Green & Sustainability Dieses Vater-Tochter-Startup hat einen Allround-Rasierer entwickelt

Dieses Vater-Tochter-Startup hat einen Allround-Rasierer entwickelt

Wegwerfrasierer sind echte Müllverursacher. Das Münchener Startup Shavent will mit einem neuen Rasierer für alle das Problem angehen.

Warmes Wasser, Ruhe, Zeit für sich: Diese Voraussetzungen lassen unter der Dusche so einige Ideen entstehen. So wie im Fall von Armin Lutz Seidel. Auch ihm kam die zündende Geschäftsidee unter der Dusche: „Ich hatte wie immer meinen üblichen Rasierer in der Hand und habe gedacht, was mache ich hier eigentlich, so viel Plastik, und gleich werfe ich den Wechselkopf wieder weg“, sagt er.

Also nahm der gelernte Ingenieur seinen 3D-Drucker zur Hand, ein Geschenk seiner Tochter Romy Lindenberg, und entwarf einen eigenen Rasierer. Einen, der deutlich länger halten sollte als die herkömmlichen Nassrasierer.

Am nächsten Morgen stand bereits der erste Prototyp, „der hatte natürlich noch nichts mit dem jetzigen Rasierer zu tun“, sagt Seidel. Viele Tage Arbeit und 36 Versionen später stand der erste Shavent: ein Schwingkopfrasierer, mit dem Plastikmüll komplett vermieden werden soll. Unterstützung bekam Seidel von seiner Tochter. Und zwar nicht nur als enger Vertrauter und Ratgeberin, sondern als Geschäftspartnerin. Denn erst im Duo wurde aus dem anfänglichen Geistesblitz in der Dusche ein handfestes Business.

Foto: Shavent

„Ich habe mit meinem Vater immer schon über Business gesprochen. Die Idee, zusammen zu gründen, war schon lange da“, sagt Lindenberg. Sie war zuvor unter anderem CSO beim Fitness-Startup Bodychange und zwei Jahre lang Geschäftsführerin von Hellofresh Deutschland.

Die Gründung von Shavent erfolgte dann Anfang 2020 als letzte Amtshandlung vor der Pandemie. Die ersten 100 Exemplare wurden durch Crowdfunding finanziert. Produziert wird ausschließlich in Deutschland, doch durch wirtschaftliche Konsequenzen wie Kurzarbeit verzögerte sich der Launch etwas. Im September 2020 war es endlich so weit. Gut ein Jahr später, im Oktober 2021, kam dann der Auftritt in der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“. Ursprünglich wollte das Startup organisch wachsen, das Ranholen von großen Investorinnen und Investoren war nie der Plan. Die Chance haben sich die beiden dennoch nicht entgehen lassen.

Et voilà: Die beiden Löwen Judith Williams und Nico Rosberg investierten in Shavent. Der Effekt sei gewaltig, die Nachfrage von Shavent enorm gewesen, sagt Lindenberg. Noch im selben Jahr verkauften sie eine fünfstellige Anzahl an Rasierern – so viel, wie ursprünglich für das gesamte Folgejahr geplant war.

„Tauschen teure Müllberge gegen sanfte Rasur“

Das Versprechen von Shavent: „Tauschen teure Müllberge gegen sanfte Rasur“, so schreibt das Startup es zumindest auf seiner Website. Die Vision ist klar: ein Pflegeprodukt schaffen, das im nahezu alltäglichen Gebrauch einen Beitrag für die Umwelt leistet. Denn die Rasur mag zwar ein kurzer Alltagsautomatismus sein, sorgt allerdings für unvorstellbare Mengen an Müll. Allein in Deutschland landen jährlich 500 Millionen Wechselköpfe im Müll. „Das sind einige Nullen zu viel“, sagt Lindenberg.

Gerade die Wechselköpfe sind nämlich das Problem. Der Teil des Produktes, mit dem die großen Marktführer am meisten Geld verdienen – so viel, dass die Betriebswirtschaftslehre seit Jahren das sogenannte „Rasierklingenmodell“ als Stellvertreter für langfristig erfolgreiche Geschäftsmodelle verwendet: die Griffe günstig, die Wechselköpfe teuer und immer wieder nachzukaufen. Das Problem ist allerdings, dass der Hauptbestandteil schwer recycelbarer Kunststoff ist. Shavent hingegen will vorrangig auf die einmaligen Einnahmen des Produkts selbst setzen, weniger auf die Wechselklingen – und damit das Modell auf den Kopf stellen.

