Work & Winning LinkedIn CMO: Wie KI die Spielregeln auf dem Arbeitsmarkt neu schreibt

LinkedIn CMO: Wie KI die Spielregeln auf dem Arbeitsmarkt neu schreibt

Der Arbeitsmarkt ist unübersichtlich, die Spielregeln ändern sich – und KI beschleunigt alles.

Im Gespräch mit Business Punk erklärt Jessica Jensen, Chief Marketing Officer von LinkedIn, warum Recruiting, Marketing und Karrierewege gerade neu sortiert werden. Es geht um die Frage, wo KI heute schon echten Mehrwert schafft, warum viele Unternehmen trotz Fachkräftemangels die passenden Skills nicht finden – und was Arbeitnehmer tun müssen, um sich in einem schwierigen Markt durchzusetzen.

Jessica, viele Menschen verbinden LinkedIn vor allem mit der Suche nach einem Job. Was hat LinkedIn noch zu bieten?

Viele Menschen kommen zu LinkedIn, um ihren nächsten Job zu finden. Was sie aber langfristig auf der Plattform hält, ist alles, was vor und nach diesem Moment passiert. LinkedIn ist heute das größte digitale Netzwerk für den beruflichen Austausch mit mehr als 1,3 Milliarden Mitglieder weltweit und über 30 Millionen in der DACH‑Region. Die Menschen kommen zu LinkedIn, um Beziehungen aufzubauen, sich auszutauschen und neue Chancen zu entdecken – sei es, um die eigene Karriere voranzubringen oder ihr Unternehmen weiterzuentwickeln.

Deshalb investieren wir konsequent in Vertrauen und Innovation, von Identitätsverifizierungen bis hin zu KI-gestützter Jobsuche und neuen Videoformaten. Fast 100 Millionen Mitglieder haben ihre Identität auf LinkedIn bereits verifiziert und jeden Tag nutzen mehr als 1,8 Millionen Menschen unsere KI‑gestützte Jobsuche, um neue berufliche Möglichkeiten zu entdecken. Gleichzeitig sehen wir ein zweistelliges Wachstum bei Video‑Uploads.

Was heißt das konkret? Mehr echte Verbindungen, mehr geteiltes Wissen und mehr Zugang zu Chancen.

Aus den Daten von 1,3 Milliarden Mitgliedern lässt sich bestimmt auch sehr viel über Wirtschaft und Arbeitswelt ablesen. Was können Führungskräfte darüber lernen, wie sich Arbeit verändert?

Wir sehen auf LinkedIn in Echtzeit, wie sich Arbeit entwickelt – und das Signal ist eindeutig: Künstliche Intelligenz treibt den Wandel schneller voran als jeder andere Umbruch zuvor. Allein zwischen 2023 und 2025 sind weltweit mehr als 1,3 Millionen neue Rollen entstanden, die direkt auf KI zurückgehen.

Spannend ist: Das sind längst nicht nur klassische Tech-Jobs.  Viele dieser Positionen  verlangen eine Kombination aus technischem Know-How und menschlichem Urteilsvermögen. Führungskräfte, die Rollen heute neu denken und sich daran orientieren, was Menschen und KI gemeinsam am besten leisten können, werden in diesem Wandel klar vorne liegen.

Welche Kombination aus technischen Fähigkeiten, KI‑Kompetenz und menschlichen Fähigkeiten wird entscheidend sein, um langfristig beruflich resilient zu bleiben?

Bis 2030 werden sich 70 Prozent der Fähigkeiten verändern, die in den meisten Jobs gefragt sind. Das zeigt: Anpassungsfähigkeit wird in Zukunft mindestens genauso wichtig sein wie spezifisches Fachwissen. Unsere aktuelle Analyse zu den Skills im Trend zeigt, dass KI‑Kompetenzen weltweit – auch in Deutschland – am schnellsten wachsen. Gleichzeitig gewinnen klassische menschliche Fähigkeiten wie Urteilsvermögen, Zusammenarbeit, Kommunikation und Kreativität enorm an Bedeutung.

Wer eine Kombination dieser Fähigkeiten mitbringt, wird sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten können.

Bringt KI in der Breite wirklich schon messbaren Mehrwert? Oder stecken sehr viele Unternehmen noch in einer Experimentierphase und müssen nachhaltige Strategien erst noch aufbauen?

