Productivity & New Work Johannes Lutz über Prakti-Gehälter:  „Es ist kein Pain, Mindestlohn zu zahlen“

Johannes Lutz über Prakti-Gehälter: „Es ist kein Pain, Mindestlohn zu zahlen“

Praktikanten-Stellen gehören nicht zu den gut bezahlten Steps auf der Karriereleiter: 500 Euro im Monat Aufwandsentschädigung, mit denen man sich in Großstädten nicht mal ein WG-Zimmer leisten kann. Dennoch sind Praktika für den Einstieg in den Beruf in vielen Branchen unumgänglich. Das Stuttgarter Startup Duschbrocken zahlt seinen Praktikant:innen deswegen den Mindestlohn, sprich 2.000 Euro im Monat.

Gründer Johannes Lutz schrieb dazu einen Beitrag auf Linkedin – er ging viral. Wir haben mit ihm über Prakti-Gehälter in der Startup-Szene gesprochen. Im Interview erklärt er, wie auch Duschbrocken als Arbeitgeber von der Mindestlohnzahlung profitiert.

Johannes, wie ist denn die Lage mit Praktika in der Startup-Szene? 

Es gab schon immer relativ viele Angebote für Praktika in Startups. Praktikant:innen sind  günstiger als Vollzeitbeschäftigte und das Geld in Startups ist knapp. Man bekommt viel humanes Kapital im Austausch für wenig finanzielles Kapital. 

Praktika in Startups haben auch einen großen Mehrwert. Man arbeitet in einer Umgebung, die nicht prozessgefertigt ist. Für Menschen, die in einem Bereich viel lernen wollen, sind Praktika in Startups eine gute Chance. 

Aber?

Nichtsdestotrotz sehe ich bei Jobanzeigen oft, dass nur Pflichtpraktika angeboten werden. Bis ich selbst gegründet habe und in der Situation war, Leute einzustellen, war mir nicht klar warum. Jetzt weiß ich: Ein freiwilliges Praktikum muss mit Mindestlohn bezahlt werden, ein Pflichtpraktikum nicht, da es  als Teil einer Ausbildung gilt. 

Warum zahlt ihr denn Mindestlohn, obwohl ihr es bei Pflichtpraktika gar nicht müsstet?

Weil unsere Praktikant:innen bei uns Vollzeit arbeiten. Sie haben keine Zeit, nach einer stressigen Woche noch am Wochenende einen Nebenjob zu machen, um den Lebensunterhalt finanzieren zu können. Das darf meiner Meinung nach nicht sein. 

Man spricht so oft von Chancengleichheit. Wenn man wirklich allen Leuten die gleiche Ausbildung anbieten will, dann bedeutet das eben für ein Praktikum den Mindestlohn zu bezahlen. Oft müssen Praktikant:innen in andere Städte für das Praktikum ziehen. Wenn das nur noch Leuten vorbehalten ist, die sich aufgrund ihres familiären Hintergrundes leisten können, für 500 Euro im Monat ein Praktikum zu machen, ist das mehr als unfair.  

Wie profitiert auch ihr davon?

Als Arbeitgeber zahle ich gerne den Mindestlohn, weil ich dann ein besseres Gefühl habe, einen höheren Anspruch an Praktikant:innen zu stellen. Uns ist wichtig, dass Praktikantinnen etwas lernen und wir ihnen in einem sicheren Umfeld Freiraum lassen können. Verantwortung zu haben, bedeutet aber auch, dass wir etwas verlangen. Da würde ich mich unwohl fühlen, am Ende des Monats nur 400 Euro zu überweisen. 

„Sind das dann wirklich die Praktika, die wir um jeden Preis schützen müssen? Ich glaube nicht“

Johannes Lutz

Ihr zahlt den Praktikant:innen ja eigentlich „nur“ den Mindestlohn und trotzdem wird dein Post so sehr auf Linkedin gefeiert. Was denkst du, sagt das über die Lage von Praktika aus?

Wenn man jemanden, der Vollzeit arbeitet, mit Mindestlohn bezahlt, sollte man nicht wie ein Gönner rüberkommen. Ich verstehe nicht, wieso Pflichtpraktika vom Mindestlohn ausgenommen sind. Der Mindestlohn sagt ja nur aus, dass das das Niedrigste ist, was man verdienen kann. Je günstiger Praktikant:innen sind, desto mehr Praktikant:innen können sich Firmen zwar leisten, aber da sollte der Mindestlohn als Maßstab genommen werden und nicht eine Summe von 400 Euro. 

Und vielleicht ist es dann auch für Unternehmen ein Anreiz, Praktikant:innen sinnvoll einzusetzen. Das würde den Wert einiger Praktika steigern. Es gibt ja Praktika, die daraus bestehen, Excel-Tabellen durchzuklicken. Dazu ist auch ein automatisiertes Tool in der Lage, das man einmalig einkaufen kann. 

