Brand & Brilliance Siemens dreht an der Effizienz-Schraube – ohne Köpfe rollen zu lassen

Siemens dreht an der Effizienz-Schraube – ohne Köpfe rollen zu lassen

Mehrere Zehntausend Mitarbeiter betroffen, null Kündigungen geplant: Siemens wagt den Balanceakt zwischen Produktivitätssteigerung und Jobgarantie. Besonders die KI-Vorzeigesparte Digital Industries wird radikal vereinfacht.

Roland Busch hat ein Problem, das jeden Großkonzern-Chef kennt: Über Jahrzehnte gewachsene Parallelstrukturen, die mehr kosten als bringen. Kunden, die mit fünf verschiedenen Siemens-Ansprechpartnern jonglieren müssen. Daten, die nicht geteilt werden. Software, die schlecht genutzt wird. Die Lösung?

Ein Umbau, der laut WirtschaftsWoche „einer der größten der vergangenen Jahre“ werden soll – und der mindestens 20.000 der 87.000 deutschen Mitarbeiter betrifft. Weltweit bewegt Siemens rund ein Viertel aller 316.000 Stellen. Das Versprechen klingt fast zu gut: Effizienz steigern, ohne einen einzigen Job zu streichen.

Digital Industries: Aus vier mach zwei

Das Herzstück der Operation ist die Prestige-Sparte Digital Industries – jener Bereich, mit dem sich Siemens als Vorreiter für industrielle KI positionieren will. Hier werden Automatisierungs- und Softwarelösungen entwickelt, hier arbeitet seit vergangenem Jahr KI-Koryphäe Vasi Philomin, vormals bei Amazon Web Services. Die Sparte ist traditionell die margenstärkste im Konzern, hatte allerdings 2025 mit schwacher Nachfrage zu kämpfen.

Die Folge: 5.600 Stellen wurden weltweit abgebaut. Nun die Kehrtwende: Aus vier Geschäftseinheiten – Prozessautomatisierung, Fabrikautomatisierung, Motion Control und Software – werden zwei. Die drei Automatisierungsbereiche verschmelzen zur Einheit „Automation“, daneben bleibt die Software-Sparte mit digitalen Zwillingen und dem neuen KI-Agenten bestehen. Einfacher, schneller, schlagkräftiger – so das Mantra.

One Tech Company statt Silo-Wahnsinn

Busch will Siemens zur „One Tech Company“ machen. Was nach Marketing-Sprech klingt, hat handfeste Konsequenzen: horizontale Strukturen über alle Sparten hinweg. Ein gemeinsamer Vertrieb, eine gemeinsame Forschungsabteilung, vernetzte Teams in Finanzen, IT und Personal. Der Kunde soll künftig nur noch einen Ansprechpartner haben – egal ob er Gebäudetechnik von Smart Infrastructure oder Automatisierungslösungen von Digital Industries braucht. „Wir wissen zu oft nicht: Was macht Einheit A beim Kunden, was Einheit B?“, sagte Busch laut WirtschaftsWoche. Diese Ignoranz soll ein Ende haben.

Bis zum 1. Oktober will der CEO die Neuordnung durchziehen. Doch in der Belegschaft herrscht Verunsicherung. „Vielen ist noch nicht klar, was die ‚One Tech Company‘ konkret für sie bedeutet“, so die stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende Steffi Lengfelder. Zahlreichen Führungskräften droht der Verlust ihres „Chief“-Titels, wenn Strukturen zusammengelegt werden.

Business Punk Check

Siemens versucht den Spagat zwischen Wall-Street-Erwartungen und Betriebsratsversprechen. Investoren wollen von einem selbsternannten Tech-Konzern zweistelliges Wachstum sehen – Siemens peilt für 2026 sechs bis neun Prozent an. Die Zahlen stimmen zwar (Rekordgewinn 2025: 10,4 Milliarden Euro, Auftragsplus im zweiten Quartal: 18 Prozent), aber der Druck bleibt enorm. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt mit der KI-Offensive: Der „Eigen Engineering Agent„, präsentiert auf der Hannover Messe, soll autonom für die Industrie programmieren und Prozesse steuern. Anders als bei ChatGPT-Fehlern im Büroalltag können Halluzinationen in der Fabrik Menschenleben kosten.

Busch investiert 400 Millionen Euro jährlich in Weiterbildung – er wird es brauchen. Die IG Metall trägt den Umbau mit, solange kein Stellenabbau droht. Doch der Fall Evosoft zeigt die Grenzen: Bei der Nürnberger IT-Tochter verlieren bis zu 380 Beschäftigte ihren Job. Betriebsbedingte Kündigungen? Offiziell nicht, dank Standortsicherungsvertrag. Das Narrativ vom schmerzfreien Umbau bekommt erste Risse. Ob Busch seinen Effizienz-Balanceakt durchhält, ohne dass am Ende doch Köpfe rollen – das wird sich zeigen, wenn im Oktober die neue Struktur steht.

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Mitarbeiter sind vom Siemens-Umbau betroffen?

In Deutschland ändern sich für mindestens 20.000 der 87.000 Beschäftigten Titel, Zuständigkeit oder Zugehörigkeit. Weltweit bewegt Siemens rund ein Viertel aller 316.000 Stellen. Der Konzern verspricht jedoch, ohne Stellenabbau auszukommen.

Was ändert sich bei Digital Industries konkret?

Aus vier Geschäftseinheiten werden zwei: Die Bereiche Prozessautomatisierung, Fabrikautomatisierung und Motion Control verschmelzen zur Einheit „Automation“. Daneben bleibt die Software-Sparte mit digitalen Zwillingen und KI-Lösungen bestehen.

Warum baut Siemens jetzt um?

Siemens will Doppelstrukturen beseitigen, effizienter werden und sich als „One Tech Company“ positionieren. Kunden sollen künftig nur noch einen Ansprechpartner haben. Zudem treibt CEO Busch die Strategie voran, Vorreiter für industrielle KI zu werden.

Drohen trotz Jobgarantie Entlassungen?

Offiziell nicht. Die IG Metall trägt den Umbau nur unter der Bedingung mit, dass es keinen Stellenabbau gibt. Allerdings zeigt der Fall der IT-Tochter Evosoft, wo bis zu 380 Jobs wegfallen, dass Ausnahmen existieren – wenn auch unter Sozialplanregelungen.

Quellen: WirtschaftsWoche

Das könnte dich auch interessieren