Life & Style Tom Schilling im Interview: „Ich bin ein totaler Autodidakt“

Tom Schilling im Interview: „Ich bin ein totaler Autodidakt“

Nicht mehr nur auf der Leinwand bekannt: Seit mehr als fünf Jahren begeistert der Schauspieler Tom Schilling mit eigener Band deutsche Konzerthallen. Unter dem neuen Namen „Die Andere Seite“ bringen sie jetzt das nächste Album heraus. Ein Gespräch über tiefe Sehnsüchte und die Bedeutung von Erfolg.

Tom, du hast mit deinem neuen Album den Namen deiner Band von „Tom Schilling & The Jazz Kids“ zu „Die Andere Seite“ geändert. Warum der Abschied vom eigenen Namen?

Ich wollte diese Veränderung. Ich fand es eleganter, einen Bandnamen zu haben, der etwas assoziativer ist – und keinen Namen im Titel trägt.

Wie gelingt das bislang?

Es hilft mir, freier zu sein. Sachen zu machen, die sehr persönlich sind und die ich nicht angehen würde, wenn mein Name dabeisteht.

Kam der Schritt spontan?

Ich habe lange darüber nachgedacht und mit Freunden und Wegbegleitern darüber gesprochen. Der Grundtenor der Reaktionen war immer, warum ich mich denn von Tom Schilling als Musikername verabschieden will, wo es doch meine Lieder sind – und dazu noch sehr persönliche. Doch genau deswegen wollte ich nicht – wie beispielsweise Marlene Dietrich oder Manfred Krug – meinen Namen zur Marke machen. Im Gegenteil. Obwohl es persönlich ist, möchte ich am liebsten hinter den Liedern verschwinden.

Was drückt „Die Andere Seite“ für dich aus?

Das ist eine schöne Metapher für das Unbekannte, das Jenseits, das Nirwana oder die ewige Ruhe.

Das Album heißt „Epithymia“, was Sehnsucht bedeutet. Wie passt das mit dem Jenseits zusammen?

Es ist das Sehnen nach dem Verschmelzen. Nach dem inneren Frieden und dem Ankommen. Zu Ende gedacht ist das eben der Tod. Auch wenn niemand sein Leben bewusst frühzeitig beenden möchte, so gibt es für besonders sehnsüchtig veranlagte Menschen immer dieses Gefühl der Unvollkommenheit.

„Epithymia“ (22.4)

Welche musikalischen Einflüsse finden sich auf dem Album?

Ich würde sagen, es ist eine Art Doom-Folk. Und die Einflüsse sind sehr ambivalent, wodurch eine starke Reibung entsteht. Ich mag Klassik der Romantik, insbesondere Franz Schubert. Ich bin mit Rammstein und den Einstürzenden Neubauten aufgewachsen und kann mir heute sowohl Black Metal als auch Lana Del Rey anhören.

Welche musikalischen Vorbilder stecken da außerdem drin? Du sprichst oft von Nick Cave.

Ja, aber der tritt immer weiter in den Hintergrund. Bei dem Album waren Towns Van Zandt, Velvet Underground, The Doors, aber auch die Musikerin Chelsea Wolfe ein großer Einfluss für mich. Richtig verändert hat sich mein Geschmack eigentlich nie. Ich habe mich immer auf das Traurige und Melancholische gestürzt.

Wie viel Autobiografie steckt jetzt noch in deinen Texten?

Da lasse ich Raum zur Spekulation. Es tut der Musik nicht gut, zu viel zu erklären. Die Musik ist sehr textlastig. Sie ist anspruchsvoll und erfordert viel Aufmerksamkeit. Ich glaube, ich würde ihr das Geheimnis nehmen, wenn ich verrate, wie viel es tatsächlich mit meinem eigenen Leben zu tun hat. Ich mag diese Rätselhaftigkeit.

Welchen Anspruch hast du darüber hinaus an deine Liedtexte?

Mein Anspruch ist, dass meine Texte niemals Floskeln sind. Sie sollen immer aufrichtig und wahrhaftig sein, ohne jedoch unangenehm privat zu werden.

Gibt es für das Songwriting bereits eine Routine?

Nein, das ist recht unterschiedlich. Es ist ein sehr privater Prozess für mich. Ich denke viel nach. Sobald ich irgendetwas sehe oder höre, was mich berührt, versuche ich, mich darauf einzulassen und es festzuhalten. Irgendwann springt der Funke dann über, dann komponiert sich der Rest des Liedes fast wie von selbst.

