Life & Style Vom Fußball ins Office: Die Parallelen zwischen Sportler-Karriere und Büroalltag

Vom Fußball ins Office: Die Parallelen zwischen Sportler-Karriere und Büroalltag

Sean Evers war einmal Fußballprofi – und musste dann die Karriere nach der Karriere am Schreibtisch vorantreiben. Doch was lehren Erfolg und Misserfolg auf dem grünen Rasen oder die Kabinenpredigt des Trainers für den Lebenslauf außerhalb der Sportler-Blase?

Von Sean Evers, Vice President of Sales bei Pipedrive

Fußballprofi werden – der Traum Millionen Kinder rund um den Globus. Für mich ist dieser Traum in Erfüllung gegangen und hat mir unzählige unvergessliche Momente geschenkt: Etwa von meinem ersten Profieinsatz als Jugendspieler meines Ausbildungsvereins Luton Town. Oder mein Moment im altehrwürdigen Old Trafford gegen das große Manchester United, als ich, der defensive Mittelfeldspieler, urplötzlich alleine auf den Torwart zulief. Aber auch den Moment, als ich meine Karriere mit – nicht nur für den Fußball jungen – 26 Jahren beendete und den grünen Rasen gegen den Schreibtisch eintauschte.

Heute bin ich Vice President of Sales bei dem estnischen CRM-Anbieter und Tech-Unicorn Pipedrive. Und auch wenn Fußball und der Vertrieb auf den ersten Blick nicht viel gemein haben, heute weiß ich: Jede Kabinenpredigt meines Trainers, jeder „Verstolperer”, und jede Trainingseinheit merkte ich in meinem späteren Berufsleben auf die ein oder andere Weise.

Demut schlägt Arroganz

Alles begann mit meinem Debüt als Profispieler. Ich war erst 17 Jahre alt und spielte eigentlich noch für die Jugendmannschaft meines Vereins Luton Town. Es war immer mein Traum, einmal für die erste Mannschaft aufzulaufen – und plötzlich war dieser Moment ganz nah. Ausgerechnet im Derby gegen unseren großen Rivalen FC Watford wurde ich in der Schlussviertelstunde eingewechselt.

Erstaunlicherweise war jener Moment, der mich auch für mein späteres Berufsleben prägen sollte, aber nicht als der vierte Offizielle die Tafel mit meiner Rückennummer für meine Einwechslung hochhielt – sondern die darauffolgende Woche. Als die Realität mich umgehend einholte. Ich trainierte wieder mit der Jugendmannschaft und wir bereiteten uns auf unser Spiel im Youth FA Cup vor.

Mitten in einer Übung rief mich der Trainer zur Seite und nahm mich mit in die Fußballtennishalle. Dort sagte er mir, ich solle auf den Boxsack einschlagen. Und während ich auf das Fitnessgerät einprügelte, fragte er mich: „Hältst du dich jetzt für was Besseres? Glaubst du, du musst nicht mehr so hart arbeiten, jetzt wo du für die Profis spieltest? Bist du dem Jugendteam entwachsen?”

Ich verstand im ersten Moment nicht genau, was er meinte. Hatte ich etwas falsch gemacht? Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass dies keine Wutrede, sondern eine Lehrstunde war: Egal wie talentiert oder intelligent ich sei, so mein Trainer, ich dürfe nie vergessen, dass der Fleiß, den ich investiere, die Bodenständigkeit, die ich ausstrahle, mich als Individuum ausmachen. Diese beiden Charaktereigenschaften würden meinen weiteren Weg definieren.

Mit Kontinuität zum langfristigen Erfolg

Dieser Ratschlag wurde zu einem der wichtigsten meines Lebens – und begleitete mich über meine gesamte Karriere: Erfolg ist flüchtig. Nur durch kontinuierliche, harte Arbeit entwickeln wir uns weiter. Wer sich hingegen auf seinen Lorbeeren ausruht, wird unweigerlich den Anschluss verlieren. Es gab Momente in meinem Fußballerleben, wo ich es im Training gerne etwas ruhiger angehen lassen wollte. Wo ich dachte, dass das Tor oder die Rettungstat am Wochenende mir einen Vorteil verschafft hätte. Doch im Sport gilt: Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Dementsprechend war der Stammplatz schnell wieder futsch, wenn man im Training nicht die Extra-Meile gehen wollte.

Gleiches gilt natürlich auch für den Berufsalltag in meiner Karriere nach der Karriere. Ich will keine „Das Beste ist nie genug”-Mentalität propagieren. Doch der letzte Deal-Abschluss ist eben genau das: der letzte Abschluss. Natürlich dürfen und sollen Erfolge auch im Berufsleben gefeiert werden. Aber: Dieser darf niemanden davon abhalten, sich verbessern zu wollen. Nicht nur, um der KPI willen.

