Business & Beyond The Business of Death

The Business of Death

Japans alternde Gesellschaft bringt eine ungewöhnliche Branche zum Boomen: die professionelle Vorbereitung auf den Tod. Mit innovativen Ideen wie Sterbeseminaren und „Leichenhotels“ zeigt das Unternehmen Nichiryoku, wie aus einem Tabuthema ein Milliardenmarkt wird. Warum daraus sogar ein Modell für andere Länder entstehen könnte, lesen Sie aktuell auch in unserem Printheft.

Von Felix Lill

In Japans alternder Gesellschaft wird so viel gestorben wie nie. Große Zeiten für Bestatter? Nur, wenn man innovativ ist. So wie das Unternehmen Nichiryoku. Auf den ersten Blick muss man denken, Masayuki Onoue hat einen bedrückenden Job. Mit einem Laserpointer zieht er kleine Kreise auf einer Leinwand, die eine Grafik zeigt: „Das hier ist der Lebensverlauf, wie er oft verstanden wird“, erklärt der ältere Herr mit Brille und grauem Anzug. Die Grafik zeigt eine Kurve, die mit der Geburt ansteigt, bei 30 Jahren den Höhepunkt erreicht und ab Mitte 50 abfällt. Der Zusammenhang zwischen Lebensalter und -qualität? Ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch negativ. In einem gemütlichen Saal eines Trauerfeierveranstalters im Zentrum von Tokio steht Onoue vor gut 20 grauhaarigen Menschen. Alle hören ihm aufmerksam zu, machen sich Notizen, nicken. Onoue, der Gastgeber, hebt die Stimme: „Aber sehen Sie sich doch an! Sie sind doch noch topfit!“ Dieser vermeintliche Zusammenhang zwischen Alter und Verfall sei Schnee von gestern. „Und gerade deshalb können Sie jetzt dieses neue Hobby beginnen: die Vorbereitung auf Ihren letzten Abschnitt!“ Ein paar im Raum schmunzeln.

Masayuki Onoue macht diesen Witz regelmäßig. Um die 300 Mal im Jahr gibt er im Großraum Tokio shuukatsu-Seminare. Shuukatsu bedeutet übersetzt so viel wie Sterbevorbereitung. Ein Geschäft, das in Japan seit Jahren boomt. Den Teilnehmern wird nicht nur erklärt, wie sie am besten ein Testament verfassen und dass sie besser schon mal Kontovollmachten erteilen sollten. Auf ermutigende Vorträge wie den von Masayuki Onoue folgen oft Touren zu Friedhöfen und Sargherstellern, inklusive Probeliegen im Sarg.

Shuukatsu wird zur Bewegung

Und so etwas soll Spaß machen, ein Hobby für den Lebensabend werden können? Es klingt wie ein Scherz, aber in Japan ist shuukatsu über die letzten Jahre zu einer echten Bewegung geworden. Japanische Zeitungen berichten regelmäßig darüber. Schon Mitte des vergangenen Jahrzehnts machte die Todesvorbereitungsökonomie – von Seminaren über Frühverträge für eine Beerdigung bis zu reservierten Särgen – kollektiv um die 15 Milliarden Euro aus. Seitdem kennt sie nur eine Tendenz: Wachstum.

Wo viele Alte sind, wird viel gestorben

Wie sollte es auch anders sein? Japans Bevölkerung altert seit Jahrzehnten, was zwar heißt, dass die Menschen immer älter werden. Aber wo viele alte Menschen sind, wird trotzdem auch viel gestorben. Jährlich rund 1,5 Millionen Menschen scheiden im ostasiatischen Land aus dem Leben. Mehr als 36 Millionen der knapp 123 Millionen Einwohner Japans sind heute 65 Jahre oder älter, an die 13 Millionen mindestens 80 Jahre alt. Fast 100.000 haben ein dreistelliges Alter. Und all diese Menschen sind potenzielle Kunden im shuukatsu-Business.

