Innovation & Future Forensic Architecture: Digitale Ermittlungen, wo andere wegschauen

Forensic Architecture: Digitale Ermittlungen, wo andere wegschauen

Wo Unrecht geschieht und es Behörden selbst belasten könnte, sind sie als Ermittler:innen zur Stelle: Das Kollektiv Forensic Architecture schaut genau hin, wie die EU sich gegen Asylsuchende abschottet

Es ist der 9. August 2020. 62 Menschen treiben auf dem Mittelmeer Richtung Türkei. Dicht gedrängt auf vier Rettungsinseln in Schwarz und Orange. Sie hatten sich auf den Weg nach Europa gemacht. Wollten die Küste der Insel Lesbos erreichen, hofften auf Hilfe in der Europäischen Union.

Hier listet Forensic Architecture die Driftbacks detailliert auf.

Doch genau das Gegenteil geschah: In griechischen Gewässern angekommen, attackierten maskierte Männer von einem griechischen Küstenwachenschiff die Asylsuchenden. Und ließen sie auf den Rettungsinseln zurück in die Richtung spülen, aus der sie gekommen waren. Wo die 62 dann von der türkischen Küstenwache an Land geholt wurden. So haben es die digitalen Forensiker:innen ermittelt, um die es hier geht, die eigentlich Künstler:innen und Wissenschaftler:innen sind. Dass es an ihnen ist, diese Fälle zu dokumentieren, liegt daran, dass es andere nicht tun.

Der erschreckende Fall der 62 Menschen ist einer von Hunderten. Er widerspricht den Vorgaben für Flüchtlingshilfe, denen sich auch Griechenland und Deutschland verschrieben haben. Die sogenannten Pushbacks oder Driftbacks werden von offiziellen Stellen bis heute bestritten. Dass sie trotzdem immer wieder stattfinden, das wissen wir auch wegen der Arbeit von Forensic Architecture. Minutiös geprüft. Anhand der digitalen Spuren, die ein solcher Vorgang heute hinterlässt. Sicher, Hinschauen und Aufklärung von Unrecht wären eigentlich die Aufgaben von Behörden oder Polizei.

Aber was ist, wenn solche Institutionen selbst unter Verdacht stehen? Wenn sie kein Interesse haben, offenzulegen, was geschehen ist? Wenn den Aussagen der Betroffenen kaum jemand Beachtung schenkt. Wenn die Anklagen untergehen und zu keinen Konsequenzen führen. Eine solche Situation benötigt Freiwillige, die hinschauen und gegen Widerstände anlaufen.

Beweise sammeln

Kunst und Wissenschaft befassen sich auch mit Themen, die in Massenmedien und Politik oft wenig Beachtung finden. Und die Wirksamkeit von Kunst und Forschung ist oft nur unmittelbar. Unangenehme Wahrheiten finden ihren Weg durchaus in die Museen und Bildungsstätten, aber wie wird daraus Wandel in der Welt?

„Wie kann diese Praxis aufhören? Das ist die Frage“, sagt Stefanos Levidis über die Pushbacks auf dem Meer. Er leitet das zugehörige Projekt bei Forensic Architecture. „Wir sammeln Beweise, analysieren das Material und präsentieren sie der Öffentlichkeit.“ Das Ziel: Politiker:innen zum Umdenken bewegen. „Das Abstreiten ist wie ein Lied, das die griechische Regierung einfach immer wieder abspielt. Aber jetzt gibt es eben klare Belege.“ Von Orten, die sonst schwer für Beobachtende zugänglich wären. „Das sind hochgradig militarisierte Gebiete, sehr feindselig.“

Öffentlichkeit herstellen

Umso schwieriger wird es für Berichtende und erst recht für einfache Bürger:innen, diese Orte aufzusuchen. Meldungen über die brutalen Ausmaße des europäischen Grenzregimes schaffen es oft nur in die lokale Presse oder in spezialisierte Blogs. Für einige Zeit war das Thema der Flüchtenden auf dem Mittelmeer überall. Heute könnte es manchmal scheinen, als sei es zeitgleich mit der Coronakrise aus dem öffentlichen Interesse verschwunden. Dabei ist seitdem vieles noch schlimmer geworden.

