Productivity & New Work Dieser Graf bringt der Gen Z auf Tiktok Knigge bei

Dieser Graf bringt der Gen Z auf Tiktok Knigge bei

Manieren over? Pah, die Gen Z kann nicht genug davon bekommen: dank Clemens von Hoyos, der der Welt von morgen altes Wissen auf Tiktok erklärt.

Cemens von Hoyos sitzt im weißen Hemd an einem Tisch. Vor ihm ein Set, darauf Teller und Besteck. Es gibt Weißbier und Weißwurst zu essen. Dabei filmt er sich. Mehr als vier Millionen Klicks hat das Video auf Tiktok. Alles, was von Hoyos darin tut: Er zeigt der Internetwelt, wie man eine Weißwurst richtig isst.

Clemens Maximilian Stephan Graf von Hoyos Freiherr zu Stichsenstein – so sein ganzer Name – ist der Knigge-König von Deutschland. Aufgewachsen ist er in einer einstig adeligen Familie in Bayern und wurde demnach „streng erzogen“, wie von Hoyos selbst sagt. Regeln des Anstands und Manieren haben ihn von Anfang an begleitet. „Ich habe mich zu Hause und vor allem außerhalb der eigenen vier Wände sowie im Kreise von Fremden immer benehmen müssen“, sagt von Hoyos.

Bevor er zum Knigge-Experten wurde, studierte von Hoyos Brauereiwesen und Getränketechnologie. „Allerdings hatte ich damals das Gefühl, man wird damit zur besser bezahlten Putzkraft ausgebildet“, sagt von Hoyos. „Ich stand den ganzen Tag am Gärtank.“ Irgendwann kam dann der Turning Point – dank Alfons Schuhbeck. Der Fernsehkoch und Unternehmer wurde auf von Hoyos aufmerksam. Er fragte an, ob von Hoyos nicht einen Vortrag über Knigge halten wolle. Ein Angebot, über das der Graf nicht lange nachdenken musste, sagt er: „Ich wollte eh nicht in der klassischen Wirtschaft bleiben, dort ist man so machtlos, und es schien mir, als müsse man sich seinem Schicksal ergeben.“

Also hat von Hoyos den Knigge zum Beruf gemacht. Er absolvierte eine Ausbildung zum Knigge-Trainer, die es offenbar noch immer gibt. In der Weiterbildung konnte von Hoyos auf sein privates Netzwerk zurückgreifen, er ging in den Austausch mit Geschäftsführer:innen, Hochadel und Diplomat:innen. „Und ich habe gelesen wie ein Berserker“, erzählt von Hoyos. 2020 übernahm er die Knigge Akademie.

Hallodri mit Anstand

Doch was bedeutet Knigge im 21. Jahrhundert überhaupt noch? Wer braucht das? Und was steht noch in der Tradition? Kurz: Es geht mehr als nur darum, die Weißwurst korrekt zu verspeisen.

Kurzer Exkurs: Vor 235 Jahren schaffte Adolph Freiherr Knigge den unverwüstlichen Dauerbestseller mit dem Titel „Über den Umgang mit Menschen“. Seitdem kurz „Knigge“, von manchen auch „Anstandsfibel“ genannt. Birte Steinkamp sagt, damit wurde Adolph Knigge über die Zeit fälschlicherweise zu einem „Regelonkel“. Steinkamp ist wie von Hoyos Trainerin für Business-Etikette. Sie selbst spricht lieber von Empfehlungen statt Regeln. Es gehe ja in erster Linie „um einen Kompass im sozialen Miteinander, bei dem jeder selbst entscheidet, wie sehr oder wie wenig er davon Gebrauch macht“.

Von Hoyos definiert Knigge so: „Gutes Benehmen ist stets anlass- und adressatengerecht. Zudem berücksichtigt man seine eigene Rolle.“ Beispiel: Im beruflichen Kontext brauche es ein gewisses Maß an Professionalität, also Zielstrebigkeit und Sachlichkeit. Ebenso wie Freundlichkeit, „wobei Letzteres generell förderlich ist“, sagt er. Dürfte auch Knigge so gesehen haben.

Buchcover: Reclam



Er sitzt während des digitalen Gesprächs in seinem Arbeitszimmer. Einmal dreht er den Laptop, zu sehen ist seine private Bibliothek. Er zeigt auf das linke Regal. „Das sind alles Bücher über Knigge, alte Philosophen, aber auch digitalen Humanismus“, sagt von Hoyos. Für seinen Alltag schreibt sich von Hoyos To-do-Listen, auf denen stehen in der Regel an die 30 Punkte, da­runter Seminare planen und halten sowie Tiktoks drehen. Um alle To-dos zu schaffen, braucht es – natürlich – Disziplin. „Ich habe kaum Disziplin, ich bin ein richtiger Hallodri“, sagt von Hoyos.

