Life & Style Die Luxus-Lüge: Rette den Kaviar, wer kann!

Die Luxus-Lüge: Rette den Kaviar, wer kann!

Oje, KaDeWe! Händler reißen im weltberühmten Berliner Luxus-Kaufhaus jetzt aus den Regalen, was sie kriegen können. Kaviar, Parfum und Make-up von Chanel bis Dior und sogar Sockenregale werden abgesperrt, bevor sie der Insolvenzverwalter verramscht. Nach der Milliarden-Pleite von René Benko geht in seinem Kaufhaus des Westens der Punk ab…

Das berühmteste Gericht Österreichs ist der Kaiserschmarrn. Der berühmteste Gerichtsprozess wird sich bald um den Schmarrn drehen, den Österreichs abgedankter Immobilien-Kaiser René Benko von sich gibt. Die Schulden türmen sich höher als seine Gebäude, den 245 Meter hohen Elbtower in Hamburg inklusive. Seine Signa-Holding ist mit einem 5 Milliarden Euro Loch in die Insolvenz gekippt. Wieviel Geld und vor allem Steuergeld wirklich vernichtet wird? 10 Milliarden Euro, heißt es. Oder doch 18 Milliarden Euro? Eine toxische Mischung aus Gier, Größenwahn und politischen Gönnerschaften.

Was bisher nur in den Business News stand, ist jetzt zu erleben. Mitten in Berlin. Die Hauptstadt feiert die Berlinale, eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt. Sharon Stone, Helen Mirren, Cillian Murphy und Matt Damon – alles sind gekommen. Als bester Nebendarsteller dabei: der Pleitegeier. Er kennt sich aus in der Stadt. „Arm, aber sexy“. So wirbt Berlin für sich. Jetzt wirkt es  gerade weniger sexy.

Im KaDeWe ist mehr Spannung als in jedem Kino. Das Kaufhaus des Westens, eine Ikone, gegründet 1907. Zwei Weltkriege überlebt. Jetzt wird es von Spekulanten zerschossen. Seit Sommer sind Rechnungen nicht mehr bezahlt worden, klagen Kosmetikverband, Händler, Lieferanten und Restaurantbetreiber. Auf Mahnungen hiess es, das Geld komme, es sei praktisch schon unterwegs. Die beliebteste Lügensatz in der Geschäftswelt wie alle wissen, die schon mal mit einer Insolvenz zu tun hatten. 

Eine Luxus-Lüge bis zum letzten Tag. Im November prahlte KaDeWe-Geschäftsführer Dr. Michael Peterseim im Interview noch von einem Rekordumsatz von 800 Millionen Euro. Die  Luxushaus-Kette, zu der neben dem KaDeWe in Berlin auch das Alstershaus Hamburg und Oberpollinger in München gehören, sei trotz der Pleite der Muttergesellschaft gesund. Im Spotlight der Insolvenzverwalter zeigt sich: Das KaDeWe hat 2022 einen Verlust von ca. 92 Millionen Euro gemacht. 

Unfassbar: Seit 2016 hat die KaDeWe Group keinen Geschäftsabschluss mehr ausgewiesen. Die Strafzahlungen dafür: einfach in Kauf genommen. 

Wie reagieren Bund und Stadt Berlin darauf? Sie geben trotz fehlender Bilanzen die Bürgschaft für einen neuen 90 Millionen Euro Kredit.

Mittlerweile sollen sich Verbindlichkeiten aus Miet- und Leasingzahlungen von über 3,4 Milliarden Euro angehäuft haben.

Ein Drehbuch – so schlecht, dass es bei der Berlinale niemals hätte vorgeführt werden dürfen. Schauspieler können sich vor dem Red Carpet Auftritt keine Outfits mehr zur Anprobe kommen lassen, weil die Ware im KaDeWe nicht mehr umgetauscht und erstattet werden kann. 

Wer im 6. Stock des KaDeWe, von Insidern liebevoll „Die Sechste“ genannt, Paradies für Foodies aus der ganzen Welt, eine Delikatesse probieren möchte, kann das nur noch mit Barzahlung. Kreditkartenbuchungen verschwinden in der Insolvenzmasse. Einige Händler bringen ganz ungeniert eigene Kartenlesegeräte mit.  Sie klagen über Außenstände von 300.000 Euro und mehr und müssen trotzdem Lohn und Gehälter zahlen. Statt Champagnerlaune an der Bar viel Frust in den Gesichtern. Mitarbeiter, die sich mehr nach neuen Jobs als nach neuen Gästen umsehen.

Neue Saisonware wird nicht mehr angeliefert. Auf den Fashion-Etagen ist fast alles 60 % reduziert. Rote Schilder auf Balenciaga, Moncler oder Brunello Cucinelli, dessen Stil es nie war, mit seiner italienischen Schneiderkunst in den Sale zu gehen. Jetzt wird er mit in den Total-Ausverkauf gerissen. Seine eigene Boutique ein paar Straßen weiter wird sich für das Preisgefälle bedanken.

Die Luxuswelt im Benko-Beben. Schnäppchenjäger hetzen aufgeregt durch die Gänge, wo vorher echte Fashion-Lover waren. Vor dem KaDeWe eine Zufallsbegegnung. Business Punk trifft den Inhaber einer internationalen Modemarke. Seine Storefläche hat er gerade mit schwarzen Stoffbanderolen provisorisch abgesperrt. Jetzt geht er zu einer der glamourösen Filmpremieren der Berlinale. Er rechnet vor, dass ihm hier mal eben 20 Millionen Euro Umsatz wegbrechen: „Und wo sollen wir denn noch hin mit unserer Ware, wenn KaDeWe, Oberpollinger, Alsterhaus, Galeria Kaufhof und Karstadt insolvent sind?“ 

Das Business Punk Learning: Die Schockwellen der Milliarden-Pleite gehen weit über das Reich des René Benko hinaus. 

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