Foto: Shavent

Doch auch hier soll eine sanfte Rasur garantiert werden. Schließlich geht es um ein Körperpflegeprodukt. Seidel hatte als erfahrener Ingenieur von Anfang an einen Plan: Der Shavent wird im Druckgussverfahren hergestellt. Er besteht aus Metall und ist zur Langlebigkeit verchromt. Damit ist der Kopf also nicht zum Wegwerfen, sondern zur lebenslangen Nutzung gedacht. Im Schwingkopf ist eine Feder enthalten, die ausgetauscht werden kann, falls sie nach ein paar Jahren ermüdet. Nur die Halbklingen werden regelmäßig ausgetauscht, hier sind die Klingen verschiedener Hersteller kompatibel und deutlich günstiger, als man es von den herkömmlichen Wechselklingen aus der Drogerie gewohnt ist.

Dafür allerdings liegt der Preis für den Shavent-Rasierer dann auch bei über 100 Euro. Man kann von einem kleinen Investment sprechen, ist man doch sonst von dem Markt eher Preise von unter 20 Euro gewohnt. Lindenberg sieht ihre Aufgabe nun in der Vermittlung: „Niemand wacht morgens auf und denkt sich: Jetzt brauche ich einen plastikfreien Rasierer. Deswegen ist uns die Aufklärung umso wichtiger.“ Dafür bietet das Startup auf seiner Homepage zwei Rechner. Der eine ein Rasier-Müll-Rechner, der andere ein Klingen-Spar-Rechner. Auf dieses Weise soll klar werden, wie viel sich auf Dauer einsparen lässt.

Für jede Körperstelle

Genutzt werden kann der Rasierer für jede Körperstelle. Wieder ein Punkt, in dem sich Shavent von anderen Anbietern unterscheiden mag. Oft ist es nämlich gebräuchlich, mindestens zwei verschiedene Rasierer zu nutzen: einen für den Intimbereich, einen für die restlichen Körperstellen. „Man sollte dringend hinterfragen, ob das notwendig ist. Aus hygienischen und Sicherheitsgründen ist es das nämlich nicht“, sagt Lindenberg. Schließlich solle jede Stelle des Körpers eine sanfte Rasur erhalten, nicht nur spezifische Stellen, erzählt Lindenberg weiter.

Außerdem gäbe es keinen Grund dafür, genderspezifische Rasierer nach überkommener Farbenkennzeichnung herzustellen: „Warum müssen die für Frauen immer rosa sein und 20 Prozent mehr kosten?“, sagt Lindenberg. Sie und ihr Vater wollen auch gleich diese Art der Produktgestaltung hinter sich lassen.

Bei Shavent arbeiten mittlerweile insgesamt 20 Menschen, ein Großteil davon in der Produktion oder als Aushilfen. Nur zwei im Team sind fest angestellt. „Wir wollen mit unseren Möglichkeiten auch im Team mitwachsen“, sagt Lindenberg. Geschäftliches und personelles Wachstum würden stark miteinander korrelieren.

Aktuell ist Shavent noch vor allem im deutschsprachigen Markt vertreten, der Fokus liege aber bereits auf der Expansion in Europa. „Es ergibt keinen Sinn, einzelne Shavents jetzt aus Deutschland nach Neuseeland zu schiffen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz“, sagt die Gründerin. In Europa gäbe es dann doch einige Länder, die als Markt infrage kämen. Erschließen wollen sie sich die Märkte mit dem Produkt an sich, keinem Schnickschnack, sagt Lindenberg: „Unsere Mission liegt im Shavent selbst, es wird keine riesigen Abwandlungen oder viele andere Produkte geben.“

In zehn Jahren alle Bäder ohne Plastik?

Blicken Lindenberg und Seidel heute auf die letzten zwei Jahre zurück, scheinen sie vor allem für eines dankbar: die gegenseitige Unterstützung als Verbündete. „Wir ergänzen uns einfach“, sagt Seidel. „Wenn man sich eh schon so gut kennt wie wir, ist es einfacher, gegenseitige Achtung sowie gegenseitiges Verständnis zu haben.“

Hier und da käme es zu Auseinandersetzungen, doch die seien anders, als man es von üblichen Co-Foundern gewohnt ist. Nach mehr als 37 Jahren habe man bereits eine Streitkultur etabliert. „Mit seiner Familie zu gründen ist eine hervorragende Idee, weil du so Co-Gründer an deiner Seite hast, auf die du dich einfach verlassen kannst. Wir sind zwar beide hitzige Personen und diskutieren viel, aber wir finden immer eine Lösung“, sagt Lindenberg.

Das Duo arbeitet eng zusammen bei der gemeinsamen Mission: „Der Traum ist, dass in zehn Jahren alle Bäder ohne Plastik sind“, sagt Lindenberg. Und vielleicht macht auch das generationenübergreifende Gründen Schule.

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 4/22. Gregor Gysi, Claudia Obert und die Tiktokker Elevator Boys haben mit uns über Geld gesprochen. Außerdem haben wir Streetwear-Legende Karl Kani getroffen und unseren Reporter Dolce Vita auf der Modemesse Pitti Immagine Uomo genießen lassen. Hier geht es zur Bestellung – oder ihr schaut am Kiosk eures Vertrauens vorbei.

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