Business & Beyond Öl-Schock 2.0? Ökonomin Isabella Weber sieht Inflationsrisiko bei 5 Prozent

Öl-Schock 2.0? Ökonomin Isabella Weber sieht Inflationsrisiko bei 5 Prozent

Ökonomin Isabella Weber warnt vor Inflation bis 5 Prozent durch Irankrise. Ihre Forderung: sofortige Preisdeckel und Übergewinnsteuer. Die Politik zögert – während Konzerne kassieren.

Die Irankrise trifft Deutschland härter als erwartet. Ökonomin Isabella Weber rechnet im Gespräch mit dem Spiegel mit einem Inflationssprung auf 4 bis 5 Prozent – deutlich über den aktuellen 2,7 Prozent. Ihre Analyse zeigt: Öl steckt in fast jedem Produkt, von Brillengestellen bis Jackenknöpfen: „Wir können schnell bei vier bis fünf Prozent Inflation landen, es kann also noch deutlich schmerzhafter werden.“

Erste Preisanstiege bei Plastik-Grundstoffen sind bereits Realität. Weber, die 2022 den Gaspreisdeckel mitentwickelte, fordert sofortiges politisches Handeln. Ihre These: Wer jetzt wartet, riskiert einen Preisschock durch die gesamte Wirtschaft.

Raketen-und-Federn-Prinzip trifft Verbraucher

Preise steigen rasant wie Raketen, sinken aber langsam wie Federn. Dieses Muster hat Weber während der Pandemie in KI-gestützten Analysen von Geschäftskonferenzen nachgewiesen.

Unternehmen nutzen externe Schocks gezielt für Preiserhöhungen – selbst wenn ihre Lagerbestände noch günstig eingekauft wurden. Sobald Wettbewerber mitziehen, steigen die Preise schneller als die tatsächlichen Kosten. Kosten werden dabei als Chance wahrgenommen, nicht als Problem. Die Folge: Verbraucher zahlen doppelt – für echte Kostensteigerungen und für Gewinnmaximierung.

Preisdeckel statt Kartellverfahren

Der Bundestag hat Mineralölkonzerne verpflichtet, Preissteigerungen zu begründen. Weber hält das für unzureichend. Kartellrechtliche Verfahren ziehen sich über Jahre, während Preisdeckel sofort Unsicherheit aus dem Markt nehmen könnten.

Ihr Modell: Ein Benzin-Preisdeckel deutlich über Vorkriegsniveau – kombiniert mit Sparanreizen wie bei der Gaspreisbremse 2022. Nur ein Grundbedarf würde gedeckelt, der Rest zu Marktpreisen verkauft. Die Hälfte der Deutschen hat keine Ersparnisse für Preisschocks, so Weber laut Spiegel. Staatliche Eingriffe seien keine Marktverzerrung, sondern Versicherung gegen Kriegsfolgen. „Die Regierung sollte jetzt handeln, auch mit einem smarten Preisdeckel bei Benzin. Je länger wir warten, desto stärker sickert der Preisschock durchs System“, so Weber.

Übergewinnsteuer reaktivieren

Die EU-Übergewinnsteuer von 2022 brachte 38 Milliarden Euro – Deutschland kassierte nur 2,5 Milliarden, weil die Steuer zu spät kam. Spanien war schneller und erzielte höhere Einnahmen. Weber fordert sofortige Reaktivierung des bestehenden Gesetzes.

Ihre Begründung: Krisengewinne der Energiekonzerne gehören nicht in private Taschen, wenn 45 Millionen Menschen weltweit zusätzlich Hunger drohen. Die Mineralölwirtschaft droht mit Marktaustritt – Weber kontert: Wohin sollen sie gehen? Bei koordiniertem EU-Vorgehen bleiben die Konzerne, weil sie nur über hohe Verkaufsvolumen profitieren können.

Knappheit solidarisch verteilen

Weber sieht physische Ölknappheit wie zuletzt in den Siebzigerjahren. In Frankreich fehlt bereits Benzin: „Die Wahrscheinlichkeit einer Mangelsituation ist ohnehin groß. In Frankreich gibt es mancherorts schon zu wenig Benzin. Die eigentliche Frage ist doch, wen die Knappheit trifft.“

Ihre unbequeme Forderung: Priorisierung im Ernstfall. Sollen knappe Rohstoffe wie Aluminium für Luxusautos oder Wärmepumpen verwendet werden? Supermärkte müssen beliefert werden, Düngemittel für Bauern gesichert sein. Die Frage ist nicht ob Knappheit kommt, sondern wen sie trifft. Solidarische Verteilung statt Preismechanismus – ein Tabubruch in der Wirtschaftspolitik.

