Life & Style „Ich will mir einfach nichts sagen lassen“ – Vanessa Mai über ihre Identität als Musikerin

„Ich will mir einfach nichts sagen lassen“ – Vanessa Mai über ihre Identität als Musikerin

Bloß Schlagerstar ist Vanessa Mai schon lange nicht mehr – jetzt geht sie Koops mit Rappern ein. Ein Gespräch über Genregrenzen, ihre Identität und das Lob der Vielseitigkeit.

Vanessa, im Herbst hast du deinen Song „Happy End“ gemeinsam mit Rap-Ikone Sido herausgebracht. Der ist zum erfolgreichsten Song deiner Karriere als Musikerin geworden – überrascht?

Das genieße ich gerade sehr. Es war überhaupt nicht vorhersehbar. Sido war echt eine Hausnummer für mich. Ich habe mich so gefreut, als er zugesagt hat. Aber dass es gleich solche Dimensionen annehmen wird, hätte ich nicht gedacht.

Du bist eigentlich im Schlager zu Hause, hast schon sieben Studioalben produziert. Macht dich nicht stutzig, dass du in dem für dich eigentlich fremden Genre plötzlich größeren Erfolg hast?

Gar nicht. Ich versuche, die Musik einfach nicht miteinander zu vergleichen. Es ist ja immer noch ein Song von mir. Ich habe sogar erst befürchtet, dass Sidos Part zu klein sein wird. Aber es hat genau so gepasst, die Leute feiern uns gemeinsam. Damit hat keiner von uns beiden gerechnet, deshalb ist es umso cooler.

Es ist nicht dein erstes Rap-Feature. Du hast in der Vergangenheit auch schon welche mit Olexesh und Fourty produziert. Warum Rap?

Im Rap sind die Menschen offener und denken nicht so in Schubladen. Es war immer sehr angenehm, mit Rappern zusammenzuarbeiten, weil sie sehr frei agieren und eher diese lockere, amerikanische Denkweise haben.

Sprechen wir übers Business: Mit welcher Strategie wählst du diese Kollaborationen aus?

Ich frage tatsächlich die meisten Musiker:innen einfach per Instagram an. Ich bin da ganz offen und direkt. Ich habe mich davon freigemacht, um den heißen Brei zu reden. Und wer Bock hat, sagt zu. Das kann man nicht im Voraus planen, es gibt keine Strategie. Es geht nicht nur um Reichweite. Die Synergie zwischen beiden Parts entsteht ja nicht, weil einer von beiden erfolgreich ist. Oft sind es persönliche Gemeinsamkeiten.

In welchem Genre fühlst du dich für die Zukunft mehr zu Hause? Wo wirst du für den Weg nach vorn einen stärkeren Fokus setzen?

Genres waren mir immer egal, ich wollte einfach Musik machen. Das mit dem Schlager hat sich so ergeben. Dabei war mein einziges Ziel immer: in Arenen stehen und Fans bei mir haben, die meine Musik feiern. Ich wollte nur auf die Bühne. Ich habe mich selbst nie kategorisiert.

Das haben andere für dich getan, als man dich als Schlagersängerin aufgebaut und präsentiert hat.

Witzigerweise werden Sängerinnen aus anderen Genres nur als Sängerinnen bezeichnet, im Schlager ist das anders. Mit diesem Titel gingen plötzlich Grenzen einher. Das fing schon mit bauchfreien Oberteilen und Löchern in den Jeans an. Aber dafür kann das Genre nichts. Es ist nicht das Genre, das mich unglücklich gemacht hat, sondern es sind die Menschen, die mir vorschreiben wollten, was geht und was nicht geht.

Klingt ganz danach, als hättest du dich zuletzt sehr eingeengt gefühlt.