Wie könnt ihr euch das leisten? 

Wir zahlen Praktikant:innen den Mindestlohn nicht, seit wir es uns finanziell leisten können, sondern haben das schon immer gemacht. Wir haben ein nachhaltiges Produkt und wollen eine nachhaltige Firma sein, da müssen wir auch verantwortungsvoll mit unseren Mitarbeitenden umgehen. Praktikant:innen sind vergleichsweise, auch bei Zahlung vom Mindestlohn, eine günstigere Arbeitskraft. Das ist eher eine Reduktion der durchschnittlichen Personalkosten als eine Erhöhung. 

Mal angenommen, alle Startups bezahlen den Mindestlohn, würden dann Praktikumsplätze wegfallen?

Ich glaube nicht, dass es so käme. Man muss sich die Frage stellen: Welche Jobs werden aktuell als Praktika ausgeschrieben, die sich bei Auszahlung des Mindestlohns nicht mehr rechnen würden? Sind das dann wirklich die Praktika, die wir um jeden Preis schützen müssen? Ich glaube nicht. Viele Firmen könnten Mindestlohn für ihre angebotenen Praktika bezahlen. Es ist ein schwaches Argument zu sagen: Wir können uns das nicht leisten. 

Was sagst du zu Leuten, die der Meinung sind, Erfahrung reicht als Vergütung bei Praktika aus? 

Ich weiß eines: Dass wir bei Duschbrocken auch von unseren Praktikant:innen lernen. Es geht doch um den Mehrwert, den die Person mitbringt. 

Wie können Praktikanten in Startups sicherstellen, dass sie fair bezahlt werden?

Da sind meiner Meinung nach die Unternehmen mehr in der Verantwortung. Teilweise sind Praktika notwendig, um seinen Abschluss zu machen. Da kann man nicht von jungen Menschen verlangen, aus idealistischen Gründen ein Semester dranzuhängen, nur um unterbezahlte Praktika abzulehnen. Unternehmen aber können sich ihrer Verantwortung dahingehend bewusst werden. Es ist nicht der große Pain Mindestlohn zu bezahlen. 

„Wenn du kein Geld hast, Praktikant:innen fair zu bezahlen, dann kündige dein Office und arbeite remote“

Johannes Lutz

Was helfen würde: das Gehalt in die Stellenausschreibung zu schreiben. Das machen wir auch. Dann sieht man gleich, ob das Praktikum finanziell infrage kommt und man umgeht die Situation ein unterbezahltes Praktikum anzunehmen, weil man erst bei der Zusage erfährt, dass man 700 Euro im Monat bekommt. Wenn manche Unternehmen ihr Gehalt transparent machen, könnte das dazu führen, dass Bewerber:innen abwandern und andere im Zugzwang wären das auch zu tun. 

Wie können Startups ihre Praktikant:innen fairer bezahlen, ohne ihre begrenzten Ressourcen zu überlasten?

Wie valide ist das Geschäftsmodell, wenn es nur umsetzbar ist, wenn ich Arbeitskraft geschenkt entgegennehme? Da würde ich als ersten Schritt mein Geschäftsmodell überdenken. Wenn man das wirklich nicht zahlen kann, sind Wertschätzung, Selbstbestimmung und Vertrauen noch wichtiger. 

Andere Möglichkeiten sind das Monatsticket für die öffentlichen Verkehrsmittel zu übernehmen oder die Praktikant:innen auch mal zum Mittagessen einzuladen. 

Wenn du kein Geld hast, Praktikant:innen fair zu bezahlen, dann kündige dein Office und arbeite remote. Die 2.000 Euro, die du Miete sparst, zahlst du lieber dem Praktikanten oder der Praktikantin. Die helfen dir im besten Fall, dass du zu einem späteren Zeitpunkt in der Lage bist Praktikant:innen und Office zu haben. 

Inwiefern kann ein unterbezahltes Praktikum in einem Startup die Karriereaussichten  beeinflussen?

Da sind wir wieder beim Thema Chancengleichheit. Wenn man sich Praktika leisten können muss, geht die Schere immer weiter auseinander. Das sollten wir vermeiden. 2.000 Euro für ein Praktikum ist nicht der große Hebel für Gerechtigkeit, aber es hilft vielleicht dem ein oder anderen. 

Bei Praktika gehört meiner Meinung nach auch dazu, dass man die Erfahrung macht, dass die eigene Arbeit etwas Wert ist. Wenn ich 200 Euro im Monat bekomme und der Chef ist nicht zufrieden mit meiner Arbeit, dann ist mir das für dieses Geld egal. Mindestlohn bei Praktika ist für alle Parteien nur erstrebenswert. 

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