Productivity & New Work Sara Weber: „Für viele reichen sechs Wochen Urlaub im Jahr nicht mehr aus“

Sara Weber: „Für viele reichen sechs Wochen Urlaub im Jahr nicht mehr aus“

Medienberaterin Sara Weber über Erschöpfung im Job, Great Resignation und überholte Stigmata im Berufsalltag.

Frau Weber, Sie waren fünf Jahre Redaktionsleiterin bei Linkedin, 2021 haben Sie Ihren Job aufgegeben. Warum dieser Schritt?

Das hatte verschiedene Gründe. Es war ein richtig toller Job. Ich habe die Redaktion mit aufgebaut und geleitet, das war unfassbar spannend. Aber es war der richtige Zeitpunkt zu gehen. Ich wusste, dass mein Team gut aufgestellt ist und dass sie auch ohne mich gut klarkommen. Ich war einfach müde, wie die meisten von uns. Ich hatte nicht mehr genug Energie.

Nach Ihrer Kündigung haben Sie ein Sabbatical gemacht. Was verspricht das für viele?

Ich glaube, dass viele Menschen das Bedürfnis nach einer Pause haben. Wir kommen aus der Schule, machen eine Ausbildung, studieren und fangen dann an zu arbeiten, ohne je eine Pause zu machen. Für viele von uns reichen sechs Wochen Urlaub im Jahr nicht mehr aus.

Darum geht es auch in Ihrem neuen Buch. Was hat Sie zum Schreiben motiviert?

Die eine Frage, die ich mir immer stelle: Wie arbeiten wir? Gerade im Kontext der aktuellen Krisen. Diese Frage ist zum Kernthema in Gesprächen mit anderen Menschen geworden. Viele Menschen sind erschöpft, sie haben das Gefühl, die Arbeitswelt funktioniert für sie nicht mehr so richtig. Und alle denken, es liegt an ihnen selbst. Aber wenn es allen so geht, dann ist es doch kein individuelles Problem. Es ist eins über viele Branchen und Berufe hinweg.

Sara Weber: „Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten?“ Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 18 Euro

Ein ernst zu nehmendes Problem, das in den letzten zwei Jahren die Great Resignation angestoßen hat.

Genau, das Phänomen dieser großen Kündigungswelle kommt aus den USA, wo 2021 so viele Menschen gekündigt haben wie seit 20 Jahren nicht. Und das aus verschiedenen Gründen: weil sie schlecht bezahlt wurden, weil sie nicht wertgeschätzt wurden, weil sie nicht genug Flexibilität bekamen, weil sie keine Kinderbetreuung hatten. Sie waren ausgebrannt und müde. Klar, dass viele Menschen dann auch die Branche wechseln, wenn sie dort einen anderen Job finden, der bessere Arbeitsbedingungen schafft.

Die Folge ist allerdings ein gravierender Fachkräftemangel.

Ja, der schlägt sich in manchen Branchen besonders nieder – oft dort, wo die Arbeitsbedingungen schlecht sind, wie in der Gastronomie oder Pflege. Deshalb müssen wir mit den Menschen sprechen, die sich für Lösungen einsetzen. Was mir dabei wichtig ist, nicht nur mit Menschen zu sprechen, die ihren Bürojob auch aus dem Homeoffice ausüben können, sondern wirklich auch mit denen, die das nicht können, wie im Handwerk oder in der Pflege. Wenn wir über die Arbeitswelt reden, ist es einfach, über den Bereich zu sprechen, in dem wir selbst arbeiten, also in Schreibtischjobs. Aber das Problem kriegen wir nicht gelöst, wenn wir es nicht größer angehen.

Sie sprechen in Ihrem Buch von „Knowledge Worker Guilt“. Was bedeutet das Phänomen konkret?

Das trifft auf die Menschen zu, die zum Beispiel einen Bürojob haben und in diesem sehr gerne arbeiten. Man denkt sich: Ich bin müde, ich bin ausgebrannt, aber eigentlich geht es mir ja ganz gut. Darf ich mich überhaupt beschweren, wenn es vielen anderen sehr viel schlechter geht als mir? Das kennen sicher viele, die nicht gerade in der Pflege oder im Supermarkt arbeiten oder nicht gerade zwei oder drei Kinder zu Hause haben.

Und?

Es ist okay, zu sagen, dass es einem nicht gut geht, auch wenn man keinen systemrelevanten Beruf hat oder körperlich hart arbeitet. Das ändert die eigenen Gefühle nicht, die valide sind. Idealerweise versucht man, sich dafür einzusetzen, dass es einem selbst und dann auch den anderen besser geht.

Man könnte sich professionelle Hilfe holen.

