Productivity & New Work Kimberly Breuer: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir viel arbeiten und Stärke zeigen müssen“

Kimberly Breuer: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir viel arbeiten und Stärke zeigen müssen“

Die Karriereleiter Titel um Titel und Auszeichung um Auszeichnung nach oben klettern: Das scheint momentan der Spirit in der Arbeitswelt zu sein – zumindest suggerieren das soziale Plattformen. Work, work, work ist das Mantra des Tages. Dabei muss es auch keine 40-Stunden-Woche sein. Auch in vier Tagen kann man viel leisten. Stichwort: Effizienz.

Man muss einfach so viel arbeiten, dass man Großes erreicht, feiert seinen Job, seinen Erfolge. Hustle-Culture lautet der Begriff dafür. Wir haben mit Kimberly Breuer, Gründerin von Likeminded, über diese Art der Arbeitskultur gesprochen.

Kimberly, was meint der Begriff Hustle-Culture?

Ich verstehe Hustle-Culture so, dass alle Personen, die sich damit identifizieren, insgesamt sehr viel arbeiten und dieses viele Arbeiten, sei es im Urlaub oder spät abends unter der Woche, feiern. Sie stellen es positiv dar, immer erreichbar zu sein. Die Hustle-Culture folgt dem Motto: Je mehr ich arbeite, desto mehr Erfolg habe ich und desto mehr bin ich wert. Es findet also eine vollständige Identifikation über den Job statt, die auch vorne angestellt wird. 

Zählen Arbeitsweisen wie Workation auch dazu, da arbeitet man ja auch hauptsächlich und macht nach Feierabend Wannabe-Urlaub?

Das würde ich anhand meiner Definition nicht zur Hustle-Culture zählen, weil das für mich einen Mittelweg darstellt. Wenn man schon arbeitet, dann in einer beruhigenden Umgebung mit Strand, Sonne und Meer. Der Urlaub darf aber nicht durch Remote Work ersetzt werden, dann wird es nämlich wieder zur Hustle-Culture. 

Seit wann beobachtest du die Hustle-Culture?

Seit ich selbst Teil des Arbeitsmarktes bin. Sie ist ein definitiver Bestandteil unserer Leistungskultur in Deutschland und wird seit jeher von vielen Seiten promotet. 

„Ich kann mir vorstellen, dass die Startup-Bubble prädestiniert dafür ist.“

Kimberly Breuer

Arbeiten und Erfolge werden auf Plattformen wie Linkedin offen dargelegt und auch gefeiert. Was ist daran problematisch?

Man erhält dadurch den Eindruck, dass der Erfolg anderer das Ideal und der Standard sind, nach dem wir leben müssten. Wir bekommen auf Linkedin nur die Erfolgsgeschichten mit und nur selten die Misserfolge. Das schafft ein verzerrtes Bild und löst in uns das Gefühl aus, dass unser Umfeld ständig nur Erfolge feiert, ständig nur Awards gewinnt und immer höher, besser, stärker ist. 

In solchen Momenten vergleicht man sich mit einem Idealzustand, der weit über dem Durchschnitt liegt, der durch die Quantität der Darstellung auf Plattformen plötzlich normalisiert wird. Dadurch bekommt man aber dauerhaft das Gefühl, unter diesem Zustand zu performen, was eigentlich normal ist, weil das nicht die reale Welt widerspiegelt. Aber man wird dann unglücklich. 

Sogar Misserfolge werden als Erfolge dargestellt in der Hustle-Culture.  

Auf der einen Seite finde ich es gut, dass offen über Misserfolge geredet wird und auch über Faktoren, die in ein Burn-Out geführt haben. Auf der anderen Seite wird es häufig von Leuten gemacht, die ohnehin schon auf der Karriereleiter weit oben sind, die ein Ideal darstellen oder ohnehin einen hohen sozialen Status haben.

Aus dieser sehr guten Position heraus dann über eine zurückliegende Schwäche zu sprechen, die gemeistert wurde, ist natürlich deutlich leichter. Erschwert es jedoch Personen, die sich gerade jetzt in dieser misslichen Situation befinden und selbst eventuell noch nicht einen solchen Status genießen, sich mit diesen zu identifizieren. Den Betroffenen hilft das somit also gegebenenfalls nur bedingt. Mitunter teilen diese Persönlichkeiten auch nicht, dass es ihnen immer noch nicht gut geht, die letzte Ehrlichkeit wird also eher selten geteilt.

Da wären wir wieder bei der Selbstoptimierung. Was würde da denn eher helfen?

Sachliche Aufklärung, ohne dabei die eigene Story zu erzählen und was man Tolles daraus gemacht hat. Fragen zu klären wie: ‘Woran erkenne ich, dass ich mich übernehme?’, ‘Wo ist der Punkt, an dem es zu viel ist?’, ‘Was ist Hustle Culture?’, um ein eigenes Verständnis zu entwickeln. Je mehr Wissen man den Leuten mitgibt, desto höher das Bewusstsein, wo sie selbst stehen. Dann haben sie das Steuerrad wieder selbst in der Hand. 

Was kann ich denn machen, um mich nicht mit diesem hohen Standard zu vergleichen? Das passiert ja automatisch. 

Ich bin ein Fan davon, dass man den Menschen hilft, ihre eigenen Ressourcen zu eruieren und ihr Bewusstsein dafür zu schärfen, wie viele man davon auch zur Verfügung hat. Das ist individuell. 