Diese Selbstbeschreibung darf wohl eher überraschen. „Ich habe ein großes Vorbild: meinen Großvater“, sagt von Hoyos. „Er hatte eine künstliche Hüfte und ein durchschossenes Knie und hat es sich nie nehmen lassen, immer aufzustehen.“ Auch wenn er sich als Hallodri bezeichnet: Mit seiner Berufung zum Knigge-Experten macht er seinen Großvater heute sicher stolz.

Freiherr:innen-Skills für alle

Von Hoyos will in seiner Position mit einem Vorwurf aufräumen – nämlich mit dem, der besagt, Knigge sei überholt und nicht mehr zeitgemäß: „Knigge selbst war zu seiner Zeit alles andere als konservativ, er war ein Vordenker der deutschen Demokratie“, sagt er. Konservativ sei der Knigge nur in dem Sinne, dass Werte aufrechterhalten werden sollen. Das sei aber eigentlich in allen politischen Richtungen der Fall, deshalb weigere von Hoyos sich, den Knigge in ein politisches Lager zu stecken.

„Der Knigge wird leider extrem statisch betrachtet. Das ganze Thema wirkt dadurch verstaubt und antiquiert. Niemand hat Lust, sich an Vorschriften zu halten“, sagt von Hoyos. „Doch wer sich nur einen halben Tag mit Knigge als Autor beschäftigt, wird feststellen, dass man alle Möglichkeiten hat.“ Auch Expertin Steinkamp will mit dem falschen Bild vom Knigge aufräumen, sie scheint die verbreitete Haltung gegenüber dem Knigge ein Stück weit zu verstehen: „Wenn sich Knigge nur um perfekt gebundene Krawatten, korrektes Hummeressen und Ladies-first-Regeln drehen würde, würde auch ich die Bedeutung infrage stellen.“

Nun, fragt man die jüngere Generation heute, wird die Reaktion auf den Knigge wohl lauten: Noch mehr alte Lektüre? Nein danke. Gut, dass von Hoyos einen anderen Weg für die jungen Progressiven gefunden hat: Tiktok. Mit seinem Kanal „kniggeakademie“ startete von Hoyos ursprünglich, um Brand-Awareness für den Account zu schaffen. „Ich habe fast zwölf Monate gebraucht, um mein erstes Tiktok hochzuladen“, sagt von Hoyos.

Doch dann kam alles auf einen Schlag, gedreht hat er nämlich gleich zehn Videos auf einmal und diese eins ums andere nach je 48 Stunden veröffentlicht – und damit den Tiktok-Algorithmus geknackt. 100 000 Follower:innen waren es nach seinen ersten Videos.

Die Themen gibt seine Community vor. Denn die mittlerweile knapp 400 000 Follower:innen stellen ihm regelmäßig Fragen, die den Freizeit- und Berufsalltag betreffen: Wie esse ich mit Messer und Gabel? Welches Outfit trage ich im Büro? Wie gebe ich einen Handschlag richtig? Auch wenn Gen Z – wie jede Generation vor ihr – sich gegen Vorschriften zu wehren versucht, an ein paar Regeln scheint sie dennoch interessiert. Die Fragen sind mal alltäglich, mal absurd, mal belanglos. Was sie alle gemein haben: Sie sind, wie schon vor 235 Jahren, für den Umgang mit Menschen relevant.

Unterhaltung statt Unterricht

Knigge hat mal gesagt: „Die Gesellschaft will nicht unterrichtet, sie will unterhalten werden.“ Ein Satz, den von Hoyos sich von Anfang an zu Herzen genommen hat. „Das ewige Chichi im Herrenzimmer mit Zigarre rauchen zieht nicht mehr“, sagt von Hoyos. Deshalb verbreitet er den Knigge eben nicht nur in klassischen Seminaren, sondern auch auf Tiktok. Mit so viel Fun wie möglich.

Sein Ziel: das Wissen um gutes Benehmen demokratisieren. Für jede:n, egal ob aus bildungsfernen oder aus vermeintlich elitären Haushalten, sagt von Hoyos. Für eine Generation, die gerade erst die Arbeitswelt entdeckt und sich dort in Krisenzeiten zurechtfinden muss. Der Knigge soll dabei an die Hand nehmen.

