Business & Beyond Die SEO-Millionäre: Wie zwei Brüder Deutschlands Druckmarkt eroberten

Die SEO-Millionäre: Wie zwei Brüder Deutschlands Druckmarkt eroberten

Während heute jeder Gründer auf LinkedIn Reichweite jagt, machten Johannes und Samuel Voetter genau das Gegenteil. Sie blieben bewusst weitgehend im Hintergrund, bauten stattdessen eine stark sichtbare Unternehmensmarke auf – und wurden Marktführer.

Mit einem Netzwerk statt Maschinen, SEO statt Werbebudget und einer fast schon kompromisslosen Fokussierung auf ihre Unternehmensmarke bauten die Brüder WIRmachenDRUCK zum Marktführer auf. Die vielleicht ungewöhnlichste Mittelstandsgeschichte Deutschlands begann dabei mit einem Deal, den heute kaum ein Gründer unterschreiben würde.

50.000 Euro für ein Viertel der Firma

2008 wollten Johannes und Samuel Voetter unbedingt Unternehmer werden. Das Problem: Sie hatten weder Geld noch Maschinen noch die Millionen, die man damals für eine große Druckerei brauchte. Ein Unternehmer aus Norddeutschland gab ihnen schließlich 50.000 Euro – allerdings gegen satte 25 Prozent Firmenanteile. Aus heutiger Startup-Sicht ein brutaler Deal. Für die Brüder war es die einzige Chance. Also unterschrieben sie. Rückblickend war genau dieser Mangel an Kapital einer ihrer größten Vorteile. Denn er zwang sie dazu, nicht wie alle anderen zu denken.

Der Trick: Keine Druckerei besitzen

Während die Konkurrenz Millionen in Maschinenparks investierte, bauten die Voetters etwas völlig anderes auf. Sie schufen ein deutschlandweites Netzwerk unabhängiger Druckereien und bündelten deren Kapazitäten unter einer einzigen Marke. Kunden kauften bei WIRmachenDRUCK. Produziert wurde überall. Das Unternehmen besaß nicht die Fabriken, sondern die Organisation. Heute würde man das Asset-Light-Strategie oder Plattformmodell nennen. Damals hielten viele Branchenkenner die Idee für verrückt. Die Brüder gingen damit einen Weg, den es in der Druckbranche praktisch nicht gab. Statt ihr Angebot an den eigenen Maschinenpark anzupassen, konnten sie nahezu jeden Auftrag annehmen – von der Kleinauflage bis zur Millionenproduktion. Was zunächst wie eine Notlösung aussah, entwickelte sich zu einem Wettbewerbsvorteil, den viele Konkurrenten nie aufholen konnten. Heute sind die Rollen teilweise sogar vertauscht. Die Brüder, die einst als Quereinsteiger belächelt wurden, gelten inzwischen als Berater ihrer Partner. Wenn Johannes Voetter heute eine Druckerei besucht, wird er regelmäßig um Rat gefragt.

Vom Staatsschutz in die Druckbranche

Noch ungewöhnlicher als das Geschäftsmodell waren die Gründer selbst. Johannes Voetter gab eine vielversprechende Karriere bei der Deutschen Telekom auf. Samuel Voetter arbeitete beim Landeskriminalamt, im Staatsschutz und in der Terrorismusbekämpfung. Druckexperten waren beide nicht. Vielleicht war genau das ihr Vorteil. Sie dachten nicht wie die Branche. Während etablierte Anbieter in Maschinen investierten, investierten sie in Prozesse, Netzwerke und Technologie.

Die Macht der Unsichtbarkeit

Der vielleicht spannendste Teil ihrer Geschichte beginnt dort, wo die meisten Gründer heute starten würden: bei der Sichtbarkeit. Die Voetters wollten gerade nicht sichtbar sein. Sie veröffentlichten keine Zahlen, gaben kaum Interviews und stellten ihr Unternehmen häufig kleiner dar, als es tatsächlich war. Die Strategie dahinter war einfach: Wer nicht als Bedrohung wahrgenommen wird, wird seltener kopiert. Während Wettbewerber sich gegenseitig beobachteten, arbeiteten die Brüder im Schatten an ihrem Wachstum. Als viele bemerkten, was entstanden war, war WIRmachenDRUCK bereits Marktführer. Zur Strategie gehörte auch die Wahl der Zielgruppe. Statt direkt den Endkundenmarkt anzugreifen, konzentrierten sich die Brüder auf Geschäftskunden, Wiederverkäufer und Reseller. So konnten sie wachsen, ohne frontal gegen die großen Marktteilnehmer anzutreten – und ohne sofort kopiert zu werden. Die Partner brachten ihre eigenen Kunden mit, während WIRmachenDRUCK im Hintergrund die Infrastruktur lieferte.

