Deluxe & Destinations Hardy Krügers Afrika lebt weiter: Wie ein deutsches Paar den „Hatari“-Mythos neu erfindet

Hardy Krügers Afrika lebt weiter: Wie ein deutsches Paar den „Hatari“-Mythos neu erfindet

Hollywood, Kolonialgeschichte und Klimaprojekte: Am Fuß des Kilimandscharo kämpfen Jörg und Marlies Gabriel um die Zukunft einer legendären Safari-Lodge. Zwischen Filmnostalgie, nachhaltigem Tourismus und CO₂-Zertifikaten entsteht ein neues Kapitel – weit weg vom alten Ruhm, aber näher an der Realität Afrikas.

Beinahe, Jörg Gabriel wird da sehr deutlich, hätte er den ganzen Plunder irgendwo tief in der Lagerhütte hinten an der Büffelwiese verstaut. Das mannshohe Filmplakat etwa: ein Nashorn unter dem Schriftzug „Hatari“ galoppiert in der Plakatmitte. Regie: Howard Hawks, in den Hauptrollen: John Wayne und Hardy Krüger. Oscar nominiert. Gedreht 1961. „Hatari!“ – das Wort bedeutet auf Suaheli Gefahr. Oder die alte DVD, die noch auf dem Player liegt und die er einst jeden Abend abgenudelt hatte. Oder er hätte den Schriftzug frisch übermalt: „John-Wayne-Bar“. Aber alles ist noch an seinem Platz – der Schriftzug, die DVD, das Plakat. Gabriel, ein Mann mit scharf geschnitten Gesichtszügen und im Khaki-Anzug eines afrikanischen Lodge-Besitzers, hat sich nicht getrennt. Noch nicht.

Jörg Gabriel: Spross eines deutschen Diplomaten, Reisebuchautor, Filmemacher und wenn es darauf ankommt auch Auto-Mechaniker. Seine Frau Marlies ist Namibierin mit blondem Haar und blauen Augen, deren Urgroßeltern Kaiser Wilhelms II. Kolonialträumen gefolgt waren. Die beiden sind die letzten Verwalter eines Mythos. Kolonialismus ist für sie kein Schimpfwort, sondern die Lebensform ihrer Ahnen, mit der sie längst gebrochen haben. Die beiden sind die Geburtshelfer von etwas Neuem, etwas, das nicht von fragwürdiger Herrlichkeit oder geliehenem Ruhm lebt, sondern von der Unternehmerkraft und dem Gottvertrauen, das Menschen besitzen müssen, um in einem Land, das ständig wieder fast von vorn anfängt, etwas Bleibendes zu schaffen. Dies ist ihre Geschichte. Zumindest ein Ausschnitt davon.

Sie spielt in Ostafrika gegenüber vom Kilimandscharo am Fuß des Mount Meru, hinter dem jetzt die Sonne mit solcher Inbrunst versinkt, dass sich der Schauspieler Hardy Krüger bei seinen einjährigen Dreharbeiten zum Abenteuerklassiker „Hatari“ in dieses Momella genannte Gebiet verliebte und hier niederließ.

Jörg sitzt auf der Terrasse des Farmhauses und löffelt eine Suppe aus Avocado und Zucchini. Es hat geregnet am Nachmittag und ein würziger Duft strömt aus dem Urwald, der die Hänge des Viereinhalbtausenders bedeckt. „Hier war das Basislager für die Crew.“ Er deutet mit dem Arm über die grüne Steppe hinweg, auf der Giraffen und Büffel, Affen und Antilopen die Hauptdarsteller eines friedlichen Panoramas sind. Ein Steg führt von der Lodge bis fast ans Wasserloch. Tiere saufen dort, einen Steinwurf entfernt von der Stelle, wo die Touristen ihren Sundowner schlürfen. „Dort hinten“, sagt Jörg und deutet über die Steppe hinweg „lag die alte Lodge, in der gedreht wurde.“ Der große John Wayne mit einem großen Whiskey am Kamin. „Sie haben wohl etwas getrunken?“ wird er in einer Szene gefragt. „Nein Ma’am, ich habe schwer gesoffen.“ Mit dabei: der junge Hardy Krüger, mal mit Halstuch, mal ohne. Der Großteil der Aufnahmen für den Hollywood-Bestseller über die raubeinigen Tierfänger wurde hier im heutigen Arusha-Nationalpark im Norden Tansanias gedreht.

