Green & Sustainability „Beim Bauernprotest waren mehr Leute mit abgeschlossener Ausbildung, als Berlin jemals auf anderen Demonstrationen gesehen hat.“

„Beim Bauernprotest waren mehr Leute mit abgeschlossener Ausbildung, als Berlin jemals auf anderen Demonstrationen gesehen hat.“

Haben Großstädter kein Verständnis für die Anliegen der Bauern?

Schwierig. Die Lokalpolitiker vor Ort haben großes Verständnis für unsere Themen, und ich glaube ihnen das. Aber sie können sich in ihren eigenen Parteien nicht durchsetzen, weil vor allem Menschen, die in Großstädten leben, unsere Probleme nicht sehen. Da steckt ein Großstadt-Land-Problem dahinter. Uns fehlt die Akzeptanz in der urbanen Bevölkerung. Die schlürfen ihren Caffè-Latte am Prenzlauer Berg und glauben, wir sitzen noch auf den Bäumen. Ich sage denen: Bei den Demonstrationen der Bauern in Berlin waren mehr Leute mit abgeschlossener Ausbildung dabei, als Berlin jemals auf anderen Demonstrationen gesehen hat.

Gehört die Ansicht, dass Bauern gut verdienen auch zu den Legenden der Großstädter?

Ein durchschnittlicher Landwirt erzielt angeblich 115 000 Euro Gewinn im Jahr. Lassen wir das mal dahingestellt. Dann gehen 40 Prozent Steuern runter, dazu die Darlehenstilgungen, wir zahlen für Altenteiler, also die Altersversorgung unserer Eltern, und, und, und. Wir arbeiten dafür 60 bis 70 Stunden die Woche. Wir erledigen unserer Arbeit also deutlich unter Mindestlohn, dazu ist kein Städter bereit. Die Jahre vorher waren wesentlich schlechter, teils sehr schlecht. Diese Jahre müssen auch betrachtet und ausgeglichen werden.

Manche träumen vom Landleben . . . 

Ach ja? Und warum finden wir dann für die Saisonarbeit etwa beim Spargelstechen nur noch Arbeitskräfte aus Rumänen, Moldawien und Bulgarien? Aus Polen kommen schon keine mehr. Und Tiere müssen 365 Tag im Jahr versorgt werden, von wegen Feiertage, Wochenenden und Mindesturlaubsanspruch. Das muss ein „idyllischer“ kleiner Familienbetrieb erst einmal abfangen.

Jetzt ist doch die Steuerentlastung für Betriebsdiesel teilweise zurückgenommen worden. Glückwunsch zu diesem Erfolg . . .

. . . die Kürzung gehört ganz gestrichen. Wir fahren mit unseren Traktoren zu 90 Prozent auf dem Acker. Landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge werden auf dem Acker und dem eigenen Hof eingesetzt. Es gibt für uns keine Alternative: E-Mobilität steht noch absolut in weiter Ferne. Im europäischen Ausland wird den Landwirten teilweise das doppelte an Entlastung zugesprochen. Unsere Auflagen für Qualität, Umwelt und Nachhaltigkeit sind in Deutschland immens hoch und wir müssen auf den Märkten weltweit preislich mithalten.

Sie fühlen sich in die Enge gedrängt?

Ich habe im vergangenen Jahr bei mir auf dem Hof sechs Betriebsprüfungen erlebt. Da kommt das Landesamt für Lebensmittelsicherheit, dann wird geprüft, ob ich mich noch Biobauer nennen darf, dann wird die Weidehaltung der Kühe kontrolliert, die Anwendung Düngemittelverordnung überprüft, die Blühwiesenverordnung kontrolliert. Am Schluss kamen Kontrolleure, die den vorherigen Kontrolleur kontrollierten. Kontrollen sind gut und wichtig, aber irgendwann reicht es. Es wäre schön, wenn auch die Behörden eine digitalere, zeitgemäße Arbeitsgrundlage bekämen.

Was halten Sie von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir? Fühlen Sie sich von ihm gut vertreten?

In der Auseinandersetzung werden wir immer wieder grundlos mit rechten Tendenzen in Verbindung gebracht. Das führt nicht zu einer Problemlösung. Özdemir hat ein Problem, das viele haben. Er denkt bei Landwirten gleich an Rechtsradikale. Ich meine, wir müssen aufpassen, wie wir miteinander umgehen. Die Grünen diskreditieren die Landwirte schnell mal. Er lässt sich von NGO`s beraten, die fachlich nun mal alles andere als kompetent in Sachen Landwirtschaft und ländliche Belange sind.

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