Innovation & Future Sono Sion: Dieses in München entwickelte Auto hat eingebaute Solarzellen und einen Luftfilter aus Moos

Sono Sion: Dieses in München entwickelte Auto hat eingebaute Solarzellen und einen Luftfilter aus Moos

E-Auto mit integrierten Solarzellen, preisgünstig, einfach zu reparieren mit Youtube-Tutorials. Und dann auch noch mit Luftfilter aus echtem Islandmoos – gibt es ein Fahrzeug, das mehr 2021er-Bedürfnisse abdeckt?

Jedenfalls glauben über 13 000 Menschen derart an den Sono Sion, dass sie im Schnitt 3 000 Euro angezahlt haben, um das Auto zu bekommen. Im Jahr 2023 soll es serienmäßig vom Band laufen – wenn alles gut geht.

Die Gründer und heutigen CEOs werden dann gerade mal in dem Alter sein, in dem andere Citybewohner über die Anschaffung des ersten eigenen Kfz nachdenken. Jona Christians ist 28, Laurin Hahn 27. „Am Ende der Schulzeit haben wir gemerkt, dass zwei Sachen passieren“, sagt Mitgründer Christians. „Erstens, dass wir uns in Nine-to-five-Jobs überhaupt nicht sehen. Und zweitens, dass die Klimakrise ein riesiges Problem ist, das immer noch oft kleingeredet wurde.“

Das war 2012. In der Zeitspanne, die andere mit Studium und Praktika verbringen, zogen Christians und Hahn, sein Freund aus der Waldorfschule, mal eben eines der interessantesten deutschen Hardware-Startups hoch.

So klischeehaft es sich liest, im Gründungszusammenhang auf Garagen zu sprechen zu kommen: Genau dort bauten die beiden ihre ersten Prototypen. Wie man das hinbekommt? „In der Waldorfschule lernt man, Sachen in die Hand zu nehmen, keine Angst davor zu haben. Dann einfach Youtube und ausprobieren“, sagen die Gründer. Viele Sachen hätten anfangs zwar nicht geklappt, doch Ehrgeiz und Hartnäckigkeit führen dann doch eben irgendwann zum Ziel.

Mitgründerin Navina Pernsteiner, heute 32, lernten die beiden dann noch in einer WG kennen. Sie entwickelte für das Unternehmen die Marke Sono Motors. Außerdem dachte sie das Unternehmen gleich größer: nicht nur als Fahrzeughersteller, sondern auch gleich als Digitalbusiness.

Zwar hat Pernsteiner mittlerweile das Unternehmen verlassen, die Ideen allerdings bleiben. So entwickelt Sono neben dem Sion gleich auch noch eine Ridesharing-Plattform sowie die Möglichkeit, das eigene Auto mit bestimmten Personen zu teilen. Ein Vorhaben, das derzeit von mehreren etablierteren und anderen neuen Playern wie etwa Mini oder Lynk & Co angegangen wird, wo aber sicherlich die Claims noch lange nicht verteilt sind.

Gefertigt werden soll der Sion im schwedischen Trollhättan. Das dortige Autowerk diente früher der Marke Saab. Für ein in Bayern entwickeltes und im Hochlohnland Schweden gefertigtes Auto hat der Sion einen erstaunlich niedrigen Preis: 25 500 Euro soll er kosten. Dafür gibt es ihn nur in einer einzigen Farbe, und er bietet auch sonst keine großen Extras. Das Aufregende ist das Zukunftsversprechen. Der Motor kommt von Vitesco, die Elektronik von Bosch, die Batterie von ElringKlinger. Die Gründer:innen haben verstanden: Kompetenz zukaufen ist oft billiger als selber entwickeln.

Hahn und Christians wollen kein Luxussegment bedienen: „Meine eigenen Eltern hätten sich ein Fahrzeug über 30 000 Euro auch nicht einfach leisten können“, sagt Christians. Der Preis soll nach aktuellem Stand gleich bleiben, obwohl Sono jetzt einen stärkeren Akku als ursprünglich geplant verbauen wird. Denn dafür hatte sich die Vorbesteller:innen-Community in einer Abstimmung mit großer Mehrheit ausgesprochen.

Und Sono hört auf seine Fans. Die haben immerhin einen großen Teil der Finanzierung gestemmt: Ende 2019 stand es nicht gut um die Finanzen der Firma, doch im Crowdfunding kamen dann doch mehr als 50 Mio. Euro rein.

Auch der Produktionsstart musste immer wieder verschoben werden. Sono lockt aber mit einem außergewöhnlichen Versprechen: Wer den Sono zum Pendeln nutzt, wird ihn nur sehr selten aufladen müssen. Denn die 248 direkt in die Karosserie integrierten Solarzellen sollen nach Firmenangaben bis zu 245 Kilometer zusätzliche Reichweite in der Woche ermöglichen. Im Durchschnitt seien es 112. Schließlich scheint nicht immer und überall gleich viel Sonne.

Stimmt: So reicht auch am wolkigen Sommertag der Probefahrt in Berlin, zu der ausgewählte Journalist:innen gekommen sind, die Ausbeute bloß für den Betrieb der Musikanlage. Trotzdem rechnet Sono vor, dass man das Auto als durchschnittliche Pendler:in erst nach etwa 1 000 Kilometern wieder an die Steckdose anschließen müsste.

Bei einer längeren Fahrt soll der neue 54-kWh-Akku eine Reichweite von maximal 305 Kilometern bieten (in etwa vergleichbar mit dem Volkswagen ID.3 aus demselben Segment). Die eingesetzte Batterie enthält dabei anders als Lithium-Ionen-Akkus weder Kobalt, Nickel noch Mangan.

Übrigens eignet sie sich auch für sogenanntes bidirektionales Laden. Man kann den Sono deshalb auch als riesige Powerbank verwenden. Die Möglichkeiten sind faszinierend: das Auto als Energiequelle fürs Camping. Oder man teilt Kapazität mit einem anderen E-Auto. Oder aber man befeuert im Dezember die Weihnachtsbeleuchtung. Jedenfalls so lange, bis die Solarzellen irgendwann einschneien.

Im Dossier der vierten Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Thema Sales & Retail. Mit Blick auf unsere Titelgeschichte sei gesagt: Wir brauchen eine OnlyFans-Strategie! Außerdem ist es eine sehr musik- und kunstlastige Ausgabe geworden: Drangsal, Kool Savas, Ju Schnee, Simon Lohmeyer, Rapperin Little Simz – alle dabei. Nur noch ein paar Tage am Kiosk eures Vertrauens – oder hier im Aboshop.

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