Productivity & New Work Alle wollen New Work, aber niemand spricht über Bildungsurlaub?

Alle wollen New Work, aber niemand spricht über Bildungsurlaub?

In Deutschland müssen Arbeitgeber:innen ihren Angestellten mindestens 20 Tage Urlaub bei einer Fünf-Tage-Woche gewähren. Doch was viele nicht wissen: Laut Gesetz haben Arbeitnehmer:innen in 14 von 16 Bundesländern zusätzlich einen Anspruch auf Bildungsfreistellung, beziehungsweise Bildungsurlaub. 

Noch nie davon gehört? Kein Wunder, denn nur die wenigsten Arbeitnehmer:innen beanspruchen ihr Recht darauf. Es gibt zwar keine aktuellen Zahlen, doch bei der letzten Erhebung in den 1980ern waren es laut Information der Ver.di-Bundesverwaltung gerade einmal zwei bis fünf Prozent aller Erwerbstätigen. Heutzutage könne man von einer ähnlichen Zahl ausgehen. 

Dabei hat jede:r Festangestellte nach sechs Monaten im Unternehmen einen Anspruch darauf. In einigen Bundesländern auch Landesbeamte und Auszubildende.

Bildungsurlaub?

Doch was genau ist Bildungsurlaub überhaupt? Unter dem Bildungsurlaub versteht man eine Weiterbildung der Arbeitnehmer:innen, die unabhängig von der eigenen Arbeit ist. Die Inhalte müssen also nicht zwingend etwas mit dem eigenen Beruf zu tun haben.

Dafür sehen die Bundesländer meist fünf Tage pro Jahr vor. In einigen Bundesländern kann man auch die Ansprüche aus zwei Jahren in einem Jahr zusammenlegen. In Bayern und Sachsen gibt es den Anspruch bisher gar nicht. Doch Lara Körber, Gründerin des Portals Bildungsurlauber, sagt dazu: „Viele Arbeitgeber:innen sind dabei super offen und ermöglichen ihren Mitarbeitenden in Sachsen und Bayern auch Bildungsurlaub. Gerade die größeren Firmen. Fragen lohnt sich immer.“ 

Auch wenn der Inhalt des Bildungsurlaubs dabei nicht direkt zum eigenen Job passen muss, muss das Angebot vom eigenen Bundesland verifiziert sein. Auf Plattformen wie Bildungsurlauber.de können sich Interessent:innen über verifizierte Bildungsurlaube informieren.

Darunter fallen unter anderem Sprachreisen in fremde Länder, Yoga-Retreats oder Fortbildungen gepaart mit Wanderungen durch die Natur. 

Wirklich? Yoga und Sprachreisen als Fortbildung? „Ich finde es gut, dass es auch provokant ist. Denn Weiterbildung darf Spaß machen. Da müssen wir umdenken. Hinter dem Bildungsurlaub steht ein konkretes Konzept. Um Bildungsurlaub als Anbieter anzumelden, muss ich bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Bildungsurlaub hat immer ein zertifiziertes Konzept, hat Lernziele, didaktischen Mehrwert und dieser wird immer vom jeweiligen Bundesministerium überprüft und dann zertifiziert“, sagt Körber.

Wie komme ich an Bildungsurlaub?

Nun ist die Beantragung von Bildungsurlaub leider noch nicht ganz so einfach, wie der normale Urlaubsantrag. Arbeitnehmer:innen müssen sich ein zertifiziertes Angebot heraussuchen und anschließend einen Antrag für Arbeitgeber:innen ausfüllen. Der Antrag muss von den Arbeitgeber:innen angenommen werden, solange keine Kolleg:innen im gleichen Zeitraum Urlaub haben oder ein wichtiges Projekt ansteht. 

Dabei können Arbeitnehmer:innen sowohl die Buchung des Angebotes als auch den Antrag für Arbeitgeber:innen direkt über das Portal Bildungsurlauber.de abwickeln. „​​Du findest ein Seminar, drückst auf Antragsunterlagen herunterladen und bekommst für dein Bundesland deinen Antrag, mit dem du zum Arbeitgeber gehst. Je nach Bundesland ist das immer vier Wochen oder neun Wochen vorher. Dein Arbeitgeber hat dann ein bis zwei Wochen Zeit, den Antrag zu beantworten“, sagt Körber. 

Bildungsurlaub als HR-Maßnahme

Das klingt doch alles ganz schön geil. Es sind immerhin fünf Tage mehr bezahlter „Urlaub“. Den muss man allerdings auch selbst bezahlen.

Hierbei sieht Ver.di einen der Knackpunkte, weshalb der Anspruch so selten genutzt wird. Gerade einkommensschwache Haushalte werden quasi von dem Anspruch ausgeschlossen. Zwar gäbe es Bezuschussungen wie Bildungsprämien oder Bildungschecks, diese würden allerdings nicht die vollständigen Kosten decken. 

Auch Arbeitnehmer:innen ohne finanzielle Sorgen greifen nur selten auf Bildungsurlaube zurück. Und das in Zeiten von New Work, in denen Unternehmen sich probieren, mit Benefits zu übertrumpfen. Doch statt der hundertsten Kaffee- und Limo-Flatrate, wäre das aktive Bewerben des Bildungsurlaubs vielleicht keine schlechte Alternative. Es macht Arbeitgeber:innen für Bewerber:innen attraktiver, obwohl sie das Recht darauf haben. Nur nutzen das eben die wenigsten Unternehmen für HR-Maßnahmen. 

Ver.di sieht die Bewerbung der Bildungsfreistellung als Aufgabe aller Akteur:innen auf dem Arbeitsmarkt. Körber sagt: „Die Unwissenheit herrscht auch auf Arbeitgeber:innen-Seite. Man kann das nicht nur auf die Arbeitgeber:innen abwälzen, weil auch die Politik größer darüber aufklären muss.“ Oder habt ihr schon mal eine Kampagne zum Thema Bildungsurlaub auf den Straßen gesehen? Wir auch nicht.

Falls euch allerdings demnächst die Decke auf den Kopf fällt und ihr keine freien Urlaubstage mehr übrig habt, denkt daran: Es ist keine Schande, auf das eigene Recht zu pochen und fünf bis zehn Tage Bildungsurlaub in Fuerteventura zu machen, um dort spanisch und surfen zu lernen.

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