Brand & Brilliance Trashy oder High Quality – Der Mittelweg ist tot. Kolumne von Julius Lutz.

Trashy oder High Quality – Der Mittelweg ist tot. Kolumne von Julius Lutz.

Warum der TikTok Algorithmus 2026 keinen Bock mehr auf den Mittelweg hat und welche Strategie Brand-Manager stattdessen wählen sollten.

Julius schreibt über TikTok, Gen Z, Cultural Marketing und das, was Brand-Manager 2026 falsch verstehen. „Bubble Check In“ erscheint als regelmäßige Kolumne im Business Punk. Er ist Gründer und Geschäftsführer von Promoplug, einer Berliner Cultural & Content Agentur.

Vor sechs Wochen sitze ich in einem Pitch-Call in Berlin. Großer FMCG-Konzern, ordentliches Budget, drei Brand-Manager im Meeting. Es geht um einen TikTok-Kanal-Launch, ich präsentiere zwei Optionen:
a) raw, Creator-like, Front-Cam, hingerotzt. b) Format-Storyline, cineastisch, mit Set und Color-Grade.

Die Antwort: „irgendwo in der Mitte wäre den dreien am liebsten. Authentisch ja, aber bitte nicht zu wild. Hochwertig ja, aber bitte nicht zu teuer.“ Stille bei mir.

Diese Antwort höre ich, seitdem ich in der Branche bin (zugegeben erst seit 3 Jahren). Brand-Manager und CMOs, die ihre Karriere mit Hochglanz-TVCs aufgebaut haben und jetzt mit dem TikTok Algorithmus 2026 und Innenkamera-Content arbeiten sollen. Logisch, dass sie den sicheren Pfad wählen.

Der Mittelweg wirkt seriös genug für den Vorstand und jung genug fürs Marketing. Klingt vernünftig und wäre es auch, wenn der TikTok-Algorithmus 2026 alles dazwischen nicht so brutal abstrafen würde.

Mehrere Studien aus dem ersten Quartal 2026 zeigen dasselbe Muster: TikTok-User zwischen 18 und 34 vertrauen Handy-Content deutlich mehr als professionell produziertem Marketing-Output. Eine Auswertung der Flamingo Group spricht von 73 Prozent (zitiert in Greenfrog Labs, Q1 2026), Nielsen hat im aktuellen Trusted Advertising Report parallel 67 Prozent Creator-Trust gemessen, +6% in einem Jahr.

Wer das liest, zieht in den meisten Marketing-Meetings die falsche Konsequenz. „Also gehen wir authentischer. Ein bisschen weniger polished, ein bisschen mehr ehrlich und jung und so. Aber das Logo muss trotzdem rein!“

Das ist der Mittelweg 2.0. Was 2026 auf TikTok funktioniert, sind zwei Extrema:

Trashy: Front-Cam, schlechtes Licht, loslabern als wäre man gerade aufgestanden. 1080p? passt. Snapchat-Text-Overlay? Noch besser. Sollte so aussehen, als wäre es mit einer Minute Aufwand ausversehen hochgeladen worden.

High Quality: Krass catchy und TikTok-native Hook in den ersten 3 Sekunden des Videos, dahinter aber hochqualitativ produziert: Drehbuch, Set, Crew, Sound-Design, Color-Grading, Endlevel-Editing.

High Quality funktioniert, weil die Videos eine ungewohnte Abwechslung zum Trashy-Style sind, der die For-You-Page dominiert. Ein Pattern-Interrupt quasi. Du kommst von 5 Unc-Q&A-Videos und 3 Streaming-Clips, denkst, du swipest in den nächsten Brainrot-Post und plötzlich: BAM. Querformat, cineastischer Einstieg, du denkst, du bist auf Netflix.

Und warum dominiert dieser Trashy-„effortless“-Style die ganze Plattform? Weil TikTok darauf ausgelegt ist. Schon immer haben die Videos am besten performt, von denen man es am wenigsten geglaubt hat, in die der geringste Produktionsaufwand ging. Die nicht Instagram-makellos waren. TikTok ist nah dran, im Leben, spontan drauflos filmen. Menschen wollen Menschen sehen.

Was jetzt im Frühjahr 2026 neu ist, ist die Masse an Output: 100+ Posts pro Tag sind absolut verrückt.

Das Go-To-Beispiel für den Trashy-Style auf Speed ist Alexander Pfahl, „der Unc“ – ein Case, der in der Social-LinkedIn-Bubble schon gut diskutiert wurde, weswegen ich hier nicht weiter auf ihn eingehen werde. Aber: Die More-Nutrition-„Sekte“ hat dieses Spiel wahrscheinlich so gut wie kaum andere verstanden und neben der Adaption der Trashy-High-Volume-Taktik auf ihren Accounts jetzt auch das passende Geschäftsmodell darum gebaut.

In der More Creator Class (810 Euro im Bundle mit Rabatt) lernt man das „System hinter Millionenreichweiten“. Und seit dem Launch letzter Woche ist TikTok voller Käufer:innen, die genau diese Taktik fahren: Auf Kommentare mit 10-Sekunden-Videos antworten, jeden Moment (am besten mit More-Produkten) raw teilen. Das Ganze wird sicher für manche funktionieren und in Creator-Karrieren oder einem spannenden Netzwerk enden. Kritische Beobachter:innen merken jedoch an, das Ganze sei eine More-Nutrition-UGC-Werbekampagne, für die der Werbetreibende bezahlt wird.

Was bringt mir das jetzt für meine Marke / Persona / Produkt?

Was die meisten Brands aus diesem Trashy-High-Volume-Modell nicht mitnehmen können, ist genau das Modell. Weder das Team, noch die Frequenz, noch die Bereitschaft, 100+ Videos pro Tag rauszuhauen. Was Brands aber sehr wohl können: das andere Extrem fahren. Ein einziges, krass produziertes High-Quality-Asset, das, genau weil die FYP gerade so trashy ist, wie ein Schlag aus dem Feed bricht.

Als Ex-TikToker war ich immer kategorisch gegen High-Quality-Produktionen in meiner Social Agency Promoplug. Aber mein Produktions-Team hat mich im März überzeugt, den High-Quality-Style mal selbst auszuprobieren und wir haben ein Experiment gestartet: Einen neuen Account gestartet und zwei visuell starke Videos produziert, die trotzdem nach TikTok-Logik mit Hook und Storyline funktionieren. Das Ergebnis: Die Videos haben sich im TikTok Algorithmus 2026 durchgesetzt, stabile 600 Follower und 200.000 organische Views, auf einem Profil, das es vorher nicht gab.

Und trotzdem höre ich den Wunsch nach dem Mittelweg in gefühlt fast jedem Pitch. Warum ist das so? Ich habe eine Theorie:

Komfort. Der Mittelweg ist die Position, die niemand verteidigen muss. Wer Trashy freigibt, riskiert intern – kann sein, dass jemand sagt „das sieht peinlich aus“, „ist nicht in unserer CI“ oder „wo ist das Produkt?“. Wer High Quality freigibt, riskiert das Budget – kann sein, dass der CEO fragt, warum es „so teuer, aber nur ein Asset“ war. Beide Abteilungen können absegnen, ohne sich gegenseitig zu hinterfragen. Niemandes Niederlage. Aber auch niemandes Sieg.

Welche Bubble willst du treffen, bevor du dich für eine Video-Idee entscheidest? Wer das nicht beantworten kann, sollte sich die Antwort holen, bevor er den nächsten Pitch absegnet. Aber dazu mehr in der nächsten Folge.

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