Business & Beyond Olympia-Eröffnung 2026: Ein Requiem auf Eis und Beton in Mailand und Cortina

Olympia-Eröffnung 2026: Ein Requiem auf Eis und Beton in Mailand und Cortina

Es ist diese ganz spezielle, bittersüße Meisterschaft, die wir Italiener zur Perfektion getrieben haben: Das Unmögliche mit einer solchen Nonchalance zu inszenieren, dass man fast vergessen könnte, wie tief der Abgrund eigentlich ist, über dem wir hier in unseren maßgeschneiderten Armani-Anzügen balancieren. Gestern Abend, als Andrea Bocelli in der kühlen Mailänder Nacht sein „Nessun Dorma“ in den dunklen Himmel über dem San-Siro-Stadion schmetterte, fragte ich mich unwillkürlich, ob er eigentlich wusste, dass der Name der Arie – „Keiner schlafe“ – für uns Mailänder weniger eine künstlerische Aufforderung als vielmehr eine existenzielle Drohung ist. Wer kann schon schlafen, wenn das Land gerade Milliarden in eine Party investiert, deren Kater uns wahrscheinlich noch bis zu den übernächsten Sommerspielen begleiten wird?

Die Kunst der Fassade: Grandezza auf Pump

Man muss es uns lassen: Keiner baut eine Kulisse so schön wie wir. Die Eröffnung der XXV. Olympischen Winterspiele war ein Triumph des Stils über die Substanz. Während die offizielle Rhetorik von „Armonia“ faselte, war die Zeremonie im Grunde ein glanzvoller, sündhaft teurer Deckel, den man hastig auf einen Topf voller logistischer Pannen, explodierter Baukosten und regionaler Eitelkeiten drückte. Wir haben die Welt geblendet, damit sie nicht sieht, dass wir die Autobahnen nach Cortina erst heute Morgen mit der letzten Schicht Asphalt überzogen haben – und das auch nur dort, wo die Kameras standen.

Dass Mariah Carey eine italienische Version von „Volare“ hauchte, war der Gipfel des Pop-Kitsch-Machiavellismus. Es sollte uns suggerieren, dass wir abheben, dass wir fliegen, während wir in Wahrheit knietief im Morast der Bürokratie stecken. Als Italienerin blutet mir das Herz: Wir feiern unsere „Eccellenza“, während die Krankenhäuser im Hinterland der Lombardei Personalmangel haben und die Züge von Trenord so unpünktlich sind, dass „Warten auf Godot“ in Mailand als Dokumentation durchgehen würde.

Das Mahnmal aus Beton: Die Bobbahn des Wahnsinns

Reden wir über Cortina. Die „Königin der Alpen“ trägt seit heute eine Krone aus Stahlbeton, die ihr Gesicht für immer entstellt hat. Es ist eine fast schon poetische Ironie, dass wir in einem Land, das für seine antiken Ruinen weltberühmt ist, nun mutwillig neue Ruinen für die Zukunft erschaffen. 120 Millionen Euro für das „Sliding Centre“! 120 Millionen für eine Sportart, die in Italien etwa so viele aktive Anhänger hat wie das Eisfischen in der Sahara.

Das IOC hat uns angefleht, die Bahn in Innsbruck zu nutzen. Aber nein, der italienische Stolz – oder sagen wir eher: die Gier lokaler Baufirmen und die Eitelkeit regionaler Politiker – forderte ein eigenes Monument. Dafür haben wir den Ronco-Wald geopfert. 500 jahrhundertealte Lärchen wurden mit einer chirurgischen Kälte dezimiert, die selbst Machiavelli beeindruckt hätte. Wir nennen das heute „Infrastruktur-Legacy“, was im Grunde nur ein eleganter Euphemismus dafür ist, dass man Natur gegen eine Unterhaltslast eintauscht, die unsere Kinder noch bezahlen werden. Jedes Mal, wenn ein Bob da runterrast, hört man im Hintergrund das Echo fallender Bäume. Aber hey, das Fernsehen sagt, die Bilder seien „atemberaubend“.

Ein Dorf für die Elite, ein Albtraum für die Mieter

In Mailand feiert man das olympische Dorf in Porta Romana als „urbane Wiedergeburt“. Als Mailänderin sage ich euch: Es ist eine Gentrifizierung auf Steroiden. Seit der Vergabe der Spiele sind die Mieten hier um über 50 % gestiegen. Die Stadt wird zu einem exklusiven Club für Prada-Träger und internationale Immobilienhaie, während die Menschen, die diese Stadt am Laufen halten, in die tristen Vororte der Po-Ebene verdrängt werden.