Eine andere Möglichkeit ist die Perspektive zu wechseln. Hier können Psycholog:innen, Therapeut:innen und Coaches helfen, Individuen beizubringen in solchen Momenten den eigenen Druck rauszunehmen und zu hinterfragen, warum man sich vergleicht mit Menschen, die ganz woanders stehen und sich selbst schlechter macht als man ist. 

„Ohne Selbstverwirklichung wären viele auch unglücklich.“

Kimberly Breuer

Es ist schon angedeutet, aber Klartext: Die Hustle-Culture kann also zu Burn-Out führen? 

Definitiv. Dadurch, dass wir die Hustle-Culture so leben und zelebrieren, kann es dazu kommen, dass Personen nicht mitbekommen, wenn die Grenze überschritten ist. Selbst wenn sie unterbewusst das Gefühl haben, dass etwas nicht mehr so läuft wie früher, ist die Hemmschwelle zu groß, das mitzuteilen. 

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir viel arbeiten und Stärke zeigen müssen. Das führt dazu, dass die Personen das immer wieder unterdrücken, sich einreden, sie könnten mehr schaffen, weil es bei anderen auch so ist. Und Burn-Out wird auch nicht immer sofort erkannt. Viele denken nur, es geht ihnen schlechter und sie stehen es alleine durch. 

Sind die Hustle-Culture und ihre Folgen etwas, was du vor allem in der Startup-Bubble beobachtest? 

Ich kann mir vorstellen, dass die Startup-Bubble prädestiniert dafür ist und dass die Wahrscheinlichkeit hier höher sein könnte. 

Gerade in der Startup-Welt identifiziert man sich ganz anders mit seiner Arbeit. Man trägt extreme Verantwortung. Man hat das Gefühl, dass dieses Unternehmen das gesamte Leben darstellt. Dadurch verschwindet die Grenze zwischen den Gründer:innen als Privatpersonen und ihrer Arbeit. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man sich darin verliert. Man hat es noch schwerer sich einzugestehen, wenn man am Limit ist. Denn das würde bedeuten, dass man die eigene Ich-Identifikation in Frage stellen müsste. Das ist doppelt schwer. 

An sich ist aber Karriere zu machen und sie auch zu feiern nichts Schlechtes, oder?

Das ist die Kehrseite von der Hustle-Culture. Ich kann mich selbst definitiv auch nicht 100 Prozent davon distanzieren. Es ist nicht so, dass ich die Hustle-Culture per se negativ assoziiere. Arbeit darf im Leben eine große Rolle spielen und man darf sich auch darüber identifizieren. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Arbeit auch Berufung ist. Ohne Selbstverwirklichung wären viele auch unglücklich. Man muss die Hustle-Culture aber reflektiert leben: Wo gibt Arbeit Energie? An welchen Stellen ist es too much? 

Wie kann ich da die Waage halten außer der Selbstreflexion?

Man sollte sich klarmachen, was das Ziel hinter der vielen Arbeit ist. Das kann viel Geld sein, ein Thema, für das man einsteht, oder man hat einfach Bock in einer Leadership-Position zu sein. Diesen Antreiber sollte man identifizieren. Denn wenn Arbeit zum Stressfaktor wird, kann es damit zusammenhängen, dass der eigene Antreiber einer ist, der nicht wirklich inspiriert oder glücklich macht wie zum Beispiel die unbewusste Annahme, dass man irgendwem, zum Beispiel den Eltern, noch etwas beweisen müsse. Davon muss man sich befreien, so geht die Angst weg zu versagen und damit auch der Druck. 

„Der Ist-Zustand ist, dass nur wenige Unternehmen im Bereich Mental Health fortschrittlich denken.“

Kimberly Breuer

Kann ich die Angst noch anders überwinden?

In der Psychologie gibt es die Methode zu entkatastrophisieren. Das bedeutet, man fragt sich: ‘Was ist das Worst-Case-Szenario, wenn alles den Bach runter geht?’. Meistens stellt man fest: Meine Freund:innen sind danach immer noch meine Freund:innen, ich würde es überleben und meine Familie würde mich auch immer noch respektieren und ich hätte immer noch die Chance, etwas Anderes aus meinem Leben zu machen. 

Wo ist die Grenze zwischen High Performance und krankhaften Arbeiten? 

Das ist eine Frage, die momentan sehr viel diskutiert wird, weil viele nach diesem einen Punkt suchen, ab dem es Burn-Out ist. Den gibt es nicht. Wir alle haben eine unterschiedliche Toleranzschwelle.

Es gibt aber ein paar Anhaltspunkte und die finden sich in Verhaltensweisen. Zum Beispiel, wenn sich jemand in Situationen plötzlich ganz anders verhält als noch vor ein paar Monaten. Das kann sich auf Leistung im Job beziehen, indem man viel länger für Aufgaben braucht, an denen man früher nur zehn Minuten gesessen hat. Privat ist ein Marker immer der soziale Rückzug. Das ist für eine Zeit auch mal in Ordnung, auf Dauer nicht. Da sollte man dann als Außenstehende auch einhaken.

Ihr richtet euch mit Likeminded auch an Unternehmen. Was sind da die Herausforderungen?  

Der Ist-Zustand ist, dass nur wenige Unternehmen im Bereich Mental Health fortschrittlich denken. Der Großteil der Unternehmen in Deutschland hat die Relevanz dieses Themas noch nicht verstanden. In Deutschland werden Gesundheitsleistungen von der Krankenkasse übernommen. Dass Arbeitgeber:innen finanziell in die Gesundheit der Mitarbeitenden investieren sollen, dieses Mindset ist an einem Wendepunkt.

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