Einer von ihnen heißt Takeshi Koizumi, mit Mitte 60 noch einer der Jungspunde beim Seminar. Konzentriert nickt der vornehm in Sakko gekleidete Herr, während Onoue an seiner Leinwand mahnt: „Das hier ist heute kein Shopping-Seminar! Holen Sie sich immer zwei Angebote ein, bevor Sie sich entscheiden.“ Takeshi Koizumi, der noch körperlich fit ist, findet das sympathisch: „Ich will auch lieber sparsam bleiben bei dem Ganzen“, sagt er fast grinsend in einer Pause des Seminars. Warum er das Ganze überhaupt macht? „Eigentlich hat mich mein Vater geschickt. Der ist schon 92 und will geregelte Verhältnisse hinterlassen.“ Den Gedanken, dass im Moment des Todes kein administratives Chaos ausbricht – was Totenscheine, Bestattung und Preise angeht –, findet der Sohn wiederum so attraktiv, dass er an diesem Samstag gleich seine Ehefrau mitgeschleppt hat. „Ich habe unseren Kindern gesagt, dass wir jetzt auch shuukatsu machen!“ Und die hätten ungläubig, aber auch zufrieden genickt.

Vorsorge für den Tod

Die Vorsorge für den Tod, die in westlichen Gesellschaften bisher eher auf Finanzfragen beschränkt ist, hat sich in Japan zur Normalität entwickelt. Komisch findet selbst das Probeliegen im Sarg heute kaum noch jemand. Masayuki Onoue, Chef des Bestatters Nichiryoku, ist ein Vorreiter bei solchen Ideen. Und sein Unternehmen, das jährlich um die 14 Millionen Euro umsetzt, floriert auch deshalb. „Der Wettbewerb am Markt ist groß“, sagt er an einem anderen Tag in einer Nichiryoku-Zweigstelle in Yokohama, einer Metropole am südlichen Stadtrand von Tokio. „Und die Leute sind in den letzten Jahren generell eher sparsam geworden.“ Früher habe man für Beerdigungen – von den Feierlichkeiten über den Sarg bis zu einem goldverzierten Hausaltar – oft 500.000 Yen (rund 3060 Euro) ausgegeben. Heute wollten viele Angehörige möglichst nicht mehr als 150.000 Yen hinlegen.

Innovation statt Preiskampf

In einen Preiswettbewerb könne man daher kaum noch einsteigen. So bleibe einem nur, mit Innovationen zu kommen. Die shuukatsu-Seminare, die Nichiryoku kostenlos anbietet und immer mit individuellen Beratungsterminen organisiert, seien die eine Sache. Seit Kurzem habe man auch Nachbetreuung im Sortiment: Seelsorge, Trauerbewältigung und damit gewissermaßen auch Kundenbindung. Denn der Nächste in der Familie wird ja irgendwann auch sterben. Und warum dann nicht wieder mit Nichiryoku?

Das Leichenhotel als neue Geschäftsidee

Masayuki Onoue hat aber seit einigen Jahren noch eine weitere Cashcow im Portfolio: das Lastel. Am Eingang der Zweigstelle in Yokohama sieht es hier auf den ersten Blick aus wie in einem Hotel. Eine Rezeptionistin empfängt Besucher, die einen Namen sagen und dann in einen Raum geschickt werden. Dort ist dann der Leichnam eines Verstorbenen aufgebahrt, der hier vorübergehend ruht. Masayuki Onoue, heute im schwarzen Anzug, schleicht durch die rüschig-fröhlich gehaltenen Räumlichkeiten. „Wir sind quasi ein Leichenhotel.“ Der Hintergrund: In Japan wird in den letzten Jahren derart viel gestorben, dass die Friedhöfe mit den Bestattungen nicht hinterherkommen. Im Lastel – das Wort setzt sich aus „last“, also letztes, und „Hotel“ zusammen – können die Toten für ab 10.000 Yen pro Nacht (rund 61 Euro) bleiben. „Im Schnitt bleiben die Personen vier Nächte“, sagt Onoue, als er einen leeren Sarg streichelt, der für Neukunden zur Besichtigung hier steht.

Role-Model auch für Deutschland?

Seminarbesucher Takeshi Koizumi hat auch schon vom Lastel gehört: „Eine super Idee.“ Das Ganze schließe ja nicht nur eine Wartelücke bis zur Beerdigung, findet er. „Freunden oder Verwandten, die weit weg wohnen, bietet so etwas auch noch einmal eine Gelegenheit, persönlich Abschied zu nehmen.“ Ob ein Leichenhotel traurig sei? Takeshi Koizumi schüttelt den Kopf: „Wir sind eine alternde Gesellschaft. Der Tod ist hier längst Thema. Und dann lass es uns doch so machen, dass die Hinterbliebenen es schön haben!“ Mit seinen Geschäftsideen hat Nichiryoku schon Anfragen aus anderen asiatischen Ländern mit alternden Bevölkerungen erhalten. Früher oder später, schätzt Masayuki Onoue, könnten ähnliche Geschäftsmodelle auch nach Deutschland überschwappen.

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