Startup & Scaling Der deutsche Mittelstand hat kein Geldproblem. Er hat ein Systemproblem.

Der deutsche Mittelstand hat kein Geldproblem. Er hat ein Systemproblem.

Deutschland liebt seine ökonomischen Mythen. Ganz oben auf der Liste: der Mittelstand. Flexibel, innovativ, widerstandsfähig. Eine Art wirtschaftliches Schweizer Taschenmesser, das jede Krise irgendwie übersteht. Die Realität sieht anders aus.

Während sich Konferenzen mit Diskussionen über Transformation, Wettbewerbsfähigkeit und Digitalisierung füllen, hängen viele kleine und mittlere Unternehmen an etwas weitaus Grundlegenderem fest. Sie kommen nicht schnell genug an Kapital. Und das wird gefährlich.

Nicht irgendwann. Jetzt. Denn Wachstum entsteht im operativen Alltag, weit weg von Strategiepapieren und Podien. Und genau dort bricht es.

Bei Floryn haben wir das vergangene Jahrzehnt damit verbracht, eine Antwort auf dieses Problem zu bauen. Wir haben mehr als 110.000 Anträge verarbeitet. Aus dieser Perspektive zeigt sich ein Muster immer wieder: Der Engpass ist selten das Kapital selbst. Es sind die Geschwindigkeit und die Struktur des Systems drumherum.

Die Lücke, über die niemand sprechen will

Es geht hier nicht um Millionen-Finanzierungsrunden oder Schlagzeilen-Deals. Es geht um die Beträge, die entscheiden, ob ein Unternehmen überhaupt funktioniert: 10.000 Euro, 50.000 Euro, 250.000 Euro.

Es ist das Geld, mit dem Händler Ware einkaufen. Die Liquidität, mit der Bauunternehmen Projekte vorfinanzieren. Der Kredit, mit dem ein Dienstleister einen neuen Auftrag annimmt. Auf dieser Ebene entscheidet sich, ob ein Unternehmen wächst oder stehen bleibt.

Ein Großhändler erhält bessere Einkaufskonditionen, kann aber nicht zugreifen, weil die Liquidität fehlt. Ein Bauunternehmen lehnt einen profitablen Auftrag ab, weil die Vorfinanzierung nicht rechtzeitig steht. Ein E-Commerce-Unternehmen verpasst die Hauptsaison, weil die Ware nicht schnell genug bestellt werden kann. Das sind keine Einzelfälle. Das ist Alltag.

Und genau dieses Segment fällt systematisch durchs Raster. Zu klein für Banken. Zu komplex für viele alternative Anbieter. Das Ergebnis ist eine Finanzierungslücke, die von außen kaum sichtbar ist, aber die Wirtschaft jeden Tag still ausbremst.

Banken sind keine Schurken. Sie optimieren rational.

Es ist verlockend, die Banken verantwortlich zu machen, und viele Fintech-Gründer tun genau das. Ich nicht. Ich habe als Wirtschaftsprüfer bei KPMG angefangen und dann mehrere Jahre bei ABN AMRO in Financial Restructuring gearbeitet, gegenüber von Mittelständlern, bei denen es bereits schiefgegangen war. Ich verstehe die Bankseite dieser Gleichung gut.

Banken lassen den Mittelstand nicht aus bösem Willen im Stich. Sie tun das, was ihr Modell und ihre Aufsichtsbehörden von ihnen verlangen. Höhere Kapitalanforderungen, strengere Aufsicht, dünnere Margen bei kleinen Krediten. Ein Mittelstandskredit bindet deutlich mehr Eigenkapital als eine Hypothek vergleichbarer Größe. Also verlagern Banken ihren Fokus auf größere Volumen, klarere Risikoprofile und standardisierte Prozesse. Das ist rational.

Es ist auch fatal für den Mittelstand. Was auf der Bankseite wie Effizienz aussieht, kehrt sich auf der Unternehmerseite ins Gegenteil: mehr Bürokratie, mehr Dokumentation, längere Entscheidungswege, geringere Genehmigungswahrscheinlichkeit. Banken und Unternehmer sind für gegensätzliche Dinge gebaut. Banken existieren, um Risiken zu vermeiden. Unternehmer leben davon, Risiken einzugehen. Dieser Widerspruch ist strukturell, und besserer Service wird ihn nicht beheben.

Die eigentliche Verschiebung ist subtiler. Ein System, das ursprünglich für den Mittelstand gebaut wurde, funktioniert heute vor allem für Großunternehmen. Nicht, weil jemand den Mittelstand bewusst ausgeschlossen hätte. Sondern weil sich die Rahmenbedingungen rund um das System verschoben haben, und das Ergebnis dasselbe ist.

Das eigentliche Problem ist Zeit

Kapital an sich ist nicht das Problem. Es kommt nur zu spät. Ein Unternehmen, das tage- oder wochenlang auf eine Kreditentscheidung wartet, agiert in einer Realität, die es nicht mehr gibt. Märkte bewegen sich schneller, Lieferketten reagieren dynamischer, Chancen entstehen und verschwinden kurzfristig.