Man hat versucht, mir Grenzen aufzuerlegen. Aber ich liebe Challenges, deshalb hat mich das nur noch mehr angestachelt. Ich will mir einfach nichts sagen lassen und strategisch in Zielgruppen denken müssen. Deswegen habe ich mich Step by Step in eine andere Richtung entwickelt. Eine, die mir mehr Spaß macht und in der ich mich wohlfühle. Ich glaube, ich setze damit gerade Fußstapfen, die noch niemand gesetzt hat.

Wie äußert es sich, dass du nach und nach auch eine andere Zielgruppe bedienst, wie nimmst du die Veränderung wahr?

Gerade durch Social-Media-Plattformen wie Instagram und Tiktok hat sich so viel geändert. Die Zielgruppe insgesamt ist jünger geworden. Aber auch die Eltern meiner Follower:innen sind teilweise noch Fans. Ich würde aber sagen, dass die Zielgruppe insgesamt wächst.

Und was ist mit den Fans deiner Anfänge? Nennen wir sie vorsichtigerweise mal Schlager-Ultras.

Klar, gibt es einige, die mit meiner musikalischen Veränderung nicht umgehen können. Das sind aber genau die, die in Schubladen denken und es nicht annehmen wollen. Ich sehe das aber nicht als Groll gegen mich als Person. Ich bin aus dem Alter raus, mir Gedanken darum zu machen.

Du gehst im kommenden Frühjahr auf Tour. Müssen deine Fans also damit rechnen, dass du keine alten Schlagerhits mehr spielst?

Es wird sicherlich Menschen geben, die kommen wegen „Happy End“. Andere kommen wegen „Wolke 7“. Alle haben verdient, das zu hören, wofür sie gekommen sind. Deshalb werde ich eine Mischung aus alten und neuen Songs spielen. Alle Lieder gehören zu meiner Geschichte. Ich will nichts vertuschen.

Teilweise wirst du also fließende Übergänge in den Live-Sets schaffen. Mal eine Überlegung für die Zukunft: Werden Genres komplett verschwinden?

Ich glaube, allein wegen Spotify und Co braucht man eine Kategorisierung, um Musik einordnen zu können. Also werden Genres weiterhin bestehen. Ich glaube aber auch, dass Genres sich in Zukunft mehr öffnen werden. Mir geht es auch gar nicht gezielt darum, Genres aufzubrechen, sondern zu zeigen, dass ich auch Musik machen kann, die für manche kein Schlager mehr ist.

Für welche genreübergreifenden Features siehst du demnächst besonders großes Potenzial?

Mir geht es nicht darum, dass bestimmte Genres, sondern bestimmte Künstler:innen aufeinandertreffen. Das finde ich spannend. Und ich höre eh alles, vor allem kommerzielle Musik. Alles, was im Radio gespielt wird. Ich bin da sehr offen, was sich mittlerweile auch in meiner Karriere widerspiegelt.

Aus der Erfahrung deiner letzten Monate: Wie baut man sich eigentlich eine neue Identität auf? Wie gelingt das auf glaubwürdige Art?

Das klingt so strategisch. Von manchen Menschen werde ich gerade erst wahrgenommen, von anderen werde ich jetzt anders wahrgenommen, als sie mich kennengelernt haben. Also jemand Außenstehendes sieht es sicher als neue Identität. Aber im Prinzip bin ich immer noch dieselbe.

Musik ist nicht dein einziges Standbein. Du hast zum Beispiel dein eigenes SWR-Format bei Youtube. Wie wichtig ist es dir, mehrgleisig zu fahren?

Für mich ist es normal, dass eine Musikerin nicht nur auf der Bühne stehen kann. Das sehe ich schon immer an meinen persönlichen Idolen wie Jennifer Lopez, die auch Businessfrau ist. In Amerika ist das ohnehin Standard. Und gerade die Pandemie hat uns gelehrt, was passiert, wenn man nur mit der Musik seinen Unterhalt verdient. Die Bühne macht mich zwar am glücklichsten, aber ich liebe auch jedes andere Business. Diese Vielfältigkeit finde ich wichtig.

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