Drive & Dreams Wir bauen die Brücke zwischen Mittelstand und Weltkonzern

Wir bauen die Brücke zwischen Mittelstand und Weltkonzern

Christina Puello (Deutsche Dienstrad) im Gespräch über die Technologiepartnerschaft mit Bosch eBike Systems – und über den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Berlin. Ich bin gerade aus den USA zurück und treffe Christina Puello mitten in Berlin zum persönlichen Gespräch. Die Geschäftsführerin von Deutsche Dienstrad und Präsidentin des Verbands der Unternehmerinnen in Deutschland (VdU) hat soeben gemeinsam mit Bosch eBike Systems eine strategische Technologiepartnerschaft verkündet. Der Fall ist ein Paradebeispiel dafür, dass tiefer, großer Mittelstand und ein Weltkonzern wie Bosch auf Augenhöhe zusammen agieren können. Ein Gespräch über den Start in ein neues Zeitalter, über Familientradition mit Tempo und über einen Standort, dem Christina Puello klare Worte nicht erspart.

Christina, Deutsche Dienstrad und Bosch eBike Systems starten eine Technologiepartnerschaft. Du selbst sprichst vom „Start in ein neues Zeitalter“. Was genau passiert da und warum tragen ausgerechnet ein Großkonzern und ein Mittelständler diese Geschichte gemeinsam?

Christina Puello: Es passiert genau das, wofür dieser Wirtschaftsstandort eigentlich stehen sollte: Ein Weltkonzern und ein Mittelständler legen ihre Stärken zusammen, statt nebeneinanderher zu arbeiten. Bosch bringt die Hardware und die vernetzte eBike-Plattform mit; also industrielle Exzellenz, Tiefe und Produktionskraft in Weltklasse. Wir bei Deutsche Dienstrad bringen die digitale Leasing-Infrastruktur, die Marktnähe und das Tempo eines Mittelständlers, der Entscheidungen nicht durch viele Gremien schickt, sondern trifft.

Konkret führen wir erstmals zwei digitale Ökosysteme zusammen: die Connected Biking Plattform von Bosch und unsere Leasing-Plattform. Das Herzstück ist ein intelligenter Datenaustausch zwischen dem smarten Bosch-System im Rad und unserer Plattform. Daraus entsteht mit „Dienstrad Connect“ ein leasingfähiges Servicepaket, das das Dienstrad über den gesamten Zyklus vernetzt: von der ersten Fahrt über die Nutzung bis zur Rückgabe.

Und warum Konzern und Mittelstand gemeinsam? Weil keiner von beiden das allein könnte. Der Konzern hat die Skalierung, der Mittelstand hat die Geschwindigkeit und die Nähe zum Nutzer. Wenn Sie diese beiden Welten richtig verzahnen, entsteht etwas, das größer ist als die Summe der Teile. Genau deshalb ist es für mich kein gewöhnlicher Geschäftsabschluss, sondern tatsächlich der Start in ein neues Zeitalter der betrieblichen Mobilität.

Du nennst die Kooperation ein Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Was sollte dieses Land aus einer solchen Partnerschaft lernen?

Christina Puello: Dass die Antwort auf unsere wirtschaftlichen Probleme nicht im Ausland liegt, sondern in unserer eigenen Stärke. Deutschland wird gerne schlechtgeredet, und ja, es gibt vieles zu kritisieren. Aber wir haben einen echten USP, um den uns die Welt beneidet: einen tiefen, hochspezialisierten Mittelstand, der auf die Kompetenz, die Exzellenz und die höchste Produktionstiefe unserer Konzerne und Großbetriebe trifft. Genau diese Kombination ist es, die uns ins digitale Zeitalter führen muss. Nur nutzen wir sie noch viel zu selten gemeinsam.

Diese Partnerschaft zeigt, was möglich ist, wenn beide Ebenen sich nicht als Konkurrenz, sondern als Verbündete begreifen. Der Konzern produziert, skaliert und verbindet. Der Mittelstand digitalisiert, transformiert und bringt das Tempo. Wenn wir dieses Prinzip in der Breite anwenden würden, hätten wir keine Standortdebatte, sondern eine Standortoffensive.