Das Dorf soll nach den Spielen ein Studentenwohnheim werden. Wer’s glaubt, wird selig. Wahrscheinlich kosten die Zimmer dann so viel, dass man als Student entweder im Lotto gewinnen oder eine Niere verkaufen muss, um dort zu residieren. Wir bauen eine Stadt der fünf Ringe, in der das Volk nur noch draußen vor dem Zaun stehen und den Glanz der Luxuskarossen bewundern darf, die die Funktionäre von Termin zu Termin chauffieren.

Souveränität? Ein schlechter Witz in San Siro

Und dann war da dieser Moment. Dieser eine ehrliche, ungeschminkte Moment, den die Regie so gerne aus der Weltgeschichte getilgt hätte. Als das Gesicht von JD Vance auf den Leinwänden erschien, brach ein Pfeifkonzert los, das die Fundamente des San Siro erzittern ließ. Es war nicht nur der Protest gegen die US-Politik; es war die aufgestaute Wut über eine Sicherheitsarchitektur, die unsere Stadt in eine Festung verwandelt hat.

Dass Agenten der ICE – einer US-Behörde, die nicht gerade für ihre zimperliche Art bekannt ist – in unseren Straßen patrouillieren, ist eine Demütigung für jeden, dem das Wort Souveränität noch etwas bedeutet. Bürgermeister Sala hatte recht, als er sie als „Miliz“ bezeichnete. Die Regierung Meloni hat uns ein Sicherheits-Dekret beschert, das es der Polizei erlaubt, jeden, der auch nur schief guckt oder ein Banner gegen die Umweltzerstörung hält, für 12 Stunden wegzusperren. „Präventivhaft“ nennt sich das. Ein schöner Begriff für ein demokratisches Land, nicht wahr? Wir feiern die Freiheit des Sports in einer Stadt, die für zwei Wochen unter dem digitalen und physischen Mikroskop der Geheimdienste steht.

Das logistische Chaos: Willkommen in der Realität

Wer heute versuchte, mit dem Zug nach Mailand zu kommen, erlebte das wahre Italien. Während die Vips mit Hubschraubern oder abgedunkelten Limousinen durch die Stadt gleiten, kämpft der Rest von uns mit dem Streik der Trenord-Mitarbeiter. 23 Stunden Stillstand! Die Gewerkschaften haben den perfekten Zeitpunkt gewählt, um uns daran zu erinnern, dass die Milliardeninvestitionen in die olympische Show keinen einzigen Cent für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen derer übrig haben, die uns täglich zur Arbeit bringen.

In Cortina haben sie die Schulen geschlossen, damit die Busse für die Athleten frei sind. Prioritäten muss man haben! Bildung kann warten, aber die Bobfahrer müssen pünktlich an ihrem 120-Millionen-Euro-Spielzeug ankommen. Das ist die Arroganz der Distanz: Wir haben die Spiele über 22.000 Quadratkilometer verteilt und wundern uns jetzt, dass das marode Schienennetz der Lombardei und des Veneto unter der Last zusammenbricht wie ein schlecht gebackener Panettone.

Ein Erbe aus Stolz und Schulden

Was bleibt uns also, wenn das Feuer in ein paar Wochen erlischt? Wir werden Medaillen zählen, wir werden uns gegenseitig auf die Schultern klopfen und sagen: „Wir haben es geschafft!“ Und ja, wir haben es geschafft. Wir haben ein globales Event unter Bedingungen organisiert, die jedes andere Land in den Wahnsinn getrieben hätten. Aber wir haben dafür unsere Seele ein Stück weit verkauft.

Milano Cortina 2026 ist die Geschichte eines Landes, das seinen Stolz in den Schnee von gestern gerettet hat, während die Realität des 21. Jahrhunderts – Klimawandel, soziale Ungleichheit, ökonomische Instabilität – draußen vor dem Stadiontor ungeduldig an die Tür klopft. Wir haben eine Flasche sündhaft teuren Barolo geleert, nur um festzustellen, dass wir uns den Kater am nächsten Morgen eigentlich gar nicht leisten können.

Aber so sind wir Italiener: Wir fallen mit Stil. Und solange der Tenor noch singt und die Lichter funkeln, tun wir einfach so, als wäre alles in schönster „Armonia“. Gott helfe uns, wenn die Musik aufhört zu spielen.

Obwohl die Risse im Fundament dieses Milliarden-Spektakels kaum zu übersehen sind und wir uns noch lange über die Narben in unseren Alpen unterhalten werden, gehört die Bühne ab jetzt jenen, die jahrelang im Schatten für diesen einen Moment trainiert haben.

Lassen wir den Zynismus für einen Augenblick in der Garderobe und blicken wir auf das Eis und die Pisten. Denn trotz der Hybris der Funktionäre bleibt der olympische Geist in den Lungen derer lebendig, die alles geben werden.

Wir wünschen allen Athletinnen und Athleten faire, verletzungsfreie und vor allem erfolgreiche Spiele. Mögen eure Leistungen das Einzige sein, was am Ende wirklich in Erinnerung bleibt – jenseits von Beton und Bilanzen.

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