Productivity & New Work Wellness-Washing: Wir brauchen mehr für mentales Wohlbefinden als Yoga-Kurse 

Wellness-Washing: Wir brauchen mehr für mentales Wohlbefinden als Yoga-Kurse 

Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz spielt für Mitarbeitende eine immer wichtigere Rolle bei der Auswahl der Arbeitgeber:innen. Daher versuchen Unternehmen das Thema in ihre Firmenkultur zu integrieren. In vielen Fällen ist dabei jedoch Wellness-Washing statt ernstgemeinter Angebote zu beobachten.

Was darunter zu verstehen ist und wie man Wellness-Washing entdecken kann, erklärt uns Mareike Bruns im Interview. Sie arbeitet als Mental-Health-Specialist in Helsinki bei Auntie, einem Dienstleister, der Unternehmen bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit der Mitarbeitenden unterstützt.

Mareike, was bedeutet Wellness-Washing? 

Wellness-Washing kommt vor, wenn Unternehmen Begriffe wie Mental-Health und Mental-Wellbeing als Buzzwords benutzen. Sie behaupten, die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu fördern und schmücken ihr Image damit. Richtige Maßnahmen gibt es dann aber nicht. 

Hast du Beispiele dafür?

Interessant ist, wenn sich Firmen attraktiv machen wollen, um Fachkräfte anzuwerben. Da steht dann Mental-Wellbeing als Teil der Kultur drauf, dahinter verbirgt sich dann aber Fitness. Dann wird alle paar Monate mal ein Yoga-Tag angeboten. Manche stellen dann Gadgets zur Verfügung oder regen an, irgendwelche Apps zu nutzen. Auch beliebt: Ein einmaliger Workshop zum Thema gesunde Ernährung oder Entspannungstechniken. 

Das sind alles Dinge, die nur sehr punktuell passieren und danach war es das dann. Die Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit wird nicht mitgedacht. Es wird aber trotzdem im Intranet gefeiert. Dabei müsste man die Themen nachverfolgen und vertiefen. 

„Wie hört es sich an, Life-Work-Balance zu sagen?“

Mareike Bruns

Aber Fitness kann ja dazu beitragen, dass man sich besser fühlt.

Ja, das kann für Mitarbeitende durchaus interessant sein. Das ist aber noch längst nicht alles, was Unternehmen anbieten sollten, wenn sie mit Mental-Wellbeing werben. Denn dazu gehört auch vor allem, dass Mitarbeitende offen über ihr Wohlbefinden sprechen dürfen. Dafür muss ein Klima von Vertrauen herrschen und eine Arbeitskultur, in der die Firmen für das Wohlbefinden Verantwortung übernehmen und die Mitarbeitenden fragen, wie sie sich fühlen und was sie bräuchten, damit sie sich am Arbeitsplatz wohlfühlen. 

Was meinen wir, wenn wir über Mental-Wellbeing sprechen?

Wellbeing meint das generelle Wohlfühlen in der Arbeit. Dass man das Gefühl hat, man ist gut ausgelastet, hat aber auch genügend Zeit für Pausen. Es meint auch den präventiven Bereich, bevor die psychische Gesundheit leidet. Bei psychischen Erkrankungen bedarf es nämlich nochmal ganz anderer Maßnahmen. Da wird professionelle Hilfe benötigt. 

Was sind denn Maßnahmen, die Mental-Wellbeing wirklich unterstützen?

Die einfachste Sache, die aber kaum gemacht wird: Bei der Einarbeitung auch das betriebliche Gesundheitsmanagement vorstellen und die Services, die dauerhaft genutzt werden können. Wir hören von Unternehmen oft: ‘Niemand nutzt die Angebote zur Unterstützung der Gesundheit‘. Fragt man genauer nach, liegt es nicht daran, dass Mitarbeitende die Angebote nicht nutzen wollen, sondern dass das Thema nicht in der Firmenkultur verankert ist.

Wie zeigt sich das?

Es herrscht immer noch der Ansatz, dass Maßnahmen zur Förderung des Wohlbefindens am Arbeitsplatz nicht während der Arbeitszeit genutzt werden ‚dürfen‘. Da müssen Führungskräfte deutlich machen, dass das erwünscht ist, sich während der Arbeitszeit Zeit zu nehmen, um beispielsweise Entspannungstechniken zu üben. Das wäre tatsächlich mal ein Benefit, ein gewisses Repertoire an Stunden für Mental-Wellbeing zur Verfügung zu stellen.