Mehrwertsteuer-Erhöhung als Brandbeschleuniger

Die Bundesregierung erwägt Mehrwertsteuer-Erhöhungen zur Finanzierung von Steuerreformen. Weber nennt das „ökonomisch wie politisch extrem gewagt“. Niedrige Einkommensgruppen werden überproportional belastet, während Alternativen wie Vermögensteuern oder Streichung des Dienstwagenprivilegs ignoriert werden. Selbst wenn Lebensmittel auf null Prozent gesenkt würden: Erfahrungen zeigen, dass Senkungen kaum an Kunden weitergegeben werden, Erhöhungen aber sofort durchschlagen.

Business Punk Check

Webers Analyse durchbricht die Illusion, Inflation sei ein neutraler Marktmechanismus. Ihre Forschung zeigt: Unternehmen nutzen Krisen systematisch für Gewinnmaximierung. Das Raketen-und-Federn-Prinzip ist keine Verschwörungstheorie, sondern belegtes Verhalten aus tausenden Geschäftskonferenzen. Die unbequeme Wahrheit: Kartellrecht versagt in Echtzeit-Krisen. Bis Verfahren abgeschlossen sind, haben Konzerne längst abkassiert. Webers Preisdeckel-Modell ist kein sozialistisches Experiment – die Schweiz nutzt ähnliche Mechanismen erfolgreich.

Die EU-Übergewinnsteuer von 38 Milliarden beweist: Schnelles Handeln funktioniert, wenn der politische Wille da ist. Deutschlands 2,5 Milliarden waren Peanuts, weil man zu spät reagierte. Für Mittelständler bedeutet das: Inputkosten steigen schneller als Verkaufspreise durchsetzbar sind. Wer jetzt nicht Lieferketten diversifiziert und Preisgleitklauseln verhandelt, verliert Marge. Die Frage nach Luxusautos versus Wärmepumpen ist keine Ideologie, sondern Ressourcen-Realismus. Unternehmen müssen sich positionieren: Wollen sie Teil der Lösung oder des Problems sein? Webers Forderung nach solidarischer Knappheitsverteilung klingt radikal – ist aber die einzige Alternative zu sozialem Sprengstoff bei 5 Prozent Inflation.

Häufig gestellte Fragen

Wie wirkt sich die Irankrise konkret auf deutsche Unternehmen aus?

Öl ist Bestandteil zahlreicher Produkte – von Plastikkomponenten über Lacke bis zu Transportkosten. Unternehmen mit hohem Kunststoffanteil in der Produktion oder langen Lieferketten spüren Kostensteigerungen zuerst. Mittelständler ohne Preisgleitklauseln in Verträgen verlieren Marge, während Großkonzerne Kosten schneller weitergeben können. Besonders betroffen sind Chemie, Verpackung und Logistik.

Warum fordert Weber Preisdeckel statt Marktwirtschaft?

Weber unterscheidet zwischen normalen Marktbedingungen und Krisensituationen mit physischer Knappheit. Preisdeckel sollen nicht den gesamten Markt regulieren, sondern einen Grundbedarf absichern – wie bei der Gaspreisbremse 2022. Alles darüber hinaus bleibt marktpreisbasiert, was Sparanreize erhält. Das Schweizer Modell zeigt: Preisstabilisierung bei essentiellen Gütern funktioniert ohne Mangelwirtschaft.

Welche Branchen profitieren von der Krise?

Energiekonzerne fahren Übergewinne ein, solange keine Steuern greifen. Anbieter von Alternativen wie Wärmepumpen, Solaranlagen oder E-Mobilität könnten profitieren – wenn Kredite durch niedrige Zinsen erschwinglich bleiben. Auch Anbieter von Effizienzlösungen in Produktion und Logistik sehen steigende Nachfrage. Die Frage ist: Wie schnell reagiert die Politik mit Förderung statt Bremsen?

Was bedeutet das für Startups im Energie- und Mobilitätssektor?

Hohe fossile Preise schaffen theoretisch Marktchancen für grüne Alternativen. Praktisch bremsen steigende Zinsen zur Inflationsbekämpfung die Finanzierung. Webers Argument: Preisdeckel halten Inflation niedrig, dadurch bleiben Zinsen moderat und Kredite für Cleantech erschwinglich. Startups sollten auf politische Instrumente wie reaktivierte Übergewinnsteuern setzen, die Mittel für Förderung freimachen.

Wie bereiten sich Unternehmen auf 5 Prozent Inflation vor?

Preisgleitklauseln in Lieferverträgen sind Pflicht, nicht Option. Diversifizierung von Rohstoffquellen reduziert Abhängigkeit von Ölprodukten. Effizienzsteigerungen in Produktion und Logistik senken Inputkosten. Kommunikation mit Kunden über Preissteigerungen muss transparent erfolgen – sonst droht Vertrauensverlust. Unternehmen sollten Szenarien für Rationierung und Priorisierung durchspielen, falls Knappheit eintritt.

Quellen: Spiegel, Finanzen

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