Gründer von Forensic Architecture ist der britisch-israelische Architekt Eyal Weizman. Das Team, angesiedelt am Goldsmiths College der London University, hat sich auch andere Fälle von Unrecht gegenüber Wehrlosen angeschaut. Sei es in den palästinensischen Gebieten, beim russischen Überfall auf die Ukraine oder auch der Fall der Polizeireaktion auf die rassistischen Morde in Hanau. Die Ergebnisse sind erschreckend. Und sie werfen die Frage auf: Wie kann es sein, dass staatliche Stellen nicht längst Kontrollgremien haben, die für Aufklärung sorgen? Wieso muss das Forensic Architecture als Team aus Künstler:innen übernehmen?

Daten als Werkzeuge

Mit einer immer größeren Verfügbarkeit von Daten kann auch ein immer größerer Teil der Öffentlichkeit nachforschen, sich ein eigenes Bild machen. Kaum ein Mensch auf der Welt verlässt mehr ohne Smartphone das Haus. Kamera, Mikrofon, Ortungsdienst sind theoretisch zu jedem Zeitpunkt verfügbar. Wenn wir es wollen, hat alles ein digitales Abbild. Und ist damit auch archiviert, nachvollziehbar, mehr als nur subjektive Erinnerung.

Wer es will, der kann jede Bewegung über GPS aufzeichnen lassen und live mit beliebigen Kontakten teilen. Hierzulande mag das gruselig klingen und Datenschützer:innen auf den Plan rufen. Aber für Menschen in Not, von Gewalt Bedrohte kann es eine Möglichkeit sein, stumme Zeugen mit in die Gefahr zu nehmen. Wenn es keine Dritten gibt, die wissen wollen, was vorgefallen ist, dann sind sie mit ihrem Wissen allein.

Solche Aufnahmen dienen FA als Quellen.

Forensic Architecture hat eine Plattform aufgebaut, in der aus jedem Driftback, den Fällen des absichtlichen Wegtreibenlassens, ein Eintrag wird. Dann beginnen die Recherchen des Teams. Ausgangspunkt sind oft die Meldungen der türkischen Küstenwache. Die hat aus historischen und politischen Gründen großes Interesse daran, die Fälle sichtbar zu machen. Denn was der griechischen Küstenwache schadet, kommt der türkischen Seite gerade gelegen. Doch wegen dieses Eigeninteresses der Türkei reichen die von dort stammenden Quellen nicht aus.

Gebaute Gewalt

Forensic Architecture sammelt weiter: Fotos, wie sie von Menschen auf den Booten geschickt werden, an Organisationen wie Alarmphone etwa. Videos, die verwackelte Aufnahmen von Küsten zeigen. Die sind für die digitalen Forensiker:innen so etwas wie ein Fingerabdruck. Entsprechen die Bergrücken der Form einer griechischen Insel? Wenn ja, dann ist schon mal das nächste Indiz dafür da, dass es den Fall tatsächlich gegeben hat. Vielleicht sind da auch die genauen Standortdaten aus dem GPS des Smartphones. Jeder Datenpunkt ist ein Schritt in Richtung Verifikation.

Forensic Architecture arbeitet oft ganz ähnlich wie Ermittler:innen oder Journalist:innen. Das bedeutet auch, dass nicht immer alles schon digital vorliegt. Manchmal braucht es ein Nachfragen: Wenn es weiterhilft, rufen die Forschenden die von den Driftbacks Betroffenen an und nehmen ihre Erinnerungen zu Protokoll.