KI schafft schon jetzt konkreten, messbaren Mehrwert im Recruiting – vor allem dort, wo sie Recruiter dabei unterstützt, geeignete Talente zu finden, die bei klassischen Auswahlmethoden oft durchs Raster fallen. Das ist gerade für Deutschland relevant, wo Fachkräftemangel und steigende Arbeitslosigkeit nebeneinander existieren. Nicht, weil es zu wenig Talente gibt. Die richtigen Fähigkeiten sind oft schon da und könnten in andere Jobs oder Branchen übertragen werden, sie sind aber nicht so leicht auffindbar. Genau hier können KI-Agenten wie unser LinkedIn Hiring Assistant enorm helfen.

Wie verändert sich aktuell die Art und Weise, wie Unternehmen Talente finden und für sich gewinnen?

In einem schwachen Arbeitsmarkt hat jede einzelne Neueinstellung mehr Gewicht. Es geht nicht mehr darum, Stellen möglichst schnell zu besetzen, sondern die Personen zu finden, die wirklich passen. Aber: Viele Recruiter fühlen sich dafür nicht ausreichend gewappnet. Der Druck steigt, Kandidaten mit den richtigen Skills für spezialisierte Rollen zu identifizieren. Das gilt besonders für Deutschland: In Bereichen wie Pflege, Kinderbetreuung oder Bauwesen fehlen Fachkräfte, während gleichzeitig die Arbeitslosigkeit steigt.

Unternehmen reagieren –  indem sie stärker auf interne Weiterentwicklung und Mobilität setzen. Unsere Daten zeigen: Zwei von fünf Einstellungen in Deutschland im Jahr 2025 waren interne Wechsel. Wenn Unternehmen Skills in den Mittelpunkt stellen und stärker nach innen schauen, wachsen ihre Talentpools um ein Vielfaches.

Wie schaffen Sie ein Umfeld, in dem Ihr Team kontinuierlich lernen, Neues ausprobieren und intelligente Risiken eingehen kann – ohne an Geschwindigkeit oder Wirkung einzubüßen?

Marketing verändert sich gerade schneller als je zuvor – und Aufmerksamkeit zu gewinnen heißt  heute: mutige Kreativität und konsequente Umsetzung. Für mich beginnt das mit einer „Learn‑forward“ Kultur: Wir lassen uns bewusst auf diese Unsicherheit ein, nutzen KI aktiv und sehen Experimentieren nicht als Risiko, sondern als Fähigkeit, die man trainieren muss.

KI ist für uns ein täglicher Begleiter, der unsere Arbeit erweitert. Was KI jedoch nicht ersetzen kann, sind menschliche Verbindungen, Urteilsvermögen und gelebte Erfahrung. Genau daraus entsteht echte Kreativität und Innovation.

Kürzlich haben wir KI zum Beispiel eingesetzt, um erste Konzepte für Out‑of‑Home‑Kampagnen zu entwickeln. Die Magie ist aber erst im gemeinsamen Feinschliff entstanden: Unsere Chief Brand Officer und ich haben gemeinsam jede einzelne Headline weiterentwickelt, bis sie den richtigen Ton getroffen hat.

Dieser menschliche, kollaborative Prozess ist etwas, das KI nicht ersetzen kann – und die Grundlage für unsere kreative Arbeit bei LinkedIn.

Abschließend: Welchen Rat würden Sie einer Person geben, die aktuell auf Jobsuche ist? Was ist die eine Fähigkeit, die aus Ihrer Sicht unverzichtbar ist?

Die Einstellungstätigkeit hat sich in vielen großen Volkswirtschaften verlangsamt – wir bewegen uns gerade in einem der herausforderndsten Arbeitsmärkte seit Jahren. Auch in Deutschland sinkt das Vertrauen, einen neuen Job zu finden. Gleichzeitig verlaufen Karrieren heute einfach nicht mehr linear: Entwicklung passiert seitwärts, diagonal oder über einen Wechsel.

Für Menschen, die ihren nächsten beruflichen Schritt planen, kommt es auf drei Fähigkeiten an: kritisches Denken, klare Kommunikation  und die Fähigkeit, KI‑Tools gezielt für sich zu nutzen. Viele glauben, KI müsse dabei an erster Stelle stehen – ich sehe sie eher als Turbo. Den Kern bildet weiterhin menschliches Urteilsvermögen.

Noch ein ganz konkreter Rat: Wer heute auffallen will, muss seine Fähigkeiten sichtbar machen – und LinkedIn ist dafür ein idealer Ort. Trauen Sie sich, auf LinkedIn zu posten. Kürzlich hat sich eine Jobsuchende bei mir gemeldet, die mithilfe von KI Beispielanzeigen für LinkedIn entwickelt hat. Das war smart – und genau die Art von Arbeit, die man öffentlich zeigen sollte. Die Lehre daraus ist einfach: Sagen Sie nicht nur, was Sie können. Zeigen Sie es.

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