Gegen den Strom

Paramount Pictures hatte das alte Farmhaus damals erworben und ausgedehnte Wildgehege errichten lassen. Momella diente als Wohnort für die Crew und als Filmkulisse. Legendär ist die Einstiegsszene des Films, als Krüger und Wayne in vollem Tempo durch den Ngorongoro-Krater rasen, um mit dem Lasso ein Nashorn zu fangen – am Ende geben sie auf, das Tier entkommt. Doch die Vorbilder der Jäger im Film müssen erfolgreicher gewesen sein:  Nashörner leben hier heute nicht mehr.

Die Geschichte von Momella beginnt schon viel früher: 1906 gelangte die Deutsche Margarete Trappe auf Ochsenkarren nach Tansania. Das Land gehörte damals zu Deutsch-Ostafrika, und die Landvergabe funktionierte weitgehend nach dem Selbstbedienungsprinzip. „Die Kolonialisten waren immer näher an den Quellen als die einheimische Bevölkerung“, lautet Jörgs Beschreibung. Zwischen den Gipfeln des Kilimandscharo und des Mount Meru fand Magarete Trappe eine neue Heimat und errichteten ihre Farm, auf der sie Rinder und Ziegen züchteten. Als todsichere Jägerin und „Mutter der Masai“ wurde sie später berühmt. „Eine Frau, die gegen den Strom schwamm – wie wir“, sagt Marlies. Sie mag Frauen-Mythen.

Kaum waren die Drehs damals im Kasten, kaufte Krüger das Anwesen und erfüllte sich den Traum eines Deutschen: „Jenseits von Afrika“, „Schnee auf dem Kilimandscharo“, „Ich träumte von Afrika“. Er eröffnete sein Buschhotel „Momella Lodge“. Die Investition erwies sich anfangs als Erfolg. Mit dem Bau des Kilimandscharo-Flughafens gelangten Reisende nach Ostafrika. Der moderne Safari-Tourismus mit Kamera und Fernglas anstelle von Kimme, Korn und Flinte begann. Momella wuchs. Krüger errichtete mit staatlichem Segen eine Fleischfabrik um die Ecke. Es entstand ein Dorf drumherum. Wer sich heute mit den Einwohnern unterhält, bekommt gesagt, dass dies Dach da von Krüger persönlich repariert und jener Brunnen hier von ihm selbst angelegt worden sei. Doch später zwang der voranschreitende Sozialismus im Land Krüger, seine Farm aufzugeben. Für den Weltenbummler war das Kapitel beendet.

Wondergarden versorgen die Lodge

Die Lodge kam auf den Hund. Mal Swingerclub, mal Jugend-Hotel, Besitzverhältnisse unklar. Bis Jörg und Marlies im Jahr 2004 das nächste Kapitel in Momella aufschlugen. Die ehemaligen Wohnhäuser Krügers nannten sie „Hatari“. Marlies versteht viel von Marketing. Auch die „Wondergarden“ sind ihre Erfindung. Dreimal am Tag wird für die Gäste das Dinner serviert. Am Feuer des Kamins gibt es hausgemachte Chutneys, viel Vegetarisches, manchmal Lamm. Alle Zutaten sind von hier. „Früher kamen nachts die Lastwagen und versorgten die Lodge mit den Annehmlichkeiten, die Touristen nicht missen möchten“, sagt Jörg. Heute holt er es mit dem eigenen Mercedes-Geländewagen, den er gnadenlos über die Lavabrocken des Meru Vulkans treibt, von den kleinen Bauern- und Gartenbetreiben am Rande des Nationalparks.

„Wondergarden“ sind diese kleinen Farmen getauft, die Hatari beliefern und den Menschen und vor allem den Frauen hier eine Perspektive geben. Wenn Jörg von dem Projekt erzählt, wird seine Stimme noch lebhafter. Der Schutz der gigantischen Natur mit ihren Flamingoschwärmen an den Momella-Seen, den Elefanten entlang der Grenze zum benachbarten Kenia, wo Marlies und Jörg ein Camp als Außenposten von Hatari aufgeschlagen haben mit luxuriösen Zelten, die Hemingway-Romantik mit tausendundeiner Nacht unter einer Plane vereinen – all das liegt den Lodge-Besitzern inzwischen näher als Hardys Erbe. Kann also der Mythos endgültig in die Mottenkiste?

