Business & Beyond 100-Dollar-Öl: Der größte Ölschock der Geschichte

100-Dollar-Öl: Der größte Ölschock der Geschichte

Der Ölmarkt erlebt einen historischen Stresstest. In der Nacht schossen die Preise zeitweise bis nahe 120 Dollar pro Barrel. Am Morgen folgte jedoch eine Gegenbewegung Richtung 90 Dollar, nachdem erste politische Gegenmaßnahmen diskutiert wurden. Doch die zentrale Schwachstelle bleibt: die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fließt.

Der Preis springt zurück in die Dreistelligkeit

Der Ölpreis hat erneut die psychologisch wichtige Marke von 100 Dollar angegriffen. Am Montag kletterten die Notierungen zeitweise über diese Schwelle – das erste Mal seit fast vier Jahren. Am Ende des Handelstags lag US-Rohöl bei 94,77 Dollar pro Barrel, ein Anstieg von 4,3 Prozent. Der internationale Referenzpreis Brent stieg sogar um 6,8 Prozent auf 98,96 Dollar. Zwischenzeitlich sah es noch dramatischer aus. In der Nacht schnellten die Preise beinahe bis auf 120 Dollar nach oben. Erst als Berichte über mögliche Maßnahmen westlicher Staaten gegen steigende Energiepreise auftauchten, beruhigten sich die Märkte etwas. Die letzte Phase mit Preisen über 100 Dollar begann im März 2022 nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine und hielt bis zum Sommer desselben Jahres an.

Der Nadelöhr-Schock im Persischen Golf

Der entscheidende Auslöser liegt nicht in den Börsenhallen, sondern auf einer schmalen Wasserstraße zwischen Iran und Oman. Die Straße von Hormus gilt als wichtigste Ölroute der Welt, weil etwa 20 Prozent des globalen Ölhandels dort auf Tankern transportiert werden. Genau dort ist der Verkehr jetzt massiv gestört. Iran hat angekündigt, Tanker im Transit anzugreifen, woraufhin Reedereien ihre Fahrten reduzieren und Versicherungen ihre Deckung zurückziehen. Dadurch sind zahlreiche Öltransporte in der Region praktisch zum Stillstand gekommen. Die Größenordnung ist historisch. Nach Schätzungen von Rapidan Energy Group entspricht die unterbrochene Liefermenge etwa einem Fünftel der globalen Versorgung – ungefähr doppelt so viel wie während der Suezkrise der Jahre 1956 und 1957.

Ein Markt ohne Sicherheitsreserve

Normalerweise besitzt der Ölmarkt eine Art Sicherheitsnetz. Große Produzenten wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate halten sogenannte Reservekapazitäten bereit und können ihre Produktion kurzfristig erhöhen, wenn Engpässe entstehen. Im aktuellen Konflikt funktioniert dieser Mechanismus jedoch kaum noch. Durch die geopolitische Lage sind wichtige Produzenten teilweise vom Markt abgeschnitten, während gleichzeitig Transportprobleme verhindern, dass vorhandenes Öl überhaupt verschifft werden kann. Da Tanker ausbleiben und Lagerkapazitäten begrenzt sind, müssen einige Förderländer ihre Produktion sogar drosseln. Der Markt verliert damit seinen wichtigsten Stoßdämpfer gegen Preisschocks. Energieanalysten beschreiben die Situation deshalb als ungewöhnlich fragil: Ohne Reserveproduktion gibt es keinen großen Anbieter mehr, der kurzfristig zusätzliches Öl liefern könnte.

Die Folgen an der Zapfsäule

Der Preissprung auf den Rohölmärkten schlägt bereits auf den Alltag durch. In den USA sind die Benzinpreise innerhalb nur einer Woche um rund 50 Cent pro Gallone gestiegen und liegen jetzt bei etwa 3,48 Dollar. Damit sind die Preise höher als zu jedem Zeitpunkt während der Präsidentschaft von Donald Trump. Sollte der Konflikt länger andauern, könnte der Aufwärtstrend weitergehen, denn höhere Rohölpreise schlagen typischerweise mit Verzögerung auf den Endverbrauchermarkt durch.

Warum der Ölmarkt trotzdem genug Vorräte hat

Paradox an der Situation ist, dass es global betrachtet eigentlich keinen akuten Ölmangel gibt. Vor Ausbruch des Konflikts war der Markt sogar von einem Überangebot geprägt, weshalb Rohöl lange Zeit um die Marke von 60 Dollar pro Barrel gehandelt wurde. Auch der Blick auf langfristige Terminmärkte deutet darauf hin, dass Händler den aktuellen Preisschub eher als temporär einschätzen. Futures-Kontrakte für Lieferungen in den Jahren 2027 und 2028 liegen derzeit nur im Bereich der hohen 60-Dollar-Marke. Kurzfristig bleibt die Lage jedoch angespannt. Sollte der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus nicht bald wieder anlaufen, warnen einige Analysten bereits vor möglichen Preisspitzen von bis zu 150 Dollar pro Barrel.

Regierungen versuchen gegenzusteuern

Während der Markt nervös reagiert, arbeiten Regierungen an Maßnahmen zur Stabilisierung der Energiepreise. Die Finanzminister der G7-Staaten beraten über eine mögliche gemeinsame Freigabe strategischer Ölreserven, um das Angebot kurzfristig zu erhöhen. Parallel prüft die US-Regierung Pläne, Tankern Versicherungen anzubieten und möglicherweise militärischen Schutz für Schiffe im Persischen Golf zu organisieren. Viele Reedereien bleiben dennoch vorsichtig und vermeiden weiterhin Fahrten durch die Region. Solange keine überzeugende Lösung für die Blockade der Straße von Hormus gefunden wird, dürfte der Ölmarkt anfällig für weitere Preissprünge bleiben. Jede Verzögerung beim Wiederanlaufen des Tankerverkehrs erhöht den Druck auf Politik und Märkte gleichermaßen – und treibt den Preis weiter nach oben.

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