Knigge hat auch mal gesagt: „Es gibt kein falsch, es gibt nur angemessen oder unangemessen, geschickt oder ungeschickt.“ Wichtiges Wissensnugget: „Gutes Benehmen kam schon immer in Wellen“, sagt von Hoyos. Heute gibt es zwei Parallelbewegungen: die einen, die sehr viel Wert auf gutes Benehmen legen und das Ganze sehr dogmatisch und formalistisch betrachten. Und die anderen, die das Thema Lockerheit und Authentizität mantraartig vor sich hertragen.

Doch was heißt schlechtes Benehmen in der heutigen Welt überhaupt? Von Hoyos zählt drei No-Gos auf: Unpünktlichkeit, Leiden und Lästern. „Lästern zum Beispiel untergräbt die eigene Glaubwürdigkeit“, sagt er. In Businessnetzwerken sei ein weiteres No-Go, auf Quantität statt Qualität zu setzen, sagt von Hoyos. Einen Satz, den er im Gespräch immer wieder predigt: „Wie Sokrates schon gesagt hat: Ist es gut? Ist es wahr? Ist es notwendig? Aber wie viele Dinge, die wir dort lesen, sind unnötig.“

New-Work-Expert:innen sprechen immer wieder davon, wie agil die Arbeitswelt doch geworden ist. Fragt man von Hoyos, ist Agilität allerdings kein neues Phänomen, sagt er: „Agilität steht für nichts anderes als die Flexibilität, schnell auf seine Umgebung und das Marktgeschehen reagieren zu können. Nichts anderes ist Adressat, Rolle, Kontext bei Knigge.“

Knigge für Kund:innenbindung

Es ginge um Agilität, gepaart mit einer von Wertschätzung und Rücksichtnahme geprägten Geisteshaltung, sagt von Hoyos: „Wenn wir es schaffen, Agilität mit dem humanistischen Aspekt zu verbinden, sind wir mit Knigge total auf einer Wellenlänge.“ Ebenso betrifft es die „Customer Journey“, die in Unternehmen heute großgeschrieben wird. „Auch das Erlebnis möchte Knigge, indem er unterhält und nicht belehrt“, sagt von Hoyos. „Im Grunde ist Knigge Kundenbindung.“ Schließlich gehe es am Ende immer darum, wie ich mit Menschen umgehe.

Ein weiteres Buzzword aus der New-Work-Welt, dem auch schon Knigge Wichtigkeit zuordnete: Resilienz. „Knigge selbst ist einzuordnen in die Nachfolge der Stoiker. Er hat gesagt: Fühle, denke, dulde, schweige, lächle. Das ist nichts anderes als Resilienz“, sagt von Hoyos. Klar, die Arbeitswelt befindet sich im ständigen Wandel, in den letzten Jahren vor allem geprägt durch Pandemie, Wirtschaftskrise und Kündigungswellen. Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen müssen sich heute mehr denn je darin üben, Krisen auszuhalten und zu bewältigen.

Laut Knigge sei das Ziel bei all dem, dass man immer die beste Version seiner selbst werden solle. „All die neuen Technologien machen unser Leben bequemer, aber den Menschen nicht besser“, sagt von Hoyos. Es kommt letztendlich immer noch auf die humanistischen Werte an, die uns von der Technologie weiterhin unterscheiden. Von Hoyos sagt: „Je mehr Hard Skills automatisiert werden, desto wichtiger werden die Soft Skills im Job. Das ist genau der Trend, den wir gerade beobachten.“

Das Originalwerk von Knigge ist 480 eng bedruckte Reclam-Seiten lang. Die Learnings bricht von Hoyos so herunter: „Knigge wird in der Jobwelt von morgen einen sehr hohen Stellenwert haben im Sinne von Soft Skills, Anschlussfähigkeit und Networking.“ Der Knigge-Experte ist überzeugt, dass wir in naher Zukunft noch mehr auf Netzwerke angewiesen sein werden als gerade eh schon – dann ginge es auch wieder um Anschlussfähigkeit, Verbindlichkeit, Unvoreingenommenheit, Disziplin. Eben um den richtigen Umgang mit Menschen. „Für all das steht Knigge“, sagt von Hoyos. Die Weißwurst korrekt zu essen ist daneben nur ein Nice-to-know.

Da ist das Ding! Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das ewige Leben. Was geht bei KI, Kryotechnologie, Longevity und Brain-Uploads? Außerdem: Hollywoods Indie-Genie Todd Field über Cancel-Culture, ein Graf aus Bayern begeistert die Gen Z auf Tiktok mit Benimm-Videos und wir haben uns die Startupszene von Stockholm genauer angesehen. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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