Finance & Freedom Rente mit 70: Welche Jahrgänge jetzt zittern müssen

Rente mit 70: Welche Jahrgänge jetzt zittern müssen

Die Rentenkommission koppelt das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung. Kinder, die 2024 geboren wurden, könnten erstmals mit 70 in Rente gehen. Die Bundesregierung will die Reform bis Ende 2026 durchpeitschen.

Die Bundesregierung hat sich auf eine Rentenreform geeinigt, die das Arbeitsleben für Millionen Deutsche verlängern wird. Das Prinzip klingt simpel: Wer länger lebt, arbeitet länger. Die Rentenkommission empfiehlt, das Renteneintrittsalter ab 2031 an die Lebenserwartung zu koppeln im Verhältnis 2:1.

Steigt die durchschnittliche Lebenserwartung um ein Jahr, erhöht sich das Rentenalter um sechs Monate. Die Bundesregierung will die Gesetze bis Ende 2026 verabschieden. Die Botschaft ist klar: Die Rente mit 63 ist Geschichte, die Rente mit 70 rückt näher.

Der Generationenschnitt: Wer zahlt die Rechnung?

Die Mathematik hinter der Reform ist brutal ehrlich. Anfang der 1960er Jahre finanzierten sechs Beitragszahler einen Rentner. Heute sind es knapp über zwei. Die Babyboomer gehen in Rente, die Kassen leeren sich. Die Lebenserwartung stieg seit 1950 dramatisch: von 65 Jahren für Männer auf heute 78,5 Jahre, bei Frauen von knapp 70 auf 83,2 Jahre. Seit 2010 gilt die Faustregel: Die Lebenserwartung steigt um ein Jahr pro Dekade.

Corona bremste den Trend kurz, seit 2024 läuft er wieder auf Vorkrisenniveau. Die Konsequenzen treffen die Jahrgänge unterschiedlich hart. Wer 1973 geboren wurde, könnte laut T Online 2041 mit 67,5 Jahren in Rente gehen. Der Jahrgang 1983 erreicht die Altersgrenze von 68 Jahren im Jahr 2051. Kinder, die 2024 geboren wurden, könnten tatsächlich die Rente mit 70 erleben – allerdings erst nach 2094. Die SPD-Politikerin Annika Klose hält solche Langfristprognosen für spekulativ. Aber die Richtung ist klar: Das Rentenalter steigt.

Frührente wird zum Luxus

Die abschlagsfreie Rente mit 63 für besonders langjährig Versicherte soll abgeschafft werden. Aktuell können besonders langjährig Versicherte nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen – das genaue Eintrittsalter hängt vom Geburtsjahrgang ab. Diese Regelung nutzen nicht nur Dachdecker mit kaputten Knochen, sondern auch Beschäftigte mit geringer Arbeitsbelastung. Das verschärft den Fachkräftemangel und belastet die Rentenkasse länger. Die Kommission empfiehlt, das Mindestalter für vorzeitige Rente von 63 auf 64 anzuheben und parallel zur Regelaltersgrenze anzupassen.

Wer früher raus will, zahlt drauf. Pro Monat vorzeitiger Rente werden 0,3 Prozent abgezogen. Drei Jahre früher bedeuten 10,8 Prozent weniger Rente – lebenslang. Das tatsächliche Renteneintrittsalter lag 2024 bei 64,7 Jahren, knapp zwei Jahre unter der gesetzlichen Grenze. Sicherheitsberufe wie Polizei und Feuerwehr gehen im Schnitt knapp über 61 Jahre, Reinigungsberufe gut 63 Jahre, Bauberufe etwa 63,5 Jahre in Rente. Steigt die Regelaltersgrenze, steigen auch die Abschläge für Frührentner.

