Leadership & Karriere Autor Jürgen Hesse über irre Chef:innen und wie wir mit ihnen umgehen

Autor Jürgen Hesse über irre Chef:innen und wie wir mit ihnen umgehen

Die meisten von uns haben tagtäglich mit ihren Vorgesetzten zu tun. So unterschiedlich Job und Bürokultur sind, so unterschiedlich kann auch die Beziehung zu den Vorgesetzten sein. Kommunikation ist hier wie immer das A und O. Versteht ihr euch gut mit ihnen, hat das einen großen positiven Impact auf euren Arbeitsalltag und euer Gemüt. Doch was, wenn mein:e Chef:in ausfallend wird und sich total mies verhält? Und zwar nicht nur einmal. Was man dann als Arbeitnehmer:in tun kann, weiß Psychologe und Autor Jürgen Hesse. In seinem neusten Buch „Mein Chef ist irre – Ihrer auch?“, das er gemeinsam mit Hans Christian Schrader verfasst hat, definiert Hesse irre Cheftypen und erklärt, wie man mit ihnen umgehen kann.

Herr Hesse, Ihr Buch hat den Titel „Mein Chef ist irre – Ihrer auch?“ Was verstehen Sie unter der Bezeichnung „irre“?

Zunächst einmal das, was auch Sie darunter verstehen: ein unangemessenes, auffälliges Sozial-Verhalten. Noch allgemeiner formuliert: ein sehr „schlechtes Benehmen“.  Wir verwenden bewusst dieses recht umgangssprachliche Adjektiv, das alleinstehend eher etwas außergewöhnlich Negatives assoziieren lässt.

Angemessen und sprachlich auf etwas höherem Niveau wäre sicher das Adjektiv „psychopathisch“ oder „neurotisch“, was jedoch sehr viel milder, leider aber aus der Mode gekommen ist. Junge Menschen kennen diesen Begriff nicht mehr, was dann aber in der Unterzeile auftaucht. Hier sprechen wir von „Psychopathen“, dem angemessenen Begriff für eine Personengruppe, deren Fühlen, Denken und Handeln sich auffällig deutlich von der Norm unterscheidet und Krankheitswert und -charakter hat.

Wann darf ich meinen Chef oder meine Chefin als irre bezeichnen?

Zu unterscheiden wäre da zunächst: wem gegenüber? Formal juristisch stellt die Bezeichnung vielleicht gerade noch keine Beleidigung dar. Jedoch wenn Sie in Gegenwart von einem Kunden, ihre:n Chef:in als irre bezeichnen würden… Aber das ist sicherlich ein schwieriges juristisches Terrain. Also ist schon etwas Vorsicht geboten. Ansonsten gilt: Wenn Sie das Gefühl haben Ihr:e Chef:in denkt und handelt Ihnen oder anderen Personen gegenüber so außergewöhnlich anders, als es zu erwarten wäre, könnte dies für Sie den Gebrauch dieser Formulierung schon rechtfertigen.

Autorenduo: Jürgen Hesse (l.) und Hans Christian Schrader

Wodurch zeichnen sich irre Cheftypen aus?

Zunächst einmal gibt es zehn Grundtypen. Hinzukommen dann Mischtypen, die zwei bis drei typische Merkmale als Grundformen vereinen. Haupttypen in der Arbeitswelt sind: Narzisst, Egomane, Paranoider und Zwanghafter. Häufig treten auch Mischformen auf.

Hier die ersten drei von etwa zwanzig Auffälligkeiten, woran man Psychopathen erkennt:

  1. kann sehr charmant und eloquent auftreten, sich als sehr angenehmer Smalltalker präsentieren, scheinbar recht offen (extravertiert) wirken aber auch das Gegenteil: verschlossen, zurückgezogen, fast unsicher, Kontakt ablehnend oder vermeidend 
  2. ist von sich enorm überzeugt bis stark narzisstisch veranlagt und prinzipiell immer im Recht
  3. verfügt über eine gute Portion Überzeugungskraft,  manipuliert gerne, schlechter Zuhörer, unkooperativ, unzuverlässig, unterliegt starken Stimmungsschwankungen

Nicht alle Charaktermerkmale treten gleichzeitig bei einer Person auf. Psychopathen sind sehr unterschiedlich: von autistisch bis fanatisch, von zurückgezogen bis geltungssüchtig, von selbstunsicher bis extrem von sich überzeugt. Dabei kann ein äußerst gewinnendes, charmantes und scheinbar offen kommunikatives Verhalten urplötzlich umschlagen und abgelöst werden durch ein zutiefst autoritäres, Menschen verachtendes, zerstörerisches Tun, nur um eigene Ziele machtvoll durchzusetzen.

Geben Sie doch mal drei Beispiele für irre Cheftypen.