Firmen müssen erkennen, dass die Menschen ihnen ihre Energie zur Verfügung stellen, sie aber auch noch ein anderes Leben haben. Sie sollten sie in ihrer Life-Work-Balance unterstützen. Damit sich die Mitarbeitenden nicht während der Arbeitszeit auslaugen und sich nur im Urlaub und in ihrer Freizeit ausruhen können. 

Life-Work-Balance?

Wie hört es sich an, Work-Life-Balance zu sagen? Wie hört es sich an, Life-Work-Balance zu sagen? Das zeigt uns, was an erster Stelle steht und gibt an, wofür wir die meiste Energie verwenden. Und der Fokus sollte auf unserem Leben liegen, das sich neben der Arbeit abspielt. Das steigert auch die Freude an der Arbeit. 

Mareike Bruns. ©Auntie

Was gibt es noch an tatsächlichen Benefits?

Ein Mitspracherecht zu haben über den eigenen Arbeitsalltag, selbst entscheiden zu können, was man auch mal depriorisieren kann an Aufgaben. Und vielleicht etwas einzuführen wie ein Stressbarometer. Das kann etwas sein, das man an den Schreibtisch klebt. Dann wird gut sichtbar, wie Stress von den Mitarbeitenden empfunden wird, dann kann man nach relevanten Maßnahmen suchen. 

Das britische Unternehmen YuLife hat einen Status im internen Slack eingeführt, bei dem man angeben konnte, dass man zwar nicht krank ist, es einem aber nicht gut geht und man deswegen weniger abarbeiten kann. 

Es gibt ja bei Slack verschiedenste Emojis, wieso die  nicht auch für die Stimmung nutzen? Das ist mal eine Idee. 

Wie erkenne ich in einer Stellenanzeige schon Wellness-Washing?

Was mir sofort einfällt ist der Satz: ‘Wir sind eine große Familie, bei uns wirst du dich wohlfühlen wie zu Hause‘. Also wenn keine Grenzen zwischen Privat und Arbeit gezogen werden. Dann noch Aussagen wie: ‘Flexibilität und Eigenverantwortung‘. Das kann implizieren, dass die Person mit allem eigentlich allein gelassen wird. Auch kritisch ist, wenn nicht klar ist, was die Aufgaben eigentlich sind und vor allem, was sie nicht sind. 

Und Benefits in Form von Fitness-Mitgliedschaften, bei denen die Mitarbeitenden nicht mal gefragt werden, ob sie ihnen wichtig sind und sie sie brauchen. Vielleicht wollen manche lieber ein Dienst-Rad. Wenn ich nichts davon lese, wie die Kommunikation abläuft und welche Feedbackmöglichkeiten es im Unternehmen gibt, sind das Red-Flags. Auf LinkedIn kann man auch viel erfahren, um sich einen persönlichen Eindruck über ein Unternehmen zu holen. 

Ist das nicht seltsam, jemanden auf LinkedIn anzuschreiben, um zu fragen, ob die Firmenkultur wirklich so ist, wie beschrieben? 

Das ist eine individuelle Entscheidung, aber warum nicht? Wir tauschen uns über so viele Dinge aus. Solche Fragen werden denke ich auch gar nicht komisch aufgenommen, weil Menschen immer kritischer werden und sich informieren möchten. Vor allem die junge Generation möchte genau wissen, was sie erwartet und was sie bekommt. 

Was sagst du dazu, wenn Startups verpflichtend einmal im Monat ein Meeting ansetzen, um über das Wohlbefinden zu sprechen? 

Der Ansatz ist nicht schlecht, weil dann das Bewusstsein für das eigene Wohlbefinden am Arbeitsplatz vorhanden ist. Fatal wäre, wenn danach nichts passiert und keine Maßnahmen ergriffen werden, wenn es Mitarbeitenden nicht so gut geht oder Mitarbeitende gezwungen werden, über ihr Wohlbefinden zu reden, wenn sie nicht möchten. 

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