Nur: Warum eigentlich Architektur, wie kommt die zur Forensik? „Wir haben erkannt, dass Kriege und Verbrechen heute immer stärker Gebäude und Infrastruktur einbeziehen“, erklärt Levidis. „Waffen explodieren in Wohnzimmern. Die Architektur ist selbst zur Waffe geworden.“ Im Falle der Gewalt an Grenzen sind Mauern und Zäune nur der offensichtlichste Fall von Gewaltbauten. Selbst Eigenschaften der Natur können Menschen zum Verhängnis werden. Eben wie im Fall von Meeresströmungen, ohne die Driftbacks nicht möglich wären.

Gerade das ist perfide: Wenn es das Meer selbst ist, das die Menschen von der EU wegtreibt, wird es umso schwerer, die Verantwortlichen dafür zu ermitteln. Wasser als Waffe. Oder eben Sonne und Kälte. Es sind die Einflüsse der äußeren Welt, die abschreckende Wirkung entfalten können. „Das sind Bestandteile der kalkulierten Verweigerung von Asyl in Europa“, sagt Levidis. Eine Verweigerung, die ganz und gar nicht zu den Werten passt, mit denen Europa sich öffentlich gerne schmückt.

Lähmende Prozesse

So fügt sich die Unsichtbarkeit der Grenzabschottung in eine Kommunikationsstrategie. Hinter den Kulissen streiten die Beteiligten nicht ab, dass es diese Pushbacks gibt. „Der Befehl lautet: Niemand kommt durch“, sagte ein Offizier der griechischen Küstenwache dem „Spiegel“ anonym. Weil das der offiziellen Darstellung widerspricht, hat das Nachrichtenmagazin zwei weitere Quellen herangezogen.

Aus Perspektive der reichen Staaten in Mittel- und Nordeuropa kommt es gelegen, dass die Grenzpolitik von Staaten wie Griechenland oder Italien ausgeführt werden muss. Ende Februar 2020 bezeichnete die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen Griechenland bei einem Ortsbesuch als „Schutzschild“ gegen Migration. Doch so weit ist Deutschland gar nicht entfernt: Bei Forensic Architecture ist nämlich zu lesen: „In drei Fällen war das deutsche Versorgungsschiff ,Berlin‘ vor Ort.“

Varoufakis ist Unterstützer

Aber was ist mit nachhaltigem Wandel? Haben die Veröffentlichungen von Forensic Architecture vor Ort bereits etwas bewegt? Mit Yanis Varoufakis hat das Londoner Kollektiv einen berühmten Fürsprecher in Griechenland gewinnen können. Der Ex-Finanzminister schrieb eine offizielle Anfrage an den rechten Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis zu den durch das Projekt dokumentierten „27 464 Opfern, deren Rechte, die eindeutig durch internationales Recht garantiert sind, von der griechischen Küstenwache und Frontex auf Geheiß Ihrer Regierung bzw. der EU verletzt wurden“. Seitdem sind allerdings Monate vergangen.

Die Antwort auf die Frage des Oppositionspolitikers? „Zero“, sagt Varoufakis im Gespräch mit Business Punk. Die griechische Regierung habe nicht geantwortet, wie es die Regeln erfordern. „Die Chance, dass er antworten würde, lag bei null. Ich war nicht überrascht.“ Regelbrüche, an die sich der linke Ökonom schon gewöhnt hat. Es folgte nichts als „Schuld-Stille“, wie Varoufakis sagt.

Die Politik ist das eine, Medien das andere: Reaktionen der Öffentlichkeit blieben aus. Das schockiert Varoufakis. „Extrem bedrückend ist, dass es nicht mal Berichte darüber gibt.“ Premier Mitsotakis halte sich nicht an die Regeln – aber „ohne irgendwelche politischen Kosten für ihn“. In dieser lauten Stille ist die Stimme von Forensic Architecture umso wichtiger. „Ihre Arbeit ist unverzichtbar“, sagt Varoufakis. „Am Ende wird die Wahrheit erstrahlen.“

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