Sprechen wir weiter über den Prozess: Bist du der Typ, der sich zum Arbeiten immer zurückziehen muss?

Ich halte meine Gedanken immer privat und brauche meine Ruhe. Ich bin ein totaler Autodidakt. Ich habe auch in der Vergangenheit selten Lehrer um mich gehabt. Vielleicht auch aus Angst, vor anderen Fehler zu machen – die möchte ich gerne lieber im Verborgenen machen.

Was fällt dir leichter: Texte für einen Song schreiben oder Texte für eine Rolle lernen?

Lieder schreiben ist ganz schön anstrengend, weil ich den Prozess nicht erzwingen kann. Das ist teilweise sehr quälendend, wie chinesische Wasserfolter. Doch sobald der Funke überspringt, läuft es einfach. Texte für einen Film lernen ist hingegen total langweilig. Das ist reine Fleißarbeit.

Aber nach über 20 Jahren als Schauspieler ist das doch sicher ein Klacks für dich.

Ich bin schon eher faul, was Texte lernen angeht. Das bin ich von Natur aus bei allen Dingen, die so stupide sind.

Gehen wir weiter in den Vergleich: Ist deine Leidenschaft für die Musik größer als die für das Schauspiel?

Ich mag beides total gerne. Deshalb ist es schwierig, sich für eines zu entscheiden. Aber ich kann sagen: Die Musik ist von vorne bis hinten persönlich, weil ich nicht wie beim Film nur der Interpret bin, der eine bestimmte Vorlage zu etwas Persönlichem macht. Bei der Musik kommt hingegen alles tief aus mir heraus.

Mal ein Gedankenspiel: Was würdest du also eher aufgeben – Film oder Musik?

Das schaffe ich nicht. Es sind beide wie meine Kinder.

Sprechen wir über Erfolg. Ist es für dich eher die große Kinorolle oder die neue Platte?

Erfolg bedeutet für mich, dass ich etwas gemacht habe, das mir selbst gefällt. Etwas, das mir echt gut gelungen ist und ich so nicht anders hätte machen können. Und wenn ich das Ergebnis als Konsument selbst gut finde.

Es hängt also nicht davon ab, wie ein Werk wahrgenommen wird?

Ich bin natürlich enttäuscht oder traurig, wenn ein Projekt, an dem mein Herz hängt, kein großes Publikum erreicht. Das kann mich sogar in eine Krise stürzen. Wie viel Geld ein Film einspielt oder wie oft ein Lied gehört wird, ändert jedoch nichts daran, welchen Wert es für mich hat.

Spielt Kommerz überhaupt noch eine Rolle in deinem Dasein als Schauspieler?

Ein erfolgreicher Schauspieler ist für mich nicht der, der bekannt ist, sondern der, der berührt. Wenn ein Schauspieler vielen Menschen bekannt ist, weil er auf Plakaten für Espresso wirbt, dann macht es ihn nicht zu einem besonderen Schauspieler.

Ist das der Grund, warum du dich Werbedeals verweigerst?

Die Stärke meines künstlerischen Ausdrucks ist eine Wahrhaftigkeit und Durchlässigkeit. Würde ich Reklame machen, hätte ich Angst, sie zu beschädigen. Jeder soll das natürlich handhaben, wie er will. Ich erlaube mir da kein Urteil. Ich persönlich hätte aber das Gefühl, mich zu verraten.

Dennoch nimmst du auch Rollen in populären Kinoproduktionen an. Warum dann nicht nur Arthouse?

Mir geht es nicht ums Genre, sondern um die Qualität. Ich spiele auch nicht anders, nur weil es eine Komödie ist. Ich nehme jede Figur ernst und komme ihren Wünschen und Sehnsüchten nach.

Welche Filmrollen würdest du in jedem Fall ablehnen?

Rollen in Filmen, wo ich den Humor nicht verstehe oder mich einfach mit den Machern nicht wohlfühlen könnte. Das muss manchmal nur ein Bauchgefühl sein. Oft ist das bei Filmen mit einem Big Budget der Fall. Richtig gut bin ich nur, wenn das Zwischenmenschliche stimmt. Das schließt sich manchmal aus.


Das ist ein Text aus unserer Ausgabe 2/22. Außerdem zu lesen: Krypto-Art-Dossier. Big-Wave-Surfen in Portugal. Der CEO der Online-Uni Coursera. Und Cannabis aus Sachsen. Am Kiosk oder hier.

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