Was Deutschland daraus lernen sollte, ist vor allem eine Haltung: Mutig anpacken und mutig investieren. Dabei müssen wir ehrlich sein: In Summe wird in kaum einem Industrieland so wenig gearbeitet wie bei uns, unsere Produktivität hat sich seit Jahren nicht mehr verbessert, und für das kommende Jahr ist nur ein kleines Wachstum prognostiziert, das im Wesentlichen auf das Sondervermögen zurückgeht. Und trotzdem sind wir noch immer die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit einer großartigen Substanz.

Genau hier setzt unser Beispiel an. Die Kooperation von Bosch und Deutsche Dienstrad zeigt einmal mehr, wozu wir im Stande sind: Der Mittelstand trifft auf die Exzellenz der Großbetriebe, wir entwickeln gemeinsam Produkte weiter und gestalten damit ganze Märkte. Das ist auch unsere eigene Familiengeschichte: Aus einem Fahrrad-Produktionsvertrieb ist über fünf Generationen ein eigenständiges MobilityTech-Unternehmen geworden. Diese Technologie treiben wir konsequent weiter und gestalten so den Wandel aktiv mit.

Ich bin überzeugt: In jeder Krise entstehen neue Geschäftsmodelle. Krisenzeiten sind Unternehmerzeiten, und ich glaube fest an den Aufschwung. Wir gehen als Positivbeispiel voran, das Mut macht und zeigt, was in diesem Land steckt.

Deutsche Dienstrad steht für eine fast hundertjährige Familiengeschichte, gleichzeitig agieret ihr hochdynamisch. Wie passt diese tiefe Tradition mit dem Tempo zusammen, das so eine Partnerschaft verlangt?

Christina Puello: Für mich ist das kein Widerspruch, sondern unser größter Vorteil. Die Verbindung zwischen meiner Familie und Bosch reicht weit zurück. Nämlich bis zu den Anfängen des E-Mountainbikes in Deutschland. Schon meine Mutter Susanne hat gemeinsam mit Bosch die E-Performance-Bewegung mit angetrieben und damit eine ganze Branche weltweit geprägt. Dass wir heute mit Deutsche Dienstrad und Bosch eBike Systems die nächste Stufe zünden – diesmal im Dienstrad-Leasing und in der vernetzten Mobilität – erfüllt mich mit größtem Stolz.

Tradition heißt für uns nicht, das Museum zu verwalten. Tradition heißt, ein über Generationen gewachsenes Vertrauen und eine Pionierhaltung in die Zukunft zu übersetzen. Genau diese Haltung lässt sich in einem Satz zusammenfassen, der bei uns in der Familie gilt: Machen statt jammern! Die Mutigen sind es, die Innovationen voranbringen, weil sie bereit sind, Gewohntes infrage zu stellen.

Mit dieser Partnerschaft setzen wir ein einzigartiges Zeichen: Ein Familienunternehmen mit fast hundertjähriger Geschichte und ein Weltkonzern gestalten gemeinsam die Zukunft der betrieblichen Mobilität. Die Tradition gibt uns die Wurzeln und die Glaubwürdigkeit, die Dynamik gibt uns die Geschwindigkeit. Beides zusammen ist genau das, was es braucht, um nicht nur mitzuhalten, sondern vorauszugehen.

Mein ausdrücklicher Dank gilt an dieser Stelle Claus Fleischer, dem CEO von Bosch eBike Systems, und Gregor Dasbach, Vice President Digital Business, für ihr Vertrauen und ihre Leidenschaft. Dass ein Weltkonzern wie Bosch einem Mittelständler auf Augenhöhe begegnet und gemeinsam mit uns Neues wagt, ist alles andere als selbstverständlich. Genau dieser partnerschaftliche Geist hat diese Kooperation möglich gemacht – dafür bin ich beiden und ihren Teams von Herzen dankbar.

Du wählst beim Standort klare Worte. Wenn Du der Politik etwas mitgeben dürften: Wo drückt der Schuh am meisten?

