Business & Beyond Kapitalrente, höhere Altersgrenze, Minijob-Aus: Warum Millionen bei der Rente neu rechnen müssen

Kapitalrente, höhere Altersgrenze, Minijob-Aus: Warum Millionen bei der Rente neu rechnen müssen

Die Rentenkommission krempelt Deutschlands Alterssicherung radikal um. Die Rentenkommission schlägt vor, ab 2032 das Renteneintrittsalter automatisch mit der Lebenserwartung zu koppeln – bis zur Rente mit 70 in den 2090ern. Wer heute 32 Jahre alt ist, müsste nach diesem Modell bis 68,5 arbeiten.

Die Bundesregierung verkauft es als großen Wurf, dabei ist es ein schleichender Abschied vom Ruhestand, wie ihn Generationen vor uns kannten. Ab 2032 soll Deutschland nach den Kommissionsvorschlägen das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln. Die Formel: Steigt die Lebenserwartung um ein Jahr, arbeiten Beschäftigte acht Monate länger – zwei Drittel der zusätzlichen Lebenszeit.

Alle zehn Jahre verschiebt sich die Altersgrenze um weitere sechs Monate nach hinten. Wer heute vier Jahre alt ist, geht erst mit 70 in Rente. Eine Expertenkommission präsentiert ihre Vorschläge am Dienstag im Kanzleramt – Bundeskanzler Olaf Scholz und Arbeitsminister Hubertus Heil haben die Vorschläge entgegengenommen.

Wer wie lange arbeiten muss – der Generationen-Fahrplan

Die Rechnung ist einfach: Je jünger, desto länger im Job. Wer heute 62 Jahre alt ist, schafft es noch mit 67 Jahren in den Ruhestand. Für 51-Jährige gilt bereits die Grenze von 67,5 Jahren. 42-Jährige müssen bis 68 durchhalten, 32-Jährige bis 68,5. Wer gerade 23 ist, arbeitet bis 69.

Und Kinder, die heute 13 Jahre alt sind, erreichen die Rente erst mit 69,5 Jahren. Der Jahrgang 2022 – aktuell vier Jahre alt – wird als erster die magische Grenze von 70 Jahren knacken. Die Begründung der Kommission: 1986 bezogen Deutsche im Schnitt 13,4 Jahre Rente, heute sind es 20,7 Jahre. Das System sei nicht mehr finanzierbar.

Merkels Rente mit 63 fliegt raus

Die 2014 von Angela Merkel und Andrea Nahles eingeführte abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren soll laut den Kommissionsvorschlägen komplett gestrichen werden. Bislang durften Beschäftigte mit 45 Versicherungsjahren zwei Jahre früher ohne Abzüge in den Ruhestand. Diese Regelung endet.

Stattdessen soll der Zugang zur Erwerbsminderungsrente für körperlich hart arbeitende Menschen erleichtert werden. Ein Fliesenleger mit kaputten Knien muss künftig nicht mehr nach einem Bürojob suchen, sondern kann direkt in die Erwerbsminderungsrente wechseln. Wer trotzdem früher raus will, zahlt: Pro Monat vorgezogener Rente werden 0,3 Prozent abgezogen – bei zwei Jahren sind das 7,2 Prozent weniger Rente.

Kapitalrente soll Rentenniveau auf 50 Prozent hieven

Das aktuelle Rentenniveau liegt bei 48 Prozent – wer 45 Jahre Durchschnittslohn verdient hat, bekommt 48 Prozent des aktuellen Durchschnittslohns als Rente. Ohne Reform würde dieser Wert bis 2040 auf etwa 46 bis 47 Prozent sinken. Die Kommission steuert mit einer Kapitalrente dagegen: Ab 2028 soll nach dem Vorschlag ein Prozent des Bruttolohns in Aktienanlagen fließen (je 0,5 Prozent Arbeitnehmer und Arbeitgeber), später steigt der Beitrag auf zwei Prozent.

Vorbild ist Schweden, das seit Jahren Rentenbeiträge am Kapitalmarkt anlegt. Parallel wird der Nachhaltigkeitsfaktor wieder aktiviert, der Rentensteigerungen an die Zahl der Beitragszahler koppelt – das dämpft künftige Rentenerhöhungen. Das Ziel: Ab 2040 soll das Gesamtniveau aus Umlage- und Kapitalrente bei 50 Prozent liegen.

Minijobs weg, Abgeordnete rein

Die Kommission will Minijobs weitgehend abschaffen und durch reguläre sozialversicherungspflichtige Jobs ersetzen. Für Schüler sollen Ausnahmen gelten. Alle anderen müssen in reguläre Jobs mit Renteneinzahlung wechseln.

Ziel ist die Bekämpfung von Altersarmut bei Frauen, die oft jahrzehntelang nur im Minijob arbeiten. Gleichzeitig soll der Kreis der Einzahler erweitert werden: Bundestagsabgeordnete, Landtagsabgeordnete, Selbstständige und Vorstände von Aktiengesellschaften sollen künftig in die Rentenkasse einzahlen. Beamte bleiben vorerst außen vor.

Business Punk Check

Die Rentenkommission verkauft demografische Notwendigkeit als Reform – dabei ist es schlicht Arbeitszeitverlängerung durch die Hintertür. Die Koppelung an die Lebenserwartung klingt fair, verschleiert aber: Nicht jeder profitiert gleich von steigender Lebenserwartung. Wer körperlich hart arbeitet, stirbt statistisch früher als Akademiker – zahlt aber genauso lange ein. Die Kapitalrente ist der einzige echte Reformansatz, doch das Risiko trägt am Ende der Einzahler. Schweden zeigt: Das Modell funktioniert bei stabilen Märkten. Was passiert bei einem Börsencrash kurz vor Renteneintritt?

Die Abschaffung der Rente mit 63 trifft vor allem Handwerker und Industriearbeiter – ausgerechnet jene, die das System jahrzehntelang finanziert haben. Die erleichterte Erwerbsminderungsrente ist ein Trostpflaster, mehr nicht. Und die Minijob-Abschaffung? Gut gemeint, aber realitätsfern. Viele Frauen arbeiten im Minijob, weil Kinderbetreuung fehlt – nicht aus Bequemlichkeit. Ohne flächendeckende Kitas wird das Problem zur Schwarzarbeit verlagert. Die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet: Warum zahlen Beamte weiterhin nicht ein? Weil politischer Mut an der eigenen Altersversorgung endet.

Quellen: Stern, Bild

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