Personal Finance Deutschland ist nur noch bei Schwarzwälder Kirschtorte Exportsieger 

Deutschland ist nur noch bei Schwarzwälder Kirschtorte Exportsieger 

Ausländische Beobachter haben die deutsche Wirtschaft bis auf weiteres abgeschrieben. Sie wundern sich über die Bequemlichkeit und den mangelnden Arbeitseinsatz des Volkes, dass sie ursprünglich als besonders fleißig eingeschätzt hatten. 

Der „kranke Mann Europas”, das ist vor einem Vierteljahrhundert mal ein Etikett gewesen, das die Bundesrepublik in einer grundsätzlichen Analyse der britischen Wirtschaftszeitschrift „Economist” verliehen bekam. Damals kam dann Gerhard Schröder als Kanzler ins Amt und setze seine im Ausland bewunderten „Agenda 2010” um. Das ist Geschichte.

Heute betrachtet nicht nur die britische Medienwelt die Epoche der Regierungen Merkel und der heutigen Koalition als verlorene Jahre. Das Wort vom kranken Mann ist wieder da, bei den europäischen Partnerländern ebenso wie in den USA und – China.

Was die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit angeht und die Fähigkeit der Regierungskoalition, schnell und durchgreifend zu handeln, herrscht allerorten Pessimismus. Laut „Economist” hat die Politik gar noch überhaupt nicht verstanden, wie wichtig eine tatsächlich messbare Kursänderung wäre: „Nur wenige in der aktuellen Regierung sind sich der Größe der Aufgabe bewusst.” Was wie eine – eigentlich gern den Deutschen zugeschriebene – Oberlehrer-Attitüde klingt, ist durch Zahlen und Daten allerdings gut unterfüttert. So hat gerade die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ebenso wie kurz zuvor der Internationale Währungsfonds (IWF) den Deutschen ein vernichtendes Zeugnis für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr ausgestellt. Letzter Platz unter allen G7-Ländern mit prognostizierten 0,2 Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts. Großbritannien ist Vorletzter mit statistisch aber immerhin doppelt so hohem Wert: 0,4 Prozent. Dabei bewegt man sich in diesen Nachkommabereichen schon im Feld statistischer Unschärfen – genauso gut könnte es auf eine Null oder gar ein Schrumpfen hinauslaufen. 

Weit davongeeilt sind die Vereinigten Staaten: Ihre Wirtschaft wird 2024 wohl um 2,6 Prozent wachsen, so die OECD-Forscher. Für das nächste Jahr prognostiziert die in Paris ansässige Organisation einen schwachen Trost – da könnte Deutschland sich knapp vor die Briten schieben mit einem Wachstum von 1,1 Prozent gegenüber 1,0 des Vereinigten Königreichs. So es denn wahr wird, tauschen zwei Verlierer die Plätze am Tabellenende. Grund genug für die Londoner „Times” das eigene Land einmal in den Senkel zu stellen.

Eine vernichtende Bestandsaufnahme hat das britische Blatt allerdings auch für die Deutschen, vor allem mit Blick auf deren Leistungsfähigkeit und -bereitschaft. Was in Berlin inzwischen auch Thema ist, lässt die Briten kopfschüttelnd ratlos darüber sinnieren, wo denn das seit Jahrzehnten als typisch deutsche Eigenart bewunderte Arbeitsethos geblieben sein mag. Angesichts der in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden von 1341 im Jahr 2022 und dem damit weit unter dem EU-Durchschnitt (1571 Stunden) liegenden Leistungseinsatz und gleichzeitig mehr Urlaubstagen und einer steigenden Zahl von Krankheitstagen fragt man sich auch in den USA, wie damit denn eine Erholung zu schaffen sein soll. Die New Yorker Wirtschaftsagentur Bloomberg sieht in Deutschland eine fatale Diskussion um die Schuldenbremse: Für die amerikanischen Ökonomen ist die Staatsverschuldung ein zu vernachlässigendes Problem verglichen mit Wachstumsschwäche und nachlassender Produktivität. Keine Frage dort, dass man zum Ankurbeln der Wirtschaft höhere Schulden machen kann und darf, die Hürden der deutschen Verfassung sind hier natürlich nicht das Thema. Ähnliche Standpunkte vertritt die britische Financial Times: Austerität, also das Sich-Einschränken und sparsame Wirtschaften, habe noch nie gewirkt und nütze auch heute nichts; diese Sicht der Dinge entspricht ziemlich genau dem Konzept des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der das Rezept für Wachstum in staatlichem Engagement auf Pump sah (allerdings auch forderte, in wirtschaftlich guten Zeiten die Staatsausgaben wieder zu senken und Schulden abzubauen).

Diese Sichtweise teilen auf deutscher Seite die Gewerkschaften. In einem Zeitschrifteninterview fordert die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi, ehemals SPD-Generalsekretärin, höhere Steuern in Form von Vermögens- und Erbschaftsteuer, um die staatliche Finanzierung von Investitionen zu verstärken und soziale Belange zu stützen. Gleichzeitig soll auch die Schuldenbremse gelöst werden. Dass die Abwanderung von Industrien mittlerweile ein ernstes Problem ist, sieht der DGB hingegen auch und beklagt die hohen Energiekosten. Fahimi allerdings will niemanden explizit die Verantwortung dafür zuweisen. Im Ausland ist man da deutlicher.

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