Wer in diesem Moment nicht handeln kann, verliert. Der Händler, der ein Einkaufsfenster verpasst. Der Dienstleister, der einen neuen Auftrag nicht annehmen kann. Der Unternehmer, der schlicht aufhört zu investieren, weil Finanzierung zu lange dauert.

Unternehmen haben ihre eigenen Abläufe längst digitalisiert. Sie treffen Entscheidungen in Echtzeit. Doch die Finanzierungsebene darunter ist noch analog, fragmentiert und voller langer Schleifen. Bei Floryn ist „move fast“ einer unserer Kernwerte. Kein Slogan, sondern eine strukturelle Entscheidung. Denn wenn Finanzierung mit der Geschwindigkeit von Unternehmen nicht mithalten kann, ist sie kein Werkzeug mehr, sondern eine Bremse. Das Problem ist nicht die Technologie. Das Problem ist ein System, das nie auf Geschwindigkeit ausgelegt war.

Wenn Finanzierung Wachstum aktiv verhindert

Die wirtschaftlichen Risiken, über die am meisten gesprochen wird, sind nicht immer die schädlichsten. Fachkräftemangel, Bürokratie, Energiekosten sind alle relevant. Doch die fehlende Geschwindigkeit in der Finanzierung hat eine direktere Wirkung. Sie entscheidet jeden Tag, ob ein Unternehmen einen Auftrag annimmt, ob es in Wachstum investiert oder ob es eine Chance ziehen lässt.

Diese Entscheidungen fallen nicht einmalig. Sie fallen tausendfach am Tag, in jeder Branche. Das Ergebnis ist kein plötzlicher Einbruch. Es ist eine langsame Erosion. Unternehmen werden vorsichtiger, Investitionen werden verschoben, Risiken werden aus der Not heraus reduziert.

So entsteht ein Umfeld, in dem nicht immer die besten Ideen gewinnen. Es gewinnen die Unternehmen, die gelernt haben, innerhalb der Grenzen des Systems zu operieren.

Der blinde Fleck der Finanzbranche

Auf dem Papier sieht der Markt gut versorgt aus. Banken, Fintechs, alternative Kreditgeber. Die Optionen sind da. In der Realität bleibt eine Lücke. Banken konzentrieren sich auf große Volumen und etablierte Strukturen. Viele alternative Kreditgeber lösen zwar das Geschwindigkeitsproblem, aber zu einem Preis, der für ein mittelständisches Unternehmen auf Dauer nicht funktioniert. Ein Kredit, der einen einzelnen Moment rettet, ist eine Sache. Derselbe Kredit, immer wieder aufgenommen, höhlt das Unternehmen leise aus, das er eigentlich finanzieren sollte.

Und genau dazwischen sitzt ein kritisches Segment des Mittelstands. Zu klein für das Bankenmodell. Zu komplex für die meisten Alternativen. Geschäftsmodelle werden dynamischer, digitaler, kapitalintensiver. Doch die Finanzierungslogik darum herum ist erstaunlich statisch geblieben.

Die eigentliche Frage lautet: Wie schnell?

Der Mittelstand ist nicht zu langsam, nicht zu wenig innovativ, nicht zu risikoscheu. Er agiert längst in einer Realität, die sich schneller bewegt als die Strukturen, die ihn finanzieren. Er wird ausgebremst durch Prozesse, die nicht mehr zum Tagesgeschäft passen, durch zu lange Entscheidungswege und durch ein System, das mit Geschwindigkeit nicht umgehen kann.

Die unbequeme Wahrheit: Deutschland verliert Wachstum im Kreditprozess, nicht am Markt.

Die eigentliche Frage lautet: Wie schnell?

Unternehmensfinanzierung wird sich weiter verändern. Schneller, datengetriebener, flexibler. Die Verschiebung hat bereits begonnen, auch wenn sie noch nicht vollständig angekommen ist. Die Frage ist nicht mehr, ob Veränderung nötig ist. Sondern wie schnell sie passiert.

Solange Finanzierung mit der Geschwindigkeit der Wirtschaft nicht mithalten kann, bleibt die Lücke. Und mit ihr der eigentliche Schaden: nicht ein Mangel an Kapital, sondern ein Mangel an Zugang zu Kapital genau in dem Moment, in dem es darauf ankommt.

Für Deutschland ist das keine Finanzierungsfrage mehr. Es ist eine Wachstumsfrage.

Über den Autor

Gion van den Bogaert ist Co-Founder und CEO des niederländischen Fintechs Floryn. Seit der Gründung im Jahr 2016 treibt er den Aufbau eines technologiegetriebenen Kreditgebers voran, der sich auf schnelle, flexible und datenbasierte Finanzierungslösungen für kleine und mittlere Unternehmen spezialisiert hat. Mit Floryn verfolgt er das Ziel, traditionelle Kreditprozesse zu modernisieren und insbesondere im Segment bis 250.000 Euro den Zugang zu Kapital deutlich zu vereinfachen.

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