Einmal hat Jörg, der gegenwärtige Herr von Momella, Hardy Krüger in einer Hotelbar in Deutschland getroffen, Krüger musste an dem Abend zu einer Lesung und Jörg stellte sich als derjenige vor, der am nächsten Kapitel von Hatari schreibt. Doch den Mythos neu zu beleben, gelang ihnen nicht. Nach dem Tod des Schauspielers 2022 gab es noch Kontakt zum Junior. Er ist auch jemand, der sich Schauspieler nennt. Der 57jährige landete zuletzt mit RTL im Dschungelcamp, um anschließend darüber zu lamentieren, wie schrecklich das Trash-Format doch sei. Als Botschafter für Hatari? Marlies und Jörg schweigen.

Wüstenblume mit Schlapphut

Dann schon lieber Waris Dirie, ehemaliges Bond-Girl, geboren in Somalia, Straßenkind, Zimmermädchen und irgendwann, irgendwie „entdeckt“. Heute mit österreichischem Pass. Mit ihrer „Dessert Flower Foundation“ und einem umtriebigen Managementteam kämpft sie weltweit gegen die Beschneidung von Frauen. Heute sitzt sie als Gast auf der Terrasse von Hatari. Schlapphut im Gesicht, Sonnenbrille. Sie leidet lautstark, weil sie barfuß in eine Dorne getreten ist. Exzentrisch wäre untertrieben, aber Marlies fällt niemals aus der Rolle der perfekten Gastgeberin. Hatari braucht Öffentlichkeit, und während Hardy und John nichts mehr tun können, ist Waris Dirie mit oder ohne Dorne im Fuß quicklebendig.

Einen Tisch weiter auf der Terrasse, die jetzt im Schatten liegt und angenehm abkühlt, sitzt Paul. Der junge, leutselige Österreicher ist nicht irgendein Gast. Er ersinnt Klimaprojekte. Solche, die zum Beispiel hier am Mount Meru CO2-Emissionen binden. Solche Vorhaben kann Paul so entwickeln, dass sich daraus CO2-Zertifikate machen lassen, auf die Unternehmen in Europa von Shell bis zur Lufthansa ganz wild sind. Sie erlauben ihnen, selbst mehr CO2 in die Luft zu blasen. Die EU forciert den Handel mit den Zertifikaten, und mancher Naturpark-Betreiber in Afrika sieht, wie sich für ihn gerade eine sprudelnde Einnahmequelle öffnet. Auch Paul ist also jemand, der mithelfen könnte, am neuen Hatari zu bauen.

Wenn sie über ihre Version vom nächsten Kapitel auf Hatari redet, fügt Marlies Puzzleteilchen für Puzzleteilchen zusammen: den Filmmythos, der in den Archiven Hollywoods Staub angesetzt hat. Die Geschichte der Margarete Trappe und der deutschen Besetzung in Ostafrika, starke Frauen eben. Den Kampf, den sie und ihr Mann hier für das Auskommen der Menschen in der Region führen. Das Dauerdilemma zwischen schonendem Tourismus und genügend Gästen, die das Fortbestehen der Lodge und des Arusha-Nationalparks mit ihren Eintrittsgeldern sichern. Sie erzählt noch, als die afrikanische Nacht längst alles ins Dunkle getaucht hat und nur das Kauen der Warzenschweine unten an der Terrasse zu hören ist. „Glücklich, wer hier leben kann. Leben. Im ursprünglichen Sinne des Wortes”, hat Hardy Krüger über den Flecken Land notiert. „Es massiert alle Sinne“, sagt Marlies, bevor sie sich um ihre illustren Gäste kümmert.

Die Fotos zu diesem Artikel finden sie hier.

(Die Hatari-Lodge ist direkt erreichbar unter: https://hatari.travel/. Spezialisten für Touren dorthin sind beispielsweise afripolar.de und chamaeleon-reisen.de. Flüge bietet KLM zum Kilimandscharo-Airport nach Tansania an.)

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