Denn auch der Markt ändert sich stetig. Dafür reicht ein Blick auf die Sales-Branche: Aus Händeschütteln und Face-to-Face-Business wurde während Corona ein digitales Geschäft. Zoom-Konferenz statt Außendienst, Online-Demo statt Vor-Ort-Präsentation. Im Fußball wie in der Berufswelt ist daher gewiss: Die Lernkurve endet nie. Und vergangene Erfolge sind eine tolle Basis für zukünftigen Erfolg, aber eben keine Garantie.

Aus Fehlern werden Chancen

Doch nicht nur unser Wille und unsere Motivation uns stets verbessern und immer einen Schritt nach vorne machen zu wollen, entscheiden über unsere berufliche Zukunft. Sondern auch die Quelle dieser Lern-Inspiration. Denn wenn ich in meiner sportlichen Laufbahn eines gelernt habe, dann: Fehler sind die besten Gelegenheiten zu lernen.

Dazu zählen kleine Stellungsfehler, weswegen ich den ein oder anderen Zweikampf verlor – oder größere Missgeschicke: Beispielsweise lief ich einst im Old Trafford, einem Sehnsuchtsort für jeden Fußballfan, alleine auf den Torhüter von Manchester United zu. Und ich verstolperte den Ball gnadenlos. Noch heute muss ich mir dafür auf Treffen mit ehemaligen Mannschaftskollegen deftige Sprüche anhören.

Doch der richtige Umgang mit Fehlschlägen ist eine der wichtigsten Eigenschaften einer jeden Karriere. Das gilt für mein Sales-Berufsfeld wie auch für jeden anderen Beruf. Wir alle müssen verstehen: Misserfolg ist kein persönliches Scheitern. Sondern eine Möglichkeit, uns weiterzuentwickeln.

Teamwork Makes The Dream Work

Und wir müssen uns stets bewusst sein: Scheitern ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Ganz gleich, ob ein Deal nicht erfolgreich abgeschlossen, eine Deadline verpasst oder eine wichtige E-Mail vergessen wurde. In diesen Fällen liegt es am Team, jener Person, welcher dieser Fehler unterlaufen ist, bei dessen Korrektur zu unterstützen.

In diesem Kontext hat sich eine Kabinenansprache eines Trainers in meine Erinnerung gebrannt. Vor einem Spiel schwor er uns mit den Worten ein: „Einer von euch wird heute einen schlechten Tag haben. Und das ist keine böse Absicht dieser Person. Es ist schlicht das Gesetz der Regelmäßigkeit. Es liegt an euch, dieser Person beizustehen und durch diese Phase zu helfen. Denn wenn ihr euch nicht als Team definiert, dann werdet ihr mehr verlieren als gewinnen!”

Wie jede:r Sportler:in war ich zunächst auf meine Karriere, meinen Erfolg bedacht. In diesem Moment verstand ich die Wichtigkeit des Teams. Noch wichtiger: Diese Regel gilt universell. In allen Branchen. Wir sehen uns oft mit Situationen konfrontiert, die auf den ersten Augenblick Alleingänge incentivieren.

Im Sales sind dies etwa Provisionen; im Fußball ist es die Hoffnung auf den nächsten dicken Vertrag. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich dann: Der individuelle Erfolg ist wenig wert, wenn das Team seine Ziele regelmäßig verfehlt. So wie ich damals lernen musste, dass der Querpass eventuell doch zielführender ist als das Solo-Dribbling, müssen auch viele Menschen im Berufsalltag lernen, dass erst die erfüllten Teamziele den Blick der Führungskräfte auf die persönlichen Leistungen ermöglichen.

Jeder Lebensbereich als Inspirationsquelle

Doch mir ist klar: Nur die wenigsten können Karriereweisheiten aus einer Profi-Sportler:innen-Karriere ziehen. Doch jede:r hat seinen persönlichen Fehlschuss im Old Trafford, seine eigene Kabinenpredigt des Trainers. Was für mich der verstolperte Ball im eins gegen eins mit dem Torwart oder der verlorene Zweikampf beim gegnerischen Angriff ist, sind für andere Erfahrungen aus der Ausbildung, eine Anekdote aus dem Alltag oder eine Erinnerung aus der Uni-Zeit.

Aus diesen Erfahrungen kann ein:e jede:r eigene Learnings über Arbeitsethos, den Umgang mit Erfolg und Misserfolg oder Teamplay ziehen. Ich will lediglich dafür lobbyieren: Sucht euch diese Momente, haltet sie fest und manifestiert sie als Learning für alles Anstehende.

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