Professionelle Hilfe ist da ganz zentral – und in manchen Communitys wird auch schon offener darüber gesprochen. An den Küsten der USA kann man da offener drüber sprechen, aber im Landesinneren eher weniger. Genau wie man in Berlin, München oder Hamburg offener darüber redet als in kleineren Orten, die konservativer sind. Als ich noch bei Linkedin war, habe ich meinem Team immer sehr klar kommuniziert, wenn ich für eine Stunde zur Therapie gegangen bin.

So offen gehen vermutlich die wenigsten Führungskräfte damit um.

Dieses Stigma ist absolut absurd. Für viele Unternehmen, für die Arbeitgeber, auch gerade in der Medienbranche, ist es ganz wichtig, psychologische Unterstützung für Angestellte anzubieten, ohne dass man selbst bei den Vorgesetzten danach fragen muss. Die Therapie ist ein privates Gespräch, aber die mentale Gesundheit ist ein gesellschaftlicher Kampf.

Was muss sich in der Arbeitswelt genau jetzt ändern?

Der erste Schritt: die Arbeitszeit. Es wird gerade schon wieder sehr viel darüber geredet, dass Menschen mehr arbeiten sollten. Spätere Rente, längere Arbeitstage. Das ist der falsche Weg. Wir müssen stattdessen schauen, dass wir weniger und dafür sinnvoller arbeiten.

Sinnvoller bedeutet mittlerweile auch klimagerechter. Was bedeutet das konkret?

Es gibt Jobs, wo sehr klar ist, welchen Einfluss sie auf die Klimakrise haben. Zum Beispiel die, die Windräder oder Solarpanels installieren. Aber diese Jobs allein reichen nicht. Die Wirtschaft ist einer der größten Verursacher von Emissionen. In jedem Job muss das Thema Klimaschutz mitgedacht werden.

Was kann jede:r dafür tun?

Durch den Fachkräftemangel haben Mitarbeitende viel Macht und können Aktionen von ihren Unternehmen einfordern. Das können kleine Sachen sein wie weniger Fleisch in der Kantine. Es kann aber auch Größeres sein: etwa, dass sich das Unternehmen verpflichtet, bis zum Jahr 2030 eine bestimmte Menge an Emissionen einzusparen. Oder wenn man im Marketing arbeitet: Braucht man wirklich für jede Veranstaltung Merchandise? Oder könnte man dafür lieber für jeden Teilnehmer drei Bäume pflanzen? Das sind einfache Beispiele, aber so können wir jeden Job durch die Klimabrille sehen.

Von wem erhoffen Sie sich den größten Impact?

Alle großen Veränderungen, die wir in den letzten Jahrzehnten in der Arbeitswelt gesehen haben, wurden von Gruppen an Menschen angestoßen und nicht von Individuen. Wenn wir heute eine bessere Arbeitswelt wollen, müssen wir uns zusammentun. Wir sind alle ein Teil davon. Wenn mein Buch dazu einen Anstoß gibt, freue ich mich natürlich.

Wen wollen Sie mit dem Buch vor allem erreichen?

Die Kernzielgruppen sind Gen Z und Millennials. Also die jüngeren Generationen, die erst in den letzten Jahren in die Arbeitswelt eingetreten sind.

Warum?

Viele in der Gen Z haben keine Lust mehr, sich kaputtzuarbeiten, die Millennials wollen Veränderungen. Diese Themen kommen jetzt auf, genau dann, wenn es einen Fachkräftemangel gibt. Millennials sind es gewohnt, dass es nur befristete Jobs und unbezahlte Praktika gibt. Das wollen sie nicht mehr. Bei beiden Generationen hängt das auch mit der großen technologischen Affinität zusammen und mit dem größeren Bewusstsein für Ungleichheit, Diversität und Klimagerechtigkeit.

Was würden Sie als Erfolg sehen?

Es ist wichtig, die Unterhaltungen über alle Generationen hinweg zu führen, weil alle an demselben Strang ziehen, auf derselben Erde leben. Wir können wahnsinnig viel voneinander lernen. Ein Buch verändert nicht die Welt, aber es kann Denkanstöße geben. Erst wenn wir alle Diskussionen führen, können wir ein Bewusstsein für die Probleme entwickeln und wirklich Veränderungen bewirken.

Da ist das Ding! Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das ewige Leben. Was geht bei KI, Kryotechnologie, Longevity und Brain-Uploads? Außerdem: Hollywoods Indie-Genie Todd Field über Cancel-Culture, ein Graf aus Bayern begeistert die Gen Z auf Tiktok mit Benimm-Videos und wir haben uns die Startupszene von Stockholm genauer angesehen. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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