Green & Sustainability „Beim Bauernprotest waren mehr Leute mit abgeschlossener Ausbildung, als Berlin jemals auf anderen Demonstrationen gesehen hat.“

„Beim Bauernprotest waren mehr Leute mit abgeschlossener Ausbildung, als Berlin jemals auf anderen Demonstrationen gesehen hat.“

Biolandwirt Ulrich von Behr lebt in der Heide bei Walsrode. Der Diplom-Agraringenieur sagt, Großstädter verstehen Bauern nicht. Die Politik unterstelle den Bauern fälschlich, sie seien rechtsradikal, und vom Bauernverband fühlt er sich nur mäßig gut vertreten.

Das Gespräch führte Oliver Stock


Herr von Behr, sind Sie bei den Protesten der Bauern dabei?

Leider nicht in Berlin, aber bei hiesigen Demonstrationen. Ich habe einen Viehbetrieb und muss täglich Tiere versorgen. Zudem hatten wir hier eine kritische Hochwasserlage. Die Aller war über die Ufer getreten und in der Nachbarschaft drohten Deiche zu brechen. Da musste ich vor Ort bleiben. Ich habe hier in der Region an Demonstrationen teilgenommen. Ich bin mit dem Betriebswagen mitgefahren, wir hatten Rundumbeleuchtung an und mit Warnblinkern die Autobahnbrücken besetzt. 

Aber Sie unterstützen die Proteste. Warum?

Da gibt es jede Menge Gründe. Es kommt eine Auflage nach der anderen. Eine solide Betriebsplanung ist nicht möglich. Zum Beispiel die Ausweisung der roten Gebiete.

Was ist das?

Es sollen zum Beispiel mit Nitrat belastete Gebiete sein. Solche roten Gebiete werden von der Behörde ausgewiesen und unterliegen rigiden Auflagen. Zum Beispiel darfst Du praktisch nicht mehr düngen. Wir wissen aber nie, wo und wann neue Gebiete ausgewiesen werden. Und wir wissen auch nicht warum. Ich bin Biobauer und dünge nur geringfügig mit Stickstoff. Ich frage mich, wieso bei mir wegen zuviel Stickstoff plötzlich solche Gebiete neu ausgewiesen werden können. Das ist jetzt dreimal in vier Jahren geschehen.  Wir bemängeln den Alleingang in Deutschland. Das Messverfahren basiert auf einer international nicht anerkannten Forschungsmethodik. Das Verursacherprinzip wird nicht ergründet und dadurch verletzt. Die Messungen stehen nicht im Zusammenhang mit der landwirtschaftlichen Arbeit. Wir düngen nach Bedarf der zu erntenden Früchte. 

Ich dachte es geht bei den Protesten nicht um rote Gebiete, sondern um Steuererhöhungen für Sprit?

Das ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es geht um viel mehr.

Worum denn noch?

Zum Beispiel um den Wolf. Wir bekommen einfach keine vernünftige Abschussregelung. Inzwischen hat Deutschland gemessen an seiner Fläche eine der größten Wolfspopulationen der Welt. Was sollen wir machen? Zäune bauen, sagen die Umweltbehörden und die NGO´s. Dabei springt ein Wolf locker zwei Meter aus dem Stand. Wir müssten ihn schnell und massiv bejagen. Das dürfen wir aber nicht. Da gibt es völlig verrückte Regeln: Wenn wir den Wolf zum Beispiel innerhalb von 1000 Meter von der Stelle entfernt antreffen, an der er ein Weidetier gerissen hat, dürfen wir einen Antrag auf Abschuss stellen. Das ist eine völlig praxisferne Aussage. Das können sich nur Menschen ausdenken, die von Flur und Wild keine Ahnung haben. Dabei laufen Wölfe bis zu 70 Kilometer am Tag. . .  Und es ist doch auch überhaupt nicht einzusehen, warum ein Wolf, der in einer Stadt gesichtet wird, mit Blick auf die Kinder, die er anfallen könnte, innerhalb von zwölf Stunden zum Abschuss freigegeben wurde, wir auf dem Land aber 6 Monate auf eine DNA-Analyse warten. Oder liegt es daran, dass in der Stadt 80 Prozent  der Wähler wohnen, die sich gern naturnah fühlen wollen? Das sind bedauerlicherweise die Fragen, die sich uns stellen.

Was nervt sie noch? 

Gucken Sie sich das Thema Stallbauten an. Da gibt es eine neue Verordnung, die aus Gründen des Tierwohls größere Boxen vorschreibt. Das ist okay. Nicht okay ist aber, dass schon jetzt klar ist, dass diese Regelung nur zehn Jahre Bestand haben wird. Mindestens für die Abschreibungsdauer muss sie doch Bestand haben. Sonst machen auch die Banken nicht mit. Dann kommt die nächste Verordnung, von der aber noch keiner weiß, wie sie genau aussieht. Eine Berufskollegin investiert jetzt 600 000 Euro in neue Ställe, die kann doch nicht in zehn Jahren wieder anfangen umzubauen. Wir Landwirte planen einen Stall für eine Generation und nicht für eine Legislaturperiode. 

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