Business & Beyond Die Transformation frisst ihre Kinder: VW plant 100.000 Stellenstreichungen

Die Transformation frisst ihre Kinder: VW plant 100.000 Stellenstreichungen

Europas größter Autobauer plant den radikalsten Stellenabbau seiner Geschichte. Vier Werke stehen vor dem Aus, darunter Emden und Hannover. Während die Politik von Standortgarantien sprach, zeichnet sich ein industriepolitisches Erdbeben ab.

Volkswagen verdoppelt sein Abbauziel: Bis zu 100.000 Arbeitsplätze sollen weltweit gestrichen werden, wie das Manager Magazin berichtet. Bei aktuell 657.000 Beschäftigten bedeutet das einen Kahlschlag von 15 Prozent der Belegschaft.

VW-Chef Oliver Blume hat dem Vorstand bereits ein Sanierungskonzept vorgelegt, das in seiner Dimension alles übertrifft, was die deutsche Automobilindustrie bisher gesehen hat. Das ursprüngliche Ziel von 50.000 Stellen bis 2030 war bereits beispiellos – jetzt wird es verdoppelt.

Vier Standorte auf der Abschussliste

Die Werksschließungen treffen das Herz der deutschen Industrielandschaft. In Emden produzieren 7.700 Mitarbeiter die Elektromodelle ID.4 und ID.7, in Hannover läuft die Nutzfahrzeugsparte. Auch Zwickau mit seiner E-Auto-Produktion und das Audi-Werk Neckarsulm stehen zur Disposition.

Sobald die aktuellen Modelle auslaufen, könnte die Produktion gestoppt werden. Der Konzern spricht von Überkapazitäten, die langfristig nicht tragfähig seien – eine Formulierung, die verschleiert, dass hier Industriestandorte mit Jahrzehnten Geschichte ausradiert werden sollen.

Konzernumbau als Börsenspiel

Parallel zum Stellenabbau plant Blume eine radikale Neustrukturierung. Die Kernmarke Volkswagen und die Komponententochter sollen aus dem Konzernverbund herausgelöst und in eigene Gesellschaften überführt werden.

Die Strategie dahinter: Einzelne Marken könnten so leichter an die Börse gebracht werden. Der Wolfsburger Konzern würde damit zu einer Art Holding-Struktur mutieren, bei der Investoren gezielt in profitable Bereiche einsteigen können – während defizitäre Sparten abgestoßen werden.

Beschäftigungssicherung als Papiertiger

Die Umsetzung dieses Plans kollidiert frontal mit bestehenden Vereinbarungen. Bei VW gilt eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2030, bei Audi sogar bis 2033. Wie ein Abbau von 100.000 Stellen unter diesen Bedingungen funktionieren soll, bleibt unklar.

Bisher wurden von den geplanten 35.000 Stellen bei der Kernmarke bereits 28.000 Austritte verbindlich vereinbart – sozialverträglich und ohne betriebsbedingte Kündigungen. Die neue Dimension des Abbaus lässt sich mit dieser Methode kaum bewältigen.

Politik zwischen Garantien und Realität

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies hatte noch im April eine Standortgarantie für Emden beschworen. Nach Milliardeninvestitionen in die E-Auto-Produktion gebe es keine Alternative, so der SPD-Politiker.

Seine Kritik an der VW-Führung war deutlich: Das Management müsse endlich anerkennen, wer den Erfolg des Unternehmens erarbeitet habe – die Belegschaft. Diese Worte wirken jetzt wie Schall und Rauch. Juli berät der Aufsichtsrat über die Pläne. Dort sitzen Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen – der Widerstand ist programmiert.

Business Punk Check

Die VW-Transformation entlarvt das Scheitern deutscher Industriepolitik. Jahrelang wurde die E-Mobilität als Rettungsanker verkauft, Milliarden flossen in Standorte wie Emden. Jetzt zeigt sich: Die Rechnung geht nicht auf. Überkapazitäten, schwächelnde Nachfrage und chinesische Konkurrenz zwingen den Konzern zur Radikalkur. Blumes Strategie ist brutal ehrlich – aber sie offenbart auch, dass VW keine Antwort auf die strukturellen Probleme hat.

Der Börsengang einzelner Marken ist kein Zukunftskonzept, sondern Notverkauf in Raten. Die eigentliche Frage lautet: Kann ein Konzern, der seine Heimatstandorte opfert, international wettbewerbsfähig bleiben? Die Antwort entscheidet über mehr als VW – sie betrifft die gesamte deutsche Automobilindustrie. Wer jetzt noch von Standortgarantien spricht, betreibt Realitätsverweigerung. Die Transformation frisst ihre Kinder.

Quellen: Bild, Spiegel, Zeit

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