Business & Beyond Chinas Robotaxis auf Pole: Autonome Machtverschiebung

Chinas Robotaxis auf Pole: Autonome Machtverschiebung

Das Rennen um autonome Fahrdienste bekommt plötzlich eine neue Dynamik. Ein neues Ranking zeigt: Nicht Waymo, sondern Baidu setzt aktuell die Maßstäbe im Robotaxi-Markt.

Lange war die Debatte über autonomes Fahren vor allem von Visionen, Versprechen und milliardenschweren Investments geprägt. Jetzt liefert ein neuer Index erstmals einen datenbasierten Echtzeitvergleich – mit überraschenden Ergebnissen.

Chinas Robotaxi-Offensive setzt die Konkurrenz unter Druck

Vor rund zehn Jahren war das vermeintliche Rennen um das autonome Fahren vor allem eines: viel Hype, wenig belastbare Vergleichbarkeit. Jeder Hersteller reklamierte die Führungsrolle für sich, doch objektive Messgrößen fehlten. Genau diese Lücke will das Beratungs- und Forschungsstartup Autnmy AI nun schließen. Das Unternehmen hat eine Plattform entwickelt, die mithilfe generativer KI autonome Mobilitätsanbieter analysiert und in Echtzeit bewertet. Die neue Rangliste namens „Road to Autonomy Index“ greift dabei auf öffentliche Datenquellen zurück – von Bundes- und Staatsberichten über SEC-Dokumente bis hin zu Börseninformationen. Bewertet werden unter anderem operative Leistung, Skalierung, Umsätze, Partnerschaften, Fertigungskapazitäten und Sicherheitsdaten. Die Ergebnisse werden alle zwölf Stunden aktualisiert. Neben Robotaxis gibt es eigene Rankings für autonome Lkw, Lieferroboter und Unternehmen mit Fahrdienst-Lizenzen.

Baidu schlägt Waymo

Die erste große Überraschung: An der Spitze des Robotaxi-Rankings steht nicht Waymo. Platz eins belegt aktuell Baidu mit seinem Apollo-Go-Programm. Dahinter folgt Waymo auf Rang zwei, gefolgt von den ebenfalls chinesischen Unternehmen Pony.ai und WeRide. Tesla landet lediglich auf Platz fünf. Für Autnmy-AI-Mitgründer Rob Grant ist das kein Zufall. Besonders auffällig sei gewesen, wie stark chinesische Unternehmen in mehreren Kategorien abschneiden. Die globale Perspektive des Rankings offenbare Entwicklungen, die in westlichen Debatten oft unterschätzt würden.

Texas wird zum Robotaxi-Schlachtfeld

Während China im Ranking punktet, wächst in Texas die Zahl autonomer Fahrzeuge rasant. Der Texas Automated Vehicle Tracker zeigt, dass Tesla, Waymo und Zoox ihre Flotten deutlich ausbauen. Waymo erhöhte die Zahl registrierter autonomer Fahrzeuge seit Ende Mai von 577 auf 620 – ein Plus von rund 7,5 Prozent innerhalb weniger Wochen. Tesla legte sogar deutlich stärker zu und steigerte seine registrierte Flotte von 42 auf 69 Fahrzeuge. Zoox wuchs von 35 auf 43 Fahrzeuge. Dabei gilt allerdings: Nicht jedes registrierte Fahrzeug darf bereits kommerziell eingesetzt werden. Zoox benötigt weiterhin eine bundesweite Ausnahmegenehmigung, bevor zahlende Kunden transportiert werden dürfen. Stabil bleiben dagegen Avride mit 317 Fahrzeugen, Nuro mit 47 sowie Volkswagens Tochter MOIA mit zwölf Fahrzeugen.

Frisches Kapital und neue Partnerschaften

Auch auf der Unternehmensseite bleibt die Branche in Bewegung. Das Logistikunternehmen Cargofy sammelte in einer Series-A-Runde 11 Millionen US-Dollar ein. Zu den Investoren gehören unter anderem u.ventures, Toloka und Movens Capital. Der singapurische Online-Autohändler Carro übernimmt die australische Gebrauchtwagenplattform CarPlace. Finanzielle Details wurden nicht veröffentlicht. Der autonome Lkw-Spezialist Gatik hat eine mehrjährige Partnerschaft mit PepsiCo geschlossen. Die Unternehmen arbeiten bereits in Arkansas, Arizona und Texas zusammen, wo fahrerlose Lkw des Startups für den Lebensmittel- und Getränkekonzern unterwegs sind. QuantumScape wiederum kooperiert mit Honda bei der Entwicklung von Feststoffbatterien. Gleichzeitig schmieden Stellantis, das britische KI-Startup Wayve und Uber eine Allianz, um künftig gemeinsam Robotaxis auf die Straße zu bringen. Auch im Bereich Robotikdaten fließt frisches Geld: Das Startup XDOF sicherte sich 70 Millionen US-Dollar von Investoren wie Thrive Capital, Spark Capital, Andreessen Horowitz, Lux und WndrCo.

Crash in Dallas sorgt für Fragen

Ein auf Reddit veröffentlichtes Video sorgte zuletzt für Aufmerksamkeit. Zu sehen ist ein Fahrer, der ein Stoppschild missachtet und mit einem autonomen Fahrzeug kollidiert. TechCrunch bestätigte, dass es sich um ein Avride-Robotaxi handelte, das über die Uber-App gebucht worden war. Verletzte gab es nach Unternehmensangaben nicht. Avride untersucht den Vorfall derzeit und wertet die Fahrzeugdaten aus. Details darüber, wie das autonome System und der menschliche Sicherheitsfahrer reagierten, will das Unternehmen erst nach Abschluss der Untersuchung veröffentlichen.

Tesla-Fahrer tricksen Sicherheitsfunktionen aus

In China haben Tesla-Besitzer offenbar einen simplen Weg gefunden, die Überwachung der Fahreraufmerksamkeit auszutricksen. Kleine Kunststoffköpfe werden vor die Kamera gesetzt und täuschen dem System vor, der Fahrer würde weiterhin aufmerksam auf die Straße schauen. Parallel dazu tauchte in sozialen Netzwerken ein Tesla mit einer offiziellen Limousinen-Genehmigung für San Francisco und den Flughafen SFO auf. Spekulationen über autonome Fahrdienste wurden jedoch schnell gebremst. Nach Angaben des Flughafens handelt es sich um eine klassische Limousinenlizenz mit menschlichem Fahrer. Eine Genehmigung für autonome Fahrten besitzt Tesla dort nicht.

Mobileye will selbst Robotaxi-Betreiber werden

Auch Mobileye denkt größer. Das Unternehmen, bislang vor allem als Technologieanbieter bekannt, plant für 2027 einen eigenen Robotaxi-Service in einer bislang nicht genannten US-Stadt. Mobileye-Gründer Amnon Shashua hatte bereits vor Jahren argumentiert, dass Robotaxis der entscheidende Schritt seien, um vollautonome Mobilität für Privatfahrzeuge überhaupt möglich zu machen. Uber verfolgt ähnliche Pläne. Gemeinsam mit Lucid und Nuro soll bis Mitte 2027 ein Premium-Robotaxi-Dienst in Houston starten. Die texanische Metropole wird damit zum zweiten US-Markt dieser Partnerschaft.

Waymo kämpft mit Baustellen-Problem

Selbst der Branchenprimus Waymo bleibt nicht von Rückschlägen verschont. Das Unternehmen musste seine knapp 4.000 Robotaxis zurückrufen, nachdem Fahrzeuge wiederholt in für Bauarbeiten gesperrte Autobahnabschnitte gefahren waren. Waymo hatte seine Fahrzeuge bereits Wochen zuvor von Autobahnen genommen und mindestens 13 entsprechende Vorfälle identifiziert. Besonders bemerkenswert: Die notwendige Softwarekorrektur befindet sich laut Unternehmen noch in Entwicklung. Das Problem ist also keineswegs gelöst.

Das neue Kräfteverhältnis

Der neue Robotaxi-Index zeichnet ein klares Bild: Das autonome Fahren ist längst kein rein amerikanisches Zukunftsprojekt mehr. Während Waymo, Tesla und Co. weiter expandieren, schieben sich chinesische Anbieter mit hoher Geschwindigkeit an die Spitze. Das Rennen ist offen – aber erstmals sprechen die Daten eine deutlichere Sprache als die Marketingabteilungen.

Das könnte dich auch interessieren