Google statt Glamour

Wer kein Geld für Werbung hat, muss kreativ werden. Die Voetters verstanden früh etwas, das viele Unternehmer bis heute nicht verstehen: Google ist kein Marketingkanal, sondern ein Vertriebskanal. Sie perfektionierten Suchmaschinenoptimierung zu einer Zeit, als viele Unternehmen SEO noch belächelten. Für Suchbegriffe wie „Druckerei“, „Online-Druckerei“ oder „Flyer“ landeten sie auf den vordersten Plätzen. Jeder Klick brachte Kunden. Jeder Klick sparte Werbegeld. Millionenbeträge, die sonst in Anzeigen geflossen wären, konnten stattdessen ins Wachstum investiert werden. Doch Google war nicht der einzige Wachstumshebel. Die Voetters entwickelten früh ein Empfehlungsprogramm, das seiner Zeit weit voraus war. Treue Kunden erhielten persönliche Gutschein-Codes, mit denen sie neue Kunden werben konnten und dauerhaft an deren Umsätzen beteiligt wurden. Heute würde man von Influencer-Marketing oder Affiliate-Programmen sprechen. Die Brüder nannten es schlicht Weiterempfehlung. Das System läuft bis heute und entwickelte sich zu einem zusätzlichen Vertriebsmotor.

Keine Personenmarke, sondern eine Unternehmensmarke

Heute wird Gründern oft geraten, selbst zur Marke zu werden. Die Voetters gingen den entgegengesetzten Weg. Kaum jemand kannte ihre Namen. Fast jeder kannte WIRmachenDRUCK. Sie machten nie sich selbst zum Produkt. Sie machten ihre Firma zum Produkt. Sogar die Domain wurde Teil der Marke. WIRmachenDRUCK.de war nicht einfach eine Internetadresse, sondern ein strategisches Statement. Sichtbarkeit sollte der Marke gehören – nicht den Gründern.Das war keine zufällige Entwicklung, sondern eine bewusste Entscheidung. In einer Branche, in der Kunden Druckprodukte kaufen und nicht Persönlichkeiten folgen, erschien ihnen eine starke Unternehmensmarke deutlich sinnvoller als eine Personenmarke. Während andere Unternehmer ihre eigene Bekanntheit steigerten, investierten die Brüder jeden verfügbaren Euro in die Bekanntheit ihres Unternehmens.

Vier Brüder, ein Wertekompass

Hinter dem wirtschaftlichen Erfolg steckt eine Geschichte, die im Startup-Zirkus fast altmodisch wirkt. Die Voetters stammen aus einfachen Verhältnissen, wuchsen mit vier Brüdern auf dem Land auf und sprechen bis heute von Freundschaft, Loyalität, Vertrauen und Demut als den wichtigsten Erfolgsfaktoren. Ihr christlicher Glaube spielt dabei eine zentrale Rolle. In einer Welt, die oft von Selbstoptimierung und kurzfristigen Erfolgen geprägt ist, setzen sie auf langfristige Beziehungen, Verlässlichkeit und Zusammenhalt. Für die Brüder war Unternehmertum nie nur eine Frage von Wachstum, Umsatz oder Marktanteilen. Entscheidend war immer auch die Frage, wie man Menschen behandelt, mit wem man Geschäfte macht und ob man die eigenen Werte selbst in schwierigen Phasen beibehält. Gerade in Krisenzeiten wurde dieser Wertekompass zum entscheidenden Stabilitätsfaktor.

Aus der Druckerei wurde eine Plattform

Der Erfolg blieb nicht bei WIRmachenDRUCK stehen. Aus dem Unternehmen entstand die PrintBrothers-Gruppe, zu der heute zahlreiche Unternehmen der Druck- und Werbemittelbranche gehören. Die Gruppe betreibt mehrere Druckereien, beschäftigt mehrere tausend Mitarbeiter und zählt zu den führenden Anbietern ihrer Branche in Europa. Doch die Gründer denken längst nicht ans Verwalten. Die nächste Etappe ist bereits definiert: Bis 2029 soll der Umsatz der PrintBrothers-Gruppe auf eine Milliarde Euro steigen. Für Unternehmer, die einst mit 50.000 Euro Startkapital und ohne eigene Maschinen begonnen haben, ist das ein bemerkenswertes Ziel.

Die eigentliche Lektion

Die Geschichte von Johannes und Samuel Voetter widerlegt nicht die Bedeutung von Sichtbarkeit. Sie zeigt vielmehr, dass Sichtbarkeit viele Gesichter hat. Manche Unternehmer bauen eine Personenmarke auf. Andere bauen eine Unternehmensmarke auf. Die Voetter-Brüder entschieden sich konsequent für den zweiten Weg – und schufen damit eines der erfolgreichsten Unternehmen ihrer Branche. Während heute viele Gründer versuchen, berühmt zu werden, versuchten sie jahrelang, übersehen zu werden. Genau das machte sie gefährlich. Genau das machte sie erfolgreich.

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