Innovation & Future Charlotte Kuhrt: „Jeder Körper darf existieren und begehrt werden“

Charlotte Kuhrt: „Jeder Körper darf existieren und begehrt werden“

Charlotte Kuhrt ist Plus-Size-Model, Art Direktorin, Influencerin, Podcasterin und vor allem eines: Selbstliebe-Aktivistin. Auf ihrem Instagram-Account und mit ihren Projekten empowert sie Menschen, den eigenen Körper zu lieben. Vor kurzem hat sie als Art Direktorin das erste Mal einen Porno mitproduziert. Der Film mit dem Namen „Muse“ ist die erste eigene Auftragsproduktion der Pornoplattform Cheex, die sich vom Mainstream-Porno verabschiedet und auf ethische sowie moralisch faire Produktionen setzt. Der Plot von „Muse“: ein Aktzeichnenkurs, drei verschiedene Frauen, drei Arten von Lust.

Nachdem wir bereits im Interview mit Lotte Andereya, Head of Content bei Cheex, über „Muse“ und die neue Art von Porno gesprochen haben, erzählt uns Art Direktorin Charlotte Kuhrt nun, welche Rolle sie am Filmset eingenommen hat und inwieweit wir unsere Sichtweise auf mehrgewichtige Körper ändern müssen.

Charlotte, du hast bei dem Pornofilm „Muse“ von Cheex als Art Direktorin mitgewirkt. Warum hast du dich für diese Zusammenarbeit entschieden?

Cheex macht eine Tür auf, über die sich keiner traut zu sprechen. Cheex hebt Pornos auf eine andere Ebene in die Öffentlichkeit. Die Plattform geht mit Pornos anders um. Ich glaube, wir alle haben eine gewisse Scham oder fühlen uns unwohl mit unseren Körpern. Cheex nimmt dieses Unwohlsein. Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, dass wir auch über dicke Körper sprechen und das Lustempfinden zelebrieren.

Welche Aufgaben hast du bei der Filmproduktion von „Muse“ übernommen?

Das fing schon mit den Vorbereitungen an. Ich habe mich viel mit Sylvia Borges ausgetauscht, die die Idee hatte und das Drehbuch geschrieben hat. Es ging vor allem darum: Wie sehe ich eine dicke Frau? Was wünsche ich mir? Stellen wir die dicke Frau in den Mittelpunkt oder nicht? Also ging es um die visuelle Darstellung. Auch beim Casting war ich beratend mit dabei. Ich habe das Team unterstützt, wenn es Fragen gab und habe das Event rund um den Film mit konzipiert. Am Set selbst habe ich vor allem den Prozess begleitet und Backstage Fotos gemacht.

Du hast also auch inhaltlich mitbestimmen können. Welche Aspekte waren dir am wichtigsten?

Zwei Sachen. Zum einen die Ästhetik. Es soll Menschen so zeigen, dass man sich nicht schämen muss. Köper anders porträtieren, als wir es aus den klassischen Pornos kennen. Zum anderen wollte ich aber auf keinen Fall einen Film machen, wo dauernd gesagt wird: Guck mal, hier ist die dicke Person und ach, ist sie nicht schön! Sondern ich wollte, dass es einfach stattfindet. Dass es da ist und ganz natürlich in den Film einfließt.

Wie hast du es empfunden, am Filmset dabei zu sein?

Tatsächlich war es am Ende eine ganz normale Produktion. Es wurde so viel Arbeit in die Vorbereitungen gesteckt und so respektvoll miteinander umgegangen, dass sich alle wohlgefühlt haben. Mein größtes Take away: Es ist nichts anderes als ein Film. Und ich habe dort ganz, ganz viel gelernt.

Welcher Moment war der emotionalste für dich?