  1. Der Narzisst: Narzissten lieben das Blitzlichtgewitter und sind süchtig nach Aufmerksamkeit und Beifall. Ihre Büros hängen voller Auszeichnungen und Fotos, auf denen sie Prominenten die Hände schütteln. Um sich herum versammeln sie Scharen von Ja-Sagern und dulden keine anderen Kompetenzen in ihrer Nähe. Geht etwas schief, schieben sie die Schuld gerne anderen in die Schuhe. Häufig anzutreffen in eher repräsentativen Vorzeige-Unternehmen oder politischen Positionen.
  2. Der Egomane: Weder müssen sie im Rampenlicht stehen noch brauchen sie die Bewunderung durch andere. Egomane führen mit fester, eiserner Hand, jeder muss nach ihrer Pfeife tanzen. Mit rücksichtsloser Zielstrebigkeit wird stets nur der eigene Plan und Vorteil verfolgt. Sie bekommen die Taschen und den Hals nicht voll genug – sind ein Ausbund an Eigennutz und Egozentrismus, kritikunfähig, schnell kränkbar und überhaupt sehr schwierig im Umgang. Kurzum: absolut teamunfähig.
  3. Der Paranoide: In ihrem Weltbild sind nicht sie es, die andere bedrohen und sich feindselig verhalten, sondern umgekehrt. Sie zweifeln grundlos an der Loyalität oder Glaubwürdigkeit von Mitarbeitenden und messen harmlosen Bemerkungen oder Vorkommnissen eine versteckte, für sie abwertende oder bedrohliche Bedeutung zu. Sie sind extrem misstrauisch, leicht kränkbar, furchtbar nachtragend und aus ihrer Sicht stets von Feinden umgeben und verfolgt.
„Mein Chef ist irre, Ihrer auch?“ (30.6.22)

Wie gehe ich als Angestellte:r mit miesen Chef:innen um?

Wenn Sie den ersten deutlichen Leidensdruck spüren ist es höchste Zeit, in sich zu gehen. Was löst das Verhalten des Vorgesetzen bei mir aus? Woran erinnert es mich? Sehe ich eine realistische Chance mit dem Vorgesetzten darüber zu sprechen, überhaupt ins Gespräch zu kommen und glaube ich daran dadurch etwas positives bewirken zu können? Ähnlich wie beim Autofahren fährt man den Tank nicht leer, sondern rechtzeitig an die Tankstelle.

Und was kann ich konkret in oder nach einer Streitsituation tun?

Wenn es wieder gekracht hat zwischen Ihnen und Ihrem Chef, gilt: spontan, erst einmal raus aus der Situation und durchamten. Nachdenken, was passiert ist, was Sie so verletzt und warum. Sich mit mindestens zwei Personen Ihres Vertrauens besprechen. Dann gibt es drei verschiedene Umgangsstrategien:

  1. Change it: die Situation verbessern. Manchmal ist es möglich, das Verhalten des Chefs oder die Form der Zusammenarbeit zu verändern. Ziel ist es, sich von den unangenehmen Aspekten, die die Zusammenarbeit begleiten, zu befreien. Möglich ist dies am ehesten bei weniger toxischen Chefs.
  2. Survive it: sich arrangieren. Vielleicht schaffen Sie es mithilfe einiger Tricks, Ihren Psycho-Chef zu ertragen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Das kann für einen gewissen Zeitraum funktionieren, wenn die Lage zwar schon sehr unangenehm, aber noch nicht ganz unerträglich ist.
  3. Leave it: flüchten. Bei absolut toxischen Vorgesetzten, echten Psychopathen oder Führungskräften mit massiven Persönlichkeitsstörungen empfehlen wir Ihnen erst gar nicht, die Situation noch länger zu ertragen oder gar verändern zu wollen. Die Gefahr den Kürzeren zu ziehen und noch mehr Leid zu erfahren, ist viel zu groß. Dafür ist Ihre Gesundheit zu kostbar.

Wie kann ich verhindern, selbst zur einer irren oder miesen Führungskraft zu werden?

Erinnern Sie sich stets, was Sie selbst an Ihren Vorgesetzten miserabel fanden und lassen Sie sich von Menschen in Ihrer beruflichen Umgebung kritisches Feedback geben. Wertschätzen Sie den Mut Ihrer Untergebenen, wenn die sich trauen offen kritisch mit Ihnen zu sprechen und lernen Sie daraus. Lobhudeleien Ihrer Mitarbeitenden sind eher mit Vorsicht zu genießen, aber fast jeder Chef ist dafür sehr anfällig, geht diesem Süßstoff auf den Leim.

In Ihrem Buch gehen sie noch ausführlicher auf die verschiedenen Cheftypen und den Umgang mit Ihnen ein. Wen wollen Sie mit dem Buch erreichen?

In erster Linie die etwa 45 Mio. lohnabhängig Beschäftigten, die Bücher lesen und mit einem schlechten Gefühl am Sonntagabend an die vor ihnen liegende Arbeitswoche denken. Davon gibt es etwa so um die 30 Prozent Leidende, aber nicht alle lesen, insbesondere wenn es um ein so schmerzhaftes Thema geht. Zur Zielgruppe gehören aber auch Vorgesetzte, die selbst auch wiederum einen Chef haben, unter dem sie leiden, was überhaupt gar nicht selten ist.

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