Erwerbsminderungsrente als Notausgang

Die Rentenkommission will die Erwerbsminderungsrente reformieren. Wer körperlich nicht mehr kann, soll zwei Jahre vor Renteneintritt abschlagsfrei aufhören dürfen nach mindestens 35 Beitragsjahren. Voraussetzung: Ein Arzt bestätigt, dass die Person nicht mehr im erlernten Beruf arbeiten kann. Das ist eine Lockerung der bisherigen Regelung, die verlangt, dass Betroffene sich in jedem anderen Berufsfeld etwas Neues suchen.

Das klappt selten, viele landen in der Grundsicherung und müssen Vermögen aufbrauchen. Die Reform zielt darauf ab, Menschen kurz vor der Rente nicht mehr in die Arbeitslosigkeit oder Grundsicherung zu zwingen. Wer drei Jahre vor Renteneintritt aufhören will, soll dies mit Abschlägen tun dürfen. Das ist ein Kompromiss: Wer wirklich nicht mehr kann, bekommt einen Ausweg. Alle anderen arbeiten länger.

Mütterrente: Das teure Schweigen der Kommission

Die Rentenkommission verliert kein Wort über die Mütterrente. Pascal Reddig von der CDU begründet das damit, man habe beschlossenes Regierungshandeln nicht rückgängig machen wollen. Die CSU hält eisern an der Ausweitung fest. Mütter und Väter können sich Erziehungszeiten mit Rentenpunkten anerkennen lassen. Für vor 1992 geborene Kinder gibt es zweieinhalb Jahre, für danach Geborene drei Jahre. Die Ausweitung soll diesen Unterschied ausgleichen – kostet aber mehrere Milliarden Euro.

Ökonom Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält das für gerecht, weil Mütter in den 80er und 90er Jahren keine flächendeckende Ganztagsbetreuung hatten. Kritiker verweisen auf die Gießkannen-Methodik: Die Mütterrente schützt nicht vor Altersarmut. Wer auf Grundsicherung angewiesen ist, muss sie anrechnen lassen. Gleichzeitig soll pflegenden Angehörigen, meist Frauen, die Anerkennung der Pflegezeit durch Rentenpunkte genommen werden. Dieser Widerspruch bleibt ungelöst.

Business Punk Check

Die Rentenreform ist Wirtschaftspolitik im Schnelldurchlauf: Die Koalition will bis Ende 2026 Gesetze verabschieden, die Millionen Deutsche länger arbeiten lassen. Das Verhältnis 2:1 klingt nach fairer Mathematik, ist aber eine Mogelpackung. Akademiker leben länger als Nicht-Akademiker, zahlen aber nicht länger ein. Die Kopplung an die durchschnittliche Lebenserwartung ignoriert soziale Unterschiede komplett. Wer körperlich arbeitet, stirbt früher – und soll trotzdem länger malochen. Die Abschaffung der Rente mit 63 trifft nicht die Dachdecker, sondern verschärft den Fachkräftemangel.

Unternehmen verlieren erfahrene Mitarbeiter später, können aber nicht darauf hoffen, dass diese bis 67 durchhalten. Die Reform der Erwerbsminderungsrente ist ein Pflaster auf einer klaffenden Wunde. Zwei Jahre vor Renteneintritt abschlagsfrei aufhören klingt gut – aber nur, wenn ein Arzt bestätigt, dass man nicht mehr kann. Das wird zum bürokratischen Hürdenlauf. Die Mütterrente bleibt ein politisches Geschenk ohne Schutzwirkung gegen Altersarmut. Gleichzeitig streicht die Regierung pflegenden Angehörigen die Rentenpunkte. Das ist keine Rentenpolitik, sondern Klientelpflege. Jüngere Arbeitnehmer sollen auf Kapitalmarkterträge hoffen – während die Regierung keine Antwort auf die Frage hat, wie man mit 70 noch arbeiten soll, wenn der Körper mit 60 schon streikt. Die Reform verschiebt das Problem in die Zukunft, löst es aber nicht.

Quellen: Stern, T Online, n-tv

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