Christina Puello: An mehreren Stellen, und ich sage das bewusst deutlich, weil Schönreden uns nicht weiterbringt. Zunächst zum Kapital, und zwar präzise: Was uns fehlt, ist der Zugang zu deutlich höherem und mehr Wachstumskapital. In den USA werden die besten Ideen und Talente mit Milliarden gefördert, dort finden die häufigsten Börsengänge statt. Wir dagegen sind viel zu zaghaft. Ein Land mit unserer Wirtschaftskraft muss seinen Mittelständlern und Gründerinnen einen massiv höheren Kapitalzugang verschaffen und alles daransetzen, Investitionen und Kapital wieder an den Standort zurückzuholen.

Dazu kommen zwei weitere Säulen. Erstens eine klare Entbürokratisierung in der Fläche: weniger Regulierung, weniger Formulare, mehr Zeit für Produkt, Kunden und Mitarbeitende. Zweitens eine Reform des Arbeitsrechts hin zu mobilerer, flexiblerer und durchlässigerer Arbeit. Kapitalzugang, Entbürokratisierung und ein modernes Arbeitsrecht. Das sind die Säulen, die unseren Wirtschaftsstandort wieder spannend machen und Investitionen zurückholen.

Und wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass es jetzt drastische und schnelle Maßnahmen aus der Politik braucht. In der Fläche, für Handwerk, Mittelstand und Industrie, für die hart arbeitenden Menschen in diesem Land. Mein größter Wunsch an die Politik: Führen Sie das Land so, wie wir Familienbetriebe es führen. Mit einer Langfriststrategie, die nachhaltig und über Generationen hinweg angelegt ist. Bauen wir ein Land, das wir stolz und zukunftsfest an die nächste Generation übergeben können. Erfolgreich, effizient, effektiv und vor allem mit einer Strategie, die über die nächste Legislatur hinausdenkt. Den Pragmatismus, den das braucht, leben wir Unternehmerinnen und Unternehmer jeden Tag vor.

Zum Abschluss der Blick nach vorn: Was bedeutet diese Partnerschaft konkret für die Digitalisierung – im Fachhandel und in der gesamten Fahrradbranche?

Christina Puello: Sie ist ein echter Meilenstein, weil eine Zusammenarbeit zwischen Antriebshersteller und Leasinganbieter in dieser Form in der Branche bislang nicht existiert hat. Über das Bosch ConnectModule erfasst das System kontinuierlich Informationen wie Zustand, Konfiguration, Nutzung und Servicedaten. Indem wir die Bosch eBike Flow App und unsere Plattform vernetzen, können wir intelligente, interaktive Services über den gesamten Dienstrad-Zyklus bereitstellen. Das ist Digitalisierung, die man fährt, nicht nur verwaltet.

Für den Fachhandel ist das ein enormer Hebel. Der Händler vor Ort ist und bleibt das Rückgrat unserer Branche. Aber er muss digital sichtbar und anschlussfähig bleiben. Durchgängige Daten bedeuten passgenauen Service, planbare Werkstatttermine und ein Nutzungserlebnis, das vom ersten Beratungsgespräch bis zur Rückgabe nahtlos ist. Der Handel wird damit vom reinen Verkaufsort zum vernetzten Servicepartner. Das stärkt genau die Strukturen, die viele schon abgeschrieben hatten.

Und für die Branche insgesamt setzen wir einen Standard: Vernetzte Mobilität entsteht nicht in Insellösungen, sondern dort, wo Ökosysteme zusammenarbeiten. Unsere Roadmap ist mit vielen intelligenten Features in den Bereichen Nutzererlebnis, Dienstradmanagement und Nachhaltigkeit gefüllt, an denen unsere Teams in den kommenden Monaten arbeiten. Wir haben die erste Stufe gezündet und ich bin überzeugt, dass diese Partnerschaft zeigt, wohin sich die gesamte Fahrradbranche bewegen kann, wenn Tradition, Technologie und Tempo zusammenkommen.

Interview und Gesprächsführung von Carsten Puschmann

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