Tech & Trends Lidl-Geld gegen Silicon-Valley-Macht: Schwarz Digits fordert AWS, Microsoft und Google heraus

Lidl-Geld gegen Silicon-Valley-Macht: Schwarz Digits fordert AWS, Microsoft und Google heraus

Deutschlands reichster Mann will Europa von US-Tech-Giganten befreien. Schwarz Digits investiert 11 Milliarden in Rechenzentren und wirbt Kunden mit digitaler Souveränität ab. Doch die EU bremst.

Dieter Schwarz, mit 53 Milliarden Euro Vermögen Deutschlands reichster Unternehmer, schickt seine IT-Sparte Schwarz Digits in den Kampf gegen Amazon, Microsoft und Google. Der neue Campus in Bad Friedrichshall bei Heilbronn bietet Platz für 5.500 Mitarbeiter, komplett mit Kita, Fitnessstudio und Kochroboter.

Das Ziel: Europa eine echte Alternative zu US-Hyperscalern liefern und dabei den Begriff digitale Souveränität mit Leben füllen. Doch während Schwarz Milliarden investiert, zögert Brüssel bei der Förderung.

Hyperscaler-Ambitionen mit Lidl-Geld

Schwarz Digits wuchs im vergangenen Geschäftsjahr um 16 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro Umsatz. CEO Christian Müller verspricht weitere Zuwächse und betont, man sei gekommen, um zu bleiben. Die Strategie: Was ursprünglich als IT-Dienstleister für Lidl und Kaufland startete, soll nun den gesamten europäischen Mittelstand bedienen. Laut n-tv betreibt die Tochter StackIT bereits zwei Rechenzentren in Baden-Württemberg.

Das größte Projekt entsteht jedoch im Spreewald: 11 Milliarden Euro Investition, die größte in der Unternehmensgeschichte. Die Botschaft an potenzielle Kunden: Eure Daten bleiben in Europa, unter eurer Kontrolle. Keine US-Behörden, die Zugriff verlangen. Keine chinesischen Server, die mitlesen. Bereits jetzt nutzen die niederländische Regierung und die Polizei Baden-Württemberg die Cloud-Dienste von Schwarz Digits. Der Mittelstand soll folgen, ein Markt, den AWS und Azure bisher dominieren.

EU-Förderung auf Eis gelegt

Doch ausgerechnet Brüssel macht Schwierigkeiten. StackIT, SAP und die Deutsche Telekom wollten gemeinsam EU-Fördermittel für sogenannte AI Gigafactories beantragen. Die Pläne liegen laut Heise auf Eis, weil die EU angeblich von wenigen Riesen-Rechenzentren auf viele kleinere Standorte umschwenken will.

Es geht um Milliarden-Förderung und finanzielle Absicherung, falls Kunden ausbleiben – ein Risiko, das US-Hyperscaler durch schiere Marktmacht längst eliminiert haben. Während Europa diskutiert, handeln andere: Kleinere Cloud-Anbieter außerhalb der EU schließen bereits Versicherungsabkommen mit Nvidia ab. Sie zahlen einen Teil ihres Umsatzes an den Chip-Hersteller, der im Gegenzug ungenutzte Kapazitäten zurückmietet. Schwarz Digits muss ohne solche Sicherheitsnetze auskommen – und ohne klare EU-Unterstützung.

Baden-Württemberg setzt auf KI-Offensive

Baden-Württemberg steuert 50 Millionen Euro für den Innovation Park Artificial Intelligence in Heilbronn bei. Das Bundesland leidet unter Kostendruck, Fachkräftemangel und verschlechterten Produktionsbedingungen – KI soll die Industrie retten. Schwarz finanziert die IT-Infrastruktur des Campus größtenteils über die eigene Stiftung. Wirtschaftsexpertin Irene Bertschek vom ZEW Mannheim bestätigt laut Zdfheute, dass Investitionen in diesem Ausmaß einzigartig für die Region seien. Doch reicht das, um mit den USA mitzuhalten?

Bertschek bleibt skeptisch. Deutschland müsse aufholen – mit eigenen Rechenkapazitäten, Modellen und Zugang zu Daten. Vor allem aber brauche es Kompetenzen und gute Bedingungen für Fachkräfte. Start-ups wie das Offenburger Unternehmen Aitad, das KI-Chips für Maschinen entwickelt, könnten dabei helfen, KI-Lösungen in etablierte Unternehmen zu integrieren.

Business Punk Check

Schwarz Digits spielt ein riskantes Spiel. Einerseits trifft die Strategie einen Nerv: Europäische Unternehmen und Behörden wollen ihre Daten nicht länger US-Konzernen anvertrauen. Andererseits fehlt die politische Rückendeckung aus Brüssel, während AWS, Azure und Google Cloