AnlagePunk Schlaflos an der Börse: London startet Nachtschicht

Schlaflos an der Börse: London startet Nachtschicht

Die Londoner Börse plant ab 2025 Handel fast rund um die Uhr. Der Grund: Krypto-Konkurrenz und gierige Privatanleger setzen traditionelle Börsenbetreiber unter Zeitdruck. Doch Profis warnen vor gefährlichen Kursausschlägen.

Die Börse schläft nicht mehr, zumindest nicht in London. Die London Stock Exchange (LSE) will ab kommendem Jahr eine eigenständige Plattform einrichten, auf der zwischen 17 Uhr und 7.50 Uhr morgens gehandelt werden kann, wie die Financial Times berichtet.

Nur eine halbe Stunde Pause um 6.30 Uhr für die Abrechnung der Schlusskurse, dann geht’s weiter. Der normale Handel von 8 bis 16.30 Uhr bleibt parallel bestehen.

Der Druck kommt aus dem Netz

LSE-Chefin Julia Hoggett begründet den Schritt laut Financial Times mit gestiegener Nachfrage von Privatanlegern. Die Wahrheit: Die traditionellen Börsen bekommen Konkurrenz von Krypto-Plattformen, die längst 24/7 laufen.

Bitcoin schläft nie, Ethereum auch nicht und plötzlich wirken die alten Handelszeiten wie ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Zunächst sollen auf der neuen LSE-Plattform börsennotierte Fonds (ETFs) auf britische und US-Werte handelbar sein.

Wall Street macht vor, wie’s geht

London ist spät dran. Die Nasdaq erlaubt ab Dezember werktags 23 Stunden Handel. Die US-Börse Cboe bietet das seit vergangener Woche für ausgewählte Aktien an.

Der Börsenbetreiber CME startete im Mai durchgehenden Handel für Krypto-Terminkontrakte. Selbst die traditionsreiche New York Stock Exchange hat grünes Licht für 22 Handelsstunden bekommen. Der globale Wettlauf um die längste Öffnungszeit ist in vollem Gang und niemand will als Letzter die Lichter ausmachen.

Börsenprofis schlagen Alarm

Nicht alle feiern den Turbo-Kapitalismus. Experten warnen vor größeren Kursausschlägen durch geringere Umsätze in den Nachtstunden, wie WirtschaftsWoche berichtet.

Weniger Liquidität bedeutet: Ein paar größere Orders können die Kurse nachts stark bewegen. Für Privatanleger, die morgens aufwachen und ihr Depot im freien Fall sehen, könnte das teuer werden. Die Frage ist nicht, ob es zu extremen Schwankungen kommt – sondern wann.

Business Punk Check

24-Stunden-Handel klingt nach Freiheit, ist aber vor allem eins: Ein Zugeständnis an eine Generation, die auch um 3 Uhr morgens noch ihr Portfolio checkt. Die Börsen reagieren nicht aus Kundenfreundlichkeit, sondern aus nackter Existenzangst vor Krypto-Plattformen und Neobroker-Apps. Das Risiko tragen die Kleinanleger, die sich nachts zu impulsiven Trades verleiten lassen, während die Profis schlafen – oder genau darauf warten. Die LSE wettet darauf, dass mehr Handelszeit mehr Gebühren bedeutet.

Ob es auch mehr Rendite für Anleger bedeutet, ist fraglich. Der echte Gewinner ist nicht der Trader, sondern die Börse selbst: mehr Transaktionen, mehr Provisionen, 24/7. Unser Rat: Wer nachts handelt, sollte verdammt gute Gründe haben – oder einen verdammt guten Therapeuten.

Quellen: Financial Times, WirtschaftsWoche, Handelsblatt, Spiegel

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