Drive & Dreams München wird zum Testlabor für autonome Uber-Taxis

München wird zum Testlabor für autonome Uber-Taxis

Uber, Autobrains und Nvidia wollen München zur Robotaxi-Metropole machen – mit Kameras statt Lidar, KI-Agenten statt Datenbergen. Doch der Zeitplan ist so ambitioniert wie die Technik umstritten.

Während deutsche Autobauer noch immer Sicherheitsfahrer hinter ihre autonomen Prototypen setzen, prescht ausgerechnet ein israelisch-amerikanisches Konsortium vor: Uber und das KI-Unternehmen Autobrains kündigten auf der GTC in Taipeh an, München zur Launch-City für fahrerlose Robotaxis zu machen. Ab Frühsommer 2027 sollen die ersten komplett autonomen Fahrzeuge der Stufe 4 durch die bayerische Landeshauptstadt rollen – jedenfalls, wenn alles nach Plan läuft. Der Clou: Autobrains verzichtet auf die hochauflösenden Lidarsensoren, mit denen etwa die Google-Tochter Waymo ihre Flotte aufrüstet.

Stattdessen setzt Gründer Igal Raichelgauz auf reine Kamerasysteme und eine radikal andere KI-Architektur. „Das Auto hat bereits bei seiner ersten Fahrt durch München keinen Eingriff vom Sicherheitsfahrer benötigt“, behauptet er laut Welt. Ob das deutsche Regulierer überzeugt, bleibt offen – Radarsensoren könnten als zusätzliche Sicherheitsstufe noch Pflicht werden.

Agentic AI statt Datenberge

Während Waymo aus Millionen Datenpunkten lernt, zerlegt Autobrains die Fahraufgabe in spezialisierte Software-Agenten: Ein Agent überwacht Vorfahrtsregeln, ein anderer registriert Fußgänger, weitere steuern Spurwechsel. Ein übergeordnetes System synchronisiert diese Module in Echtzeit. Der Vorteil: deutlich weniger Rechenkapazität, günstigere Nvidia-Chips, keine teuren HD-Karten – Satellitenbilder reichen laut Autobrains aus.

Das Konzept ist radikal OEM-agnostisch. Jedes Elektroauto mit elektronischer Lenkung kann theoretisch zur Robotaxi-Plattform werden – BMW, VW, Mercedes inklusive. Für Autobauer klingt das verlockend: Statt eigene Milliarden in autonome Systeme zu pumpen, könnten sie ihre Flotten einfach ins Uber-Netzwerk einspeisen. Welche Marke in München tatsächlich zum Zug kommt, bleibt allerdings offen.

Doppelspitze München

Pikanterweise ist Autobrains nicht Ubers einziger Partner in der Region: Parallel testet der Fahrdienstriese bereits mit dem chinesischen Anbieter Momenta autonome Fahrzeuge. München wird so zum Experimentierfeld konkurrierender Technologien – ein strategisches Doppelspiel, das Uber maximale Flexibilität verschafft. Die Standortwahl hat System: Deutschlands Gesetz zum autonomen Fahren erlaubt fahrerlosen Betrieb in festgelegten Geschäftsbereichen. München bietet dichte urbane Infrastruktur, Nähe zu Automobilkonzernen und ein regulatorisches Umfeld, das laut Raichelgauz „weltweit für ein hohes Sicherheits- und Regulierungsniveau bekannt“ ist. Die Stadt genehmigt zunächst Fahrten auf 40 Prozent der Stadtfläche bei bis zu 110 km/h.

Bis Ende 2028 will Autobrains in 20 europäischen Städten aktiv sein. Parallel läuft ein Test im chaotischen Verkehr von Hanoi. Das Budget: 140 Millionen Dollar Risikokapital – ein Hundertstel dessen, was in Waymo geflossen ist. Hinter Autobrains stehen BMW, Toyota, Continental, Knorr-Bremse und Ex-Opel-Chef Karl-Thomas Neumann als Aufsichtsratschef.

Business Punk Check

Klingt gut auf dem Papier. Aber: VW-Tochter Moia testet seit Mitte 2025 in Hamburg und braucht immer noch Sicherheitsfahrer. Waymo arbeitete Jahre an der Expansion. Und Autobrains will mit 100 Mitarbeitern schaffen, wofür Tech-Giganten Milliarden verbrennen? Die KI-Architektur ist cleverer als Waymos Datenhammer – keine Frage. Doch der Verzicht auf Lidar bleibt Glaubenssache.

Tesla verspricht seit Jahren kamerabasierte Robotaxis, Elon Musk verschiebt jede Deadline. Raichelgauz‘ Zeitplan ist so ambitioniert, dass selbst optimistische Beobachter skeptisch werden sollten. Die wahre Nagelprobe kommt, wenn deutsche Behörden grünes Licht für fahrerlosen Betrieb geben müssen – oder eben nicht. Bis dahin bleibt München Versuchslabor, nicht Vorreiter. Und die wichtigste Frage: Wer haftet eigentlich, wenn die KI-Agenten falsch entscheiden?

Häufig gestellte Fragen

Wann starten die Robotaxis in München?

Ein erstes Fahrzeug mit Sicherheitsfahrer fährt bereits. Komplett fahrerloser Betrieb ist ab Frühsommer 2027 für alle Uber-Nutzer geplant – unter Vorbehalt behördlicher Genehmigungen. Der Zeitplan gilt als sehr ambitioniert.

Welche Technologie nutzt Autobrains?

Anders als Waymo verzichtet Autobrains auf Lidar und setzt nur auf Kameras. Die sogenannte Agentic AI nutzt spezialisierte Software-Agenten statt Ende-zu-Ende-Modellen. Das spart Rechenkapazität und Kosten, ist aber umstritten.

Welche Fahrzeugmarken werden eingesetzt?

Das bleibt offen. Autobrains wirbt mit OEM-Agnostik – prinzipiell funktioniert die Technik in jedem Elektroauto mit elektronischer Lenkung. Firmenmaterial zeigt VW und Ford, in Vietnam kooperiert man mit Vinfast.

Wie unterscheidet sich das von anderen Robotaxi-Projekten?

Waymo nutzt speziell entwickelte Fahrzeuge mit Lidar und HD-Karten. Autobrains integriert sich in Serienfahrzeuge, arbeitet mit Satellitenbildern und hat ein Hundertstel des Budgets. Ob das Konzept aufgeht, muss sich zeigen.

Quellen: t3n, Trending Topics, Welt

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