Green & Sustainability Gastbeitrag: „Konsum braucht einen Image-Wechsel“

Gastbeitrag: „Konsum braucht einen Image-Wechsel“

Ein Gastbeitrag von Dominique Ertl, Deutschlandchefin von Motatos, wo es gerettete Lebensmittel zu kaufen gibt

True Story: Wer googelt, woher der Black Friday seinen Namen hat, bekommt viele Geschichten. Eine reicht zurück bis zum Fall des U.S. amerikanischen Goldmarktes in 1869. Mitte des 21 Jahrhunderts soll der jährliche Ansturm am Tag nach Thanksgiving die Polizei in Philadelphia auf Trab gehalten haben. Wohl erst die Achtziger verliehen dem Tag seinen heutigen Glanz. Dumping-Preise für genau 24 Stunden. Oder 72, oder 168. Zeit, schwarze Zahlen zu schreiben, wenn auch nicht ohne Kritik: Wer die Preise nicht drücken kann, verliert. Und nicht immer sind die Angebote so gut, wie sie aussehen. Fest steht auch: Schneller Massenkonsum ist so ziemlich der Gegenentwurf von Nachhaltigkeit. Und trotzdem wollen und müssen gerade jetzt alle sparen. 

Wie also nicht nur an einem, sondern auch den restlichen 364 Tagen im Jahr nachhaltig einkaufen – ohne auf die guten Preise des Black Friday zu verzichten?

Know your Impact: Wer bin ich und wenn ja, wie viel?

Häufig fällt es schwer, sich die eigenen Folgen für das Klima vorzustellen. Macht es wirklich einen Unterschied, ob eine Person mehr oder weniger fliegt oder Fleisch isst? Natürlich hat das schon mal jemand berechnet: Laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) verursacht jede:r von uns 11 Tonnen CO2e pro Jahr. Fast die Hälfte davon entstehen schon durch Wohn- und Fahrtkosten. Der Rest entsteht vor allem durch elektronische Geräte, Kleidung und Ernährung. Einiges, wie Laptop oder Möbel, kaufen wir nur selten. Dagegen entscheiden wir uns bei Bedarfsartikeln täglich neu für die bewusste, klimafreundliche Alternative – oder die billigste. Wer das ändern will, muss erst mal die Kasse stürzen: Wie oft gibt’s ein neues Telefon, exotisches Essen oder neue Kleider? Und wie wichtig ist das für mich?

To bio or not to bio: Nachhaltigkeit hat viele Gesichter

Wir haben die Qual der Wahl, oder? Die Industrie produziert mittlerweile alles von feinster Bio-Ware bis hin zu billigen Eigenmarken. Aktuell greifen wir wieder häufiger zu Handelsmarken (Quelle), und wählen auch beim Thema Nachhaltigkeit die günstige Alternative. Denn klar ist: Es muss gespart werden. Zum Glück mangelt es nicht an Möglichkeiten. Viele klimafreundliche Alternativen übersehen wir im Alltag. Angefangen damit, die unzähligen Siegel besser zu bewerten und einzusetzen. Eins ist nicht immer besser als keins, aber wer genau liest, kann dennoch einen Unterschied machen. Eine Übersicht und Empfehlung geben übrigens der BUND (Quelle) oder Utopia (Quelle). 

Zudem braucht es mehr Köpfchen. Mittlerweile steht sogar überall dort vegan drauf, wo schon immer vegan drin war. Ähnlich fehlt uns im Zeitalter des Labelling manchmal der Sinn für das Offensichtliche: Die eigenen Vorräte zu Hause besser verwalten, Lebensmittel weiterverwerten und haltbar machen, sind mindestens so wichtig wie der Kauf an sich. Pro Kopf verschwenden Deutsche 78 Kilogramm jährlich.

Gleichzeitig finden sich zwischen Herstellung und Supermarkt viele ungenutzte Potentiale. Food Waste, eigentlich ein Klimatreiber, zeigt uns, wie Synergie geht: Wer Lebensmittel rettet, spart richtig Geld. Ein Beispiel: 17 Prozent der Lebensmittel schaffen es nie ins Supermarktregal. Statt in der Tonne landen diese vermehrt bei Online Shops und können stark rabattiert angeboten werden. Ähnlich läuft es schon immer auf dem Flohmarkt, oder inzwischen digital auf Vinted & Co.: Aussortierte Ware findet ihren Weg zurück in den Kreislauf. Solche zirkulären Systeme sind nicht nur nachhaltig gedacht, sondern laut Erwartung der EU sogar förderlich für das europäische Bruttoinlandsprodukt (LINK). 

Umdenken statt verrenken: Realistisch planen ohne Verzicht

Ernähren wir uns gesund? Essen wir noch Fleisch und Fisch? Dürfen wir? Der Markt für vegetarische und vegane Ersatzprodukte wächst rasant. Aber noch hat die fleischlose Ernährung Deutschland nicht im Sturm erobert. Tatsächlich isst kaum jede:r Zehnte veggie. Viel dringlicher ist deshalb die Frage, wie es nachhaltig billiger und praktischer für alle wird. Anders gesagt: Umweltbewusstes Einkaufen muss jede:r individuell im Rahmen der eigenen Vorlieben, finanzieller und zeitlicher Möglichkeiten definieren. Statt Food-Scham braucht es dafür passende Anreize – etwa durch unkomplizierten Versand und niedrige Preise im inflationären Vorweihnachtsstress.

Jetzt, wo Black Friday, Weihnachtsstimmung und Entlastungsmaßnahmen das Portemonnaie lockern, geht es deshalb nicht (nur) darum, weniger, sondern anders zu konsumieren: Nachhaltigkeit ist mehr als teurer Idealismus, Verzicht und Kompromisse. Was uns wieder zur Eingangsfrage führt: Kann der richtige Konsum das Klima retten? Während sich Klimavertreter:innen zunehmend unsicher sind, ob die 1,5 Grad überhaupt noch zu schaffen sind, können wir es zumindest versuchen. Fragen wir uns also nicht, wie es ohne Konsum geht, sondern mit

  • Soulfood: Kaufe ich, weil es günstig oder gerade richtig ist? Es muss nämlich nicht immer das Gesündeste sein (kann es aber), solange es etwas ist, das uns gut tut. 
  • Whole food: Verbrauche ich meine Einkäufe regelmäßig? Verwende ich so viel es geht noch weiter oder konserviere es? 
  • Shared food: Wo gibt es in meinem Umfeld bereits nützliche Kreisläufe? Zum Beispiel eine Tauschkiste im Haus, Spenden-Ecken an der Straße (foodsharing markiert viele Standorte hier).

Fazit: Konsum (40), unkompliziert, empathisch, bezahlbar, sucht…

Konsum braucht einen Imagewechsel. Wir müssen Lust bekommen, die eigene Rolle zu verstehen. Und ohne alltägliche 180 Grad-Wendung auch kleine Erfolge feiern. Denn solange der “grüne Lifestyle” dauerhaft viel Geld, Zeit und Commitment fordert, bleibt er für viele realitätsfern. Die Arbeit muss mit dem beginnen, was wir haben: Weniger Geld und, leider, genug (Food) Waste für alle.

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