Productivity & New Work Muss man den Linkedin-Beitrag der Kolleg:innen liken oder teilen?

Muss man den Linkedin-Beitrag der Kolleg:innen liken oder teilen?

JA!

Seien wir mal ganz ehrlich: Warum hat man auf Linkedin überhaupt ein Profil? Es ist immerhin das größte und allgegenwärtigste Karrierenetzwerk. Genau: Es geht um Sehen und Gesehenwerden, um das Absahnen einer hohen Reichweite und darum, Kontakte in der Businesswelt zu knüpfen. Es geht um Fame – und es ist ein simples Spiel mit ebenso simplen Regeln. Wer die kennt und beherzigt, ist dabei klar im Vorteil: Wer beständig durch Kommentare, Likes und Shares interagiert, macht den Algorithmus hinter der mächtigen Plattform glücklich. Und wird bekanntlich selber in Sachen Reichweite weit nach oben gespült. Schön doof, wer hier nicht den engsten Kreis aus Kolleg:innen und Mitarbeiter:innen nutzt. Diese einfache und naheliegende Chance zu verschenken ist Digitalverschwendung – und damit Internetsünde. Man muss es vielleicht noch einmal kurz ausflaggen: Linkedin ist eine „Karriereplattform“, weil dort eben auch Karrieren gemacht werden – vorausgesetzt, man findet das nötige Fitzelchen Größe, der Kollegin einen kleinen digitalen Daumen unter ihrer Einlassung dazulassen, die sie wahrscheinlich viel Arbeit gekostet hat – oder zumindest ein paar Euro für die Ghostwriter:innen, die das alles für sie verzapfen. Auch gibt es einen viel näher liegenden Grund: Linkedin ist ein Weg in die Seele der Kolleg:innen. Sie schreiben dort, was sie offenbar beschäftigt. Das bietet einen sehr schönen Aufhänger für Gespräche untereinander an der Kaffeemaschine: „Ich wusste gar nicht, dass du auch für transparente Gehälter bist. Habe ich gestern gleich gelikt“ ist doch ein ziemlich netter Anknüpfungspunkt besonders für all diejenigen, die sich vorher nicht allzu viel zu sagen hatten, oder? 

Marica Radmann

NEIN!

Auf keinen Fall. Wo kämen wir denn da hin, wenn der gemeinsame Arbeitsplatz zur Unterstützung auf sozialen Netzwerken verpflichtet? Ich meine, es reicht doch, dass ich auf der Arbeit für meine Kolleg:innen den Kopf hinhalte, wenn Kritik von außen kommt. Schon da handele ich oft genug gegen meine eigene Überzeugung, um als geschlossene Einheit aufzutreten. Ich muss nicht auch noch als Steigbügel für die große Linkedin-Top-Voice-Karriere dienen. Die Kolleg:innen können froh sein, wenn ich nicht in einem Kommentar auf ihr komisches Gesülze eingehe und ihre Learnings aus ihrem superfancy und durchstrukturierten Arbeitsalltag als die größte Lüge expose, weil sie eigentlich wie wir alle am Ende des Tages einfach froh sind, Feierabend zu haben, um sich vor den Fernseher zu fläzen. Journaling und Achtsamkeit am Arsch. Versteht mich nicht falsch, das eigene Team zu empowern – im Sinne von Freund:innen und Kolleg:innen, die einem wirklich wichtig sind – ist selbstverständlich Ehrensache. Da kann man auch mal einen netten Kommentar schreiben. Aber meine Likes mache ich weiterhin von persönlicher Zuneigung und smarten Aussagen abhängig, nicht von einer zufälligen Abhängigkeit, die aufgrund unseres Arbeitsvertrags besteht. Auch wenn Linkedin für das berufliche Netzwerk steht, will ich mich als Person authentisch präsentieren. Denn ganz risikolos ist das ja nicht: Immerhin könnten zukünftige Personaler:innen sehen, was ich da so gelikt und kommentiert habe. Da passen pseudo-deepe Postings für mich einfach nicht rein. Wenn dein Post so gut ist, wie du glaubst, lieber Kollege, dann wird er es auch ohne meinen kleinen Like zu großer Reichweite bringen. 

Michael Gnahm

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 5/22. Wir haben 7 Hot Takes zur Karriere von morgen, die euch Feuer geben, ohne dass der Burnout droht. Außerdem: iPod-Macher Tony Fadell über Parties mit Steve Jobs, ferngesteuerte Spermien, Lush-Seifenoper mit Gründer Mark Constantine. Was macht Deutschlands schönster Werber Joachim Bosse gerade? Hier geht es zur Bestellung – oder ihr schaut am Kiosk eures Vertrauens vorbei.

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