Während der Sexszenen sind die meisten von uns rausgegangen in einen Nebenraum. Da haben wir alles auf einem kleinen Screen gesehen. Ich habe mehrfach Szenen gesehen, in denen ein dicker Bauch präsent war oder jemand über einen dicken Körper streicht. Das hatte ich so noch nie gesehen. Es ist so heilsam, seinen mehrgewichtigen Körper beim Sex repräsentiert zu sehen. Das wird für sehr viele mehrgewichtige Menschen sehr bewegend sein.

Inwieweit müssen wir unsere Sichtweise auf mehrgewichtige Körper ändern?

Wir sehen immer noch die idealisierten Körper. Wenn wir über dicke Körper sprechen, haben wir immer noch diese sandige Figur mit großem Busen und großem Po im Kopf. Das ist irgendwo auch ein Stereotyp, von dem wir uns verabschieden müssen. Jeder Körper darf existieren und begehrt werden.

Was muss sich in der Pornobranche dafür konkret ändern?

Ich glaube, wir haben viel zu wenig weibliche Regisseurinnen und auch zu wenig Firmen, die weibliche Regisseurinnen beauftragen, weil Porno einfach sehr viel für Männer konzipiert ist. Es geht oft nur darum, dass Männer Lust empfinden dürfen, wenn sie sich einen Porno angucken. Das muss sich ändern. Wir müssen mehr Diversität sehen. Diese Tür öffnen wir gerade sehr, sehr langsam. Ich hoffe, Muse trägt dazu bei, die Tür einzutreten.

Sprechen wir über deine Projekte im Allgemeinen. Wie entscheidest du, welches Projekt du annimmst, welches du ablehnst?

Ich setze mich immer ganz lange in Gespräche mit allen potenziellen Kund:innen, weil ich herausfinden will, was Motivation und Antrieb sind. Wenn das Unternehmen eine dicke Person bucht, warum? Wollen sie einfach nur Diversität oder mich als Person? Das ist immer mein Test an die Kund:innen. Da merke ich schnell, ob sie nur auf den Diversitäts-Zug aufspringen.

Welche Art von Job übernimmst du am liebsten?

Über die Jahre hat sich das so entwickelt, dass ich am liebsten hinter der Kamera bin, weil ich bereits sehr viel vor der Kamera stand. Ich habe sehr viel Aufmerksamkeit auf meine Person bekommen und ich merke mittlerweile total, dass ich mich wieder zurückziehen muss und kreativ sein will. Also gerade bin ich echt gerne als Art Direktorin oder Beraterin unterwegs, anstatt mich selbst in den Vordergrund zu stellen.

Kannst du schon verraten, welches große Projekt uns in Zukunft erwartet?

Ich kann nicht alles verraten, aber soviel: Ich werde noch einmal selbst gründen. Es wird ein Produkt sein, das man kaufen kann. Ich will dicken Menschen etwas zugänglich machen, das sie bisher weniger zu sehen bekommen haben. Ich hoffe, ich darf dazu dieses Jahr noch mehr sagen.

Was hat dich zum Gründen bewegt?

Ich habe mir nie zugetraut, zu gründen. Ich habe mit 18 nicht mal gedacht, dass ich überhaupt hier sitzen werde und solche Projekte mache. Es ist Next Level, eine eigene Firma zu haben, eine Vision mit einem Team aufzubauen und das als Frau. Ich finde das unglaublich empowernd. Ich will meine Reichweite nutzen für ein Produkt, das die Welt ein bisschen besser machen kann.

Also wirst du weiterhin als Influencerin auf Instagram so aktiv sein?

Instagram ist immer noch mein Sprachrohr. Ich glaube, das darf man nicht vergessen. Es ist immer noch die Plattform, über die ich publiziere, über die ich Projekte starte. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich Instagram habe, weil es einfach das ist, was alles möglich gemacht hat. Auch, dass ich gründen kann. Mir würde niemand zuhören, wenn ich nicht diesen Instagram Account hätte. Es ist ein großer Teil von mir.  

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