Business & Beyond EU zwingt Behörden zu Heimat-Chips – Verzweiflungstat oder Masterplan?

EU zwingt Behörden zu Heimat-Chips – Verzweiflungstat oder Masterplan?

Brüssel dreht am großen Rad: Mit dem Chips Act 2.0 sollen Behörden künftig bevorzugt europäische Halbleiter kaufen. Die „Buy European“-Strategie soll retten, was Milliarden-Subventionen nicht schafften – doch ist erzwungene Nachfrage die Lösung?

Die EU-Kommission gibt sich keine Mühe mehr, ihre Verzweiflung zu verbergen. Nachdem der erste Chips Act trotz Milliarden-Subventionen krachend gescheitert ist – mehrere Großprojekte wurden abgesagt, der EU-Anteil am Weltmarkt liegt seit Jahren in der Größenordnung von rund 10 Prozent – kommt jetzt der Befreiungsschlag: Behörden sollen künftig ihre Prozessoren gefälligst bei heimischen Startups kaufen.

Was die freie Marktwirtschaft nicht regelt, erledigt eben die öffentliche Beschaffung.

Die Kehrtwende der Kommissare

EU-Kommissarin Henna Virkkunen, zuständig u.a. für Digital- und Technologiethemen, soll die Details zum Chips Act 2.0 präsentieren, wie heise berichtet. Der Strategiewechsel ist radikal: Statt weiter auf die Angebotsseite zu setzen, fokussiert die Neuauflage auf die Nachfrageseite.

Übersetzt heißt das: Wenn niemand europäische Chips kauft, müssen es eben die Behörden tun. „Durch Nachfragebeschleunigung soll der Chips Act 2.0 die Verwendung in der EU entwickelter sowie in der EU hergestellter Prozessoren unterstützen“, heißt es laut heise in einem internen Dokument. Abnahmevereinbarungen und ein „Nachfrageforum“ sollen Anbieter mit Nutzern verbinden – klingt nach Speed-Dating für Chipfirmen.

120 Milliarden Euro oder der Untergang

Die Dimension des Problems wird durch eine Zahl klar: Laut Handelsblatt geht die EU-Kommission davon aus, dass bis 2035 rund 120 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen nötig sind. Nur dann hat die europäische Halbleiterindustrie überhaupt eine Chance, im globalen Wettbewerb zu bestehen. Das ursprüngliche Ziel, bis 2030 einen Weltmarktanteil von 20 Prozent zu erreichen, droht bereits zu scheitern.

Die Chips-Verordnung trat erst im September 2023 in Kraft – viel Zeit zum Wirken hatte sie nicht, aber die Zeit drängt eben. Parallel zur Beschaffungsinitiative sollen Umweltgenehmigungen für Chipfabriken beschleunigt werden. Ein Eingeständnis, dass bürokratische Hürden Europas Halbleiter-Ambitionen bremsen. Doch schnellere Genehmigungen allein bringen wenig, wenn die Produkte am Ende niemand kauft.

Business Punk Check

Die EU betreibt Industriepolitik nach dem Motto: Wenn der Markt nicht will, zwingen wir ihn eben. Das mag kurzfristig europäischen Chip-Startups Luft verschaffen, löst aber das Grundproblem nicht – europäische Halbleiter sind schlicht nicht wettbewerbsfähig genug. Im Halbleiterbereich entfallen grob geschätzt rund 80–90 % der globalen Kapazitäten bzw. Marktanteile auf Asien (insbesondere Taiwan und Südkorea) und die USA. Die „Buy European“-Strategie erinnert fatal an protektionistische Reflexe vergangener Jahrzehnte.

Öffentliche Beschaffung als Subventionsersatz funktioniert nur, wenn die Produkte mittelfristig auch ohne Stützräder fahren können. Ansonsten züchtet Brüssel eine Zombie-Industrie heran, die nur von Behördenaufträgen lebt. Für Gründer in der Chip-Branche ist die Botschaft trotzdem klar: Wer jetzt nicht EU-Fördergelder und Behördenaufträge abgreift, ist selbst schuld. Die nächsten Jahre bieten eine historische Chance – danach wird abgerechnet, ob aus dem 120-Milliarden-Experiment echte Wettbewerbsfähigkeit wurde oder nur teure Alibifirmen. Die Wahrscheinlichkeit für Letzteres? Beunruhigend hoch.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Chips Act 1.0 und 2.0?

Der ursprüngliche Chips Act setzte auf Angebotsförderung durch Subventionen für Forschung und Produktion. Die Neuauflage fokussiert auf die Nachfrageseite: Behörden sollen gezielt europäische Halbleiter kaufen und so Startups zu ersten Kunden verhelfen. Ein Strategiewechsel von Gießkanne zu erzwungener Marktschaffung.

Warum ist die EU bei Halbleitern so schwach?

Europa produziert nur zehn Prozent der weltweiten Chips, während Asien und die USA gemeinsam den Großteil (rund 85–90 %) des weltweiten Halbleitermarkts auf sich vereinen. Gründe sind fehlende Skaleneffekte, hohe Produktionskosten, bürokratische Hürden und jahrzehntelange Vernachlässigung strategischer Technologieförderung. Mehrere geplante EU-Chipfabriken wurden trotz Milliarden-Subventionen bereits wieder abgesagt.

Wer profitiert vom Chips Act 2.0?

Primär europäische Halbleiter-Startups und Scale-ups, die durch garantierte Behördenaufträge erste Referenzkunden gewinnen. Auch etablierte Chipfirmen mit EU-Produktion könnten profitieren. Umweltgenehmigungen sollen beschleunigt werden, was Fabrikbauer entlastet. Ob Steuerzahler profitieren, hängt davon ab, ob die Firmen langfristig wettbewerbsfähig werden.

Welche Investitionssumme ist bis 2035 nötig?

Laut EU-Kommission benötigt die europäische Halbleiterindustrie bis 2035 öffentliche und private Investitionen von 120 Milliarden Euro, um im globalen Wettbewerb eine Chance zu haben. Diese Summe verdeutlicht, wie massiv der Rückstand Europas ist – und wie teuer der Aufholversuch wird.

Quellen: heise, Handelsblatt

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