das Vertrauen der anderen auch sehr wichtig. 

Es läuft nicht immer perfekt. Klar gerät man auch mal aneinander. Wenn man für einander aber den nötigen Respekt hat, kann man Konflikte gut lösen. 

Kommt es bei euch denn öfter zu Konflikten? 

Tatsächlich haben wir hier in der Agentur eine große Feedback-Kultur. Wenn man das ongoing macht und direkt in dem Moment anspricht, in dem es ein Problem gibt, kommt es nicht zu großen Clashes. 

Es gibt bei uns mal ganz praktische Konflikte, die immer auftauchen, wenn man für 40 Leute verantwortlich ist und ein Office Space hat. Du wirst lachen, aber zum Beispiel sind wir aneinandergeraten, als es darum ging, welcher Bodenbelag verlegt werden soll. Da war aber klar: Das ist ein Operationsthema, Philipp hat das letzte Wort. 

Klingt so, als müsste man sehr selbstreflektiert sein, um anderen auch mal den Vortritt zu lassen. 

Das muss man total. Aber man muss auch den Fokus auf die Dinge legen können, die man gut kann und versuchen, darin besser zu werden. Da bestärken wir uns als Team auch gegenseitig. 

Ihr seid ein geschlechtlich gemischtes Team, zwei Frauen und zwei Männer. Welche Vorteile hat das deiner Meinung nach? 

Ich glaube die Geschlechterfrage wird an dem Punkt relevant, an dem es um persönliche Erfahrungen geht. Eine Schwarze Frau macht andere Lebenserfahrungen als ein Weißer Hetero-Mann. Wenn man ein diverses Team führt, dann ist es von großem Wert, dass die Führungsspitze sehr unterschiedlich ist. Wir können die Erfahrungen der Mitarbeiter*innen besser nachvollziehen und uns gegenseitig Hinweise geben, warum jemand beispielsweise eine bestimmte Frage stellt oder welche Konflikte manche Mitarbeiter*innen mit sich herumtragen müssen. 

Wenn ich Granny mit anderen Unternehmen meiner bisherigen Berufskarriere vergleiche, dann kommt mir unser Führungsmodell sehr gut vor. Dass bei uns vier Leute mit unterschiedlichem Background zusammenkommen, trägt dazu bei, dass die Perspektive, mit der wir führen, breiter ist. 

Was war die letzte Situation, bei der Du gemerkt hast, dass das gemischte Team ein Vorteil ist?

Wir haben mittwochs immer unser Leadership-Meeting. Zuletzt haben wir über Titel in E-Mail-Signaturen diskutiert. Wir haben uns jetzt dagegen entschieden. Der Grund ist, dass wenn bei einer jungen Projektmanagerin in der E-Mail-Signatur Junior Project Manager steht, Kund*innen gerne mal nach den Vorgesetzten fragen. Wir möchten vermeiden, dass jemandem durch einen Titel die Kompetenz abverlangt wird. Wenn man das dann auch noch auf Women of Color runterbricht, wird es eine noch kompliziertere Debatte. 

Gerade bei solchen Themen ist es total spannend, wenn vier unterschiedliche Leute in einer Diskussion sitzen und alle ihre Erfahrungen reingeben.

In welchen Bereichen merkt ihr da noch Unterschiede? 

Auch beim Hiring ist das total hilfreich. Saghar und ich als Women of Color werden oft als jünger empfunden als wir tatsächlich sind. Das ist die Erfahrung, die wir machen. Da ist es für alle Bewerber*innen bei Granny gut, wenn von den vier Leuten im Vorstellungsgespräch mindestens zwei auf jeden Fall auf solche Dinge achten, damit kein Bias vorherrscht.

Wie wirkt sich die gemischte Viererspitze auf das Team aus? 

Wir beobachten, dass unsere Mitarbeiter*innen ein bisschen ihre Favorites haben. Sie gehen mit Problemen dann zu der Person, bei der sie das Gefühl haben, am meisten verstanden zu werden. Oder sie gehen zu der Person, die am ehesten eine Lösung für sie parat hat. 

Du hast schon angesprochen, dass ihr ein diverses Team leitet. Was ist Diversität für dich? 

Auf das Office- und Jobleben bezogen, geht es darum, dass man so zur Arbeit kommen kann, wie man wirklich ist. Das sind auf den ersten Blick natürlich Fragen von Gender und Background. Heruntergebrochen auf persönliche Präferenzen, bedeutet Diversität für mich, dass sich alle bei Granny sicher fühlen und alle ernst genommen und akzeptiert werden. 

Wie sieht eure Diversity-Policy aus? 

Wir haben keine. Ich finde es auch immer total spannend, wenn Leute über eine Diversity Policy sprechen. Ich verstehe natürlich, dass größere Unternehmen da andere Umstände oder Rahmenbedingungen haben als wir. Aber unser Approach ist: Just fucking do it. Es gibt keine Quote hier im Unternehmen und es gibt kein Papier, auf dem steht, man muss divers einstellen. 

Über unseren Anspruch an einen guten Arbeitsplatz haben wir es geschafft, fantastische diverse Teams einzustellen, weil wir das für ein Erfolgsrezept halten. Es ist für uns moralisch und politisch wichtig. 

Wie schätzt du die Diversität in Führungsposition in Deutschland ein? 

Wir alle kennen die aktuellen gesellschaftlichen Debatten und auch meine eigene Erfahrung unterstreicht diese Entwicklung. Ich würde mir bei Kundengesprächen oder der Zusammenarbeit mit anderen Agenturen wünschen, in bestimmten Positionen mehr Frauen und mehr People of Color zu sehen. 

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