Business & Beyond Die Startbahn von Tivat

Die Startbahn von Tivat

Ein Flugzeug aus Belgrad, 87 Männer mit Vorstrafen, zwei Tage vor dem EU-Gipfel. Die Szene erzählt alles über das Land, das gerade an Europas Tür klopft. Und über den mächtigsten Mann darin, der genau jetzt schwieg.

Am Morgen des 3. Juni rollt eine Chartermaschine der Air Serbia nicht zum Terminal. Sie wird auf dem Rollfeld von Tivat festgehalten, Stunde um Stunde, während die montenegrinische Polizei und der Nachrichtendienst ANB die 87 Passagiere durchgehen. Fast alle haben Vorstrafen. Eine Schweizer Zeitung schreibt später, die Liste lese sich wie das Who is Who der Belgrader Unterwelt: verurteilte Schläger, Türsteher, ein wegen versuchten Mordes Verurteilter.

Im Gepäck: ein Transparent mit der Aufschrift „Srbija pobeđuje“, „Serbien siegt“, der Schlachtruf von Präsident Aleksandar Vučić. Dazu ein Fernkommunikationsgerät und eine Schiffsfunkstation. Draußen warten zwei Busse mit serbischen Kennzeichen. Die Dienste ziehen einen nüchternen Schluss: ein Vorauskommando, das Vučić beim Gipfel informell „absichern“ sollte. Vor 16 Uhr sitzen die Männer wieder in derselben Maschine zurück nach Belgrad. Zwei Tage später landen in genau diesem Tivat die Spitzen Europas zum EU-Westbalkan-Gipfel.

Belgrad reagiert, wie Belgrad reagiert: mit Vergeltung. Montenegrinische Bürger werden am Flughafen schikaniert, an der Grenze stauen sich kilometerlange Schlangen, der Geheimdienst BIA warnt, Vučić solle besser nicht reisen, sein Leben sei in Gefahr. Er reist trotzdem. Ein Land hatte ein Flugzeug zurückgeschickt, das andere nahm dafür die halbe Region in Geiselhaft.

Bemerkenswert ist das alles. Das eigentlich Bemerkenswerte aber ist eine Stille.

Der Mann, der nichts sagte

Andrija Mandić ist der mächtigste Politiker Montenegros: Parlamentspräsident, Chef der größten serbisch geprägten Kraft, seit Jahren Vučićs zuverlässigster Mann in Podgorica. Wenn irgendwer in dieser Affäre etwas zu sagen hatte, dann er. Er sagte nichts. Nicht an dem Tag, nicht danach. Eine montenegrinische Zeitung fragte halb spöttisch: Wo ist eigentlich Andrija Mandić?

Andere redeten. Ein Regierungsabgeordneter lobte die Polizei, die Opposition attackierte Vučić, das Außenministerium wies den Vorwurf eines „hybriden Krieges“ zurück. Nur der Speaker, der Mann, dessen ganze Biografie an Belgrad hängt, stellte sich nicht hinter die eigene Polizei. Er wartete, bis die Sache vorbei war.

Das ist die ganze Geschichte in einer Szene. Mandić schreit nicht wie sein lauter Mitspieler Milan Knežević, den Vučić von Rednerpulten aus „Anführer des serbischen Volkes“ nennt. Mandić trägt ein europäisches Gesicht, gibt den Realisten, der sich angeblich für den Westen entscheidet, wenn der Moment es verlangt. Die Erzählung ist mit Geschick gebaut. Sie funktioniert, weil jüngere EU-Beamte nicht mehr wissen, wer wann welche Seite wählte. Seine offenbarten Präferenzen aber liegen offen: Mandićs Tradition blieb 1997 bei Milošević, war gegen die Unabhängigkeit 2006, gegen den NATO-Beitritt. Und Mandić selbst saß auf der Anklagebank im Prozess um den von russischen Diensten gestützten Putschversuch von 2016.

Milan Knežević
Milan Knežević

Ein kleines Land, ein großes Veto

Montenegro ist winzig. Weniger Einwohner als manche europäische Großstadt, marginale Wirtschaftskraft. In der EU ist davon nichts zu spüren. Bei allem, was im Rat Einstimmigkeit verlangt, Außenpolitik, Steuern, Vertragsänderungen, zählt die Stimme Podgoricas so viel wie die Berlins. Ein Land, ein Veto.

Diese Lektion hat Europa schon einmal teuer bezahlt: an Ungarn. Ein einziger Mitgliedstaat konnte Sanktionen verschleppen, Autokraten decken, sich Zugeständnisse abkaufen lassen. Ein Montenegro, geprägt von Mandićs Tradition, rhetorisch europäisch, strukturell auf Belgrad ausgerichtet, wäre kein netter Zuwachs. Es wäre ein neuer Vetospieler mit Belgrader Fernbedienung. Das Modell ist nicht die plumpe Machtübernahme, sondern die feine: Kontrolle über Innenministerium, Polizei und Geheimdienste, vorzeigbares Gesicht nach Brüssel. Für diese Variante ist das kleine Montenegro sogar geeigneter, als Ungarn es war. Kleiner Apparat, leicht zu führen, wenig Aufmerksamkeit.

Und nach dem Beitritt gibt es keine zweite Chance. Das einzige Disziplinierungsinstrument ist die Aussicht auf die Mitgliedschaft selbst. Ist der Preis vergeben, ist der Hebel weg.

Was gerade weggeworfen wird

Hier kommt ein Name ins Spiel, den Brüssel nur noch durch das Raster der Korruptionsakten sieht: Milo Đukanović. Ehrlich gesagt klebt an ihm der Geruch von Zigarettenschmuggel und Bereicherung, ein politisches Leben lang. Ermittlungen gab es, in Montenegro und im Ausland. Eine Verurteilung gab es nie. Was bleibt, ist das Land selbst.

Đukanović brach 1997 mit Milošević, als Montenegro klein und von serbischem Militär umstellt war. Mandićs Seite blieb bei Belgrad. 2006 führte er die Unabhängigkeit über die Schwelle, 2017 das Land in die NATO, gegen einen von Moskau gestützten Putschversuch, der ihn töten sollte. Den Euro führte Montenegro einseitig ein, lange vor jeder Mitgliedschaft. Drei Jahrzehnte Westbindung, geliefert von ihm und seiner Partei, oft dann, wenn die Wahl etwas kostete.

Seit 2023 ist er nicht mehr Parteichef, aus der ersten Reihe verschwunden. Es geht nicht um seine Rückkehr. Es geht um seine Partei, die DPS. Sie hat die Beitrittsarchitektur von innen gebaut, kennt jedes Kapitel, jede Brüsseler Beziehung. Diese Expertise lässt sich nicht improvisieren, und ihre Westbindung ist strukturell, nicht taktisch. Die Absurdität: Montenegro durchläuft die schwierigste Phase seines Beitritts ohne die einzige Kraft, die sie wirklich navigieren kann. Der Wunsch nach Europa sitzt in der Regierung. Das Können sitzt in der Opposition.

Das Fenster schließt sich 2027

Im Juni 2027 wird neu gewählt. Diese Wahl entscheidet, wer die folgenschwerste Phase des Beitritts steuert, vermutlich unwiderruflich. Im schlimmsten Fall wird Mandić stärkste Kraft und greift nach Innenministerium, Polizei und Diensten. Das ist kein Koalitionspartner, den man über Konditionalität managt. Das ist ein strukturelles Problem.

Seine Stärke wächst mit jedem Tag, an dem ihm in der Koalition kein proeuropäisches Gegengewicht gegenübersitzt, das seine Akte kennt und sich vom europäischen Kostüm nicht täuschen lässt. Genau das ist der Punkt: Man kontrolliert Mandić nicht aus Brüssel. Man kontrolliert ihn, indem man Leute neben ihn setzt, die 1997 und 2016 selbst durchlebt haben. Die gibt es. Sie sitzen in der DPS. Eine Koalition aus Spajićs Europäern und der DPS, jetzt gebildet, nicht nach der Wahl, wäre die Antwort. Lässt man sie draußen, verwandelt Mandić die Monate bis zum Urnengang in einen Hebel.

Deshalb wird der Vorschlag von Berlin aus argumentiert. Deutschland hat Gewicht über den Zeitplan, jetzt, und fast keines mehr, wenn die Architektur steht. Man sichert die Werte eines Landes, bevor der Vertrag unterschrieben ist. Danach teilt man mit ihm nur noch das Veto.

In Montenegro hat der Mann, der dieses Veto halten will, Anfang Juni gezeigt, auf wessen Seite er steht. Nicht durch ein Geständnis vor laufender Kamera. Durch ein Schweigen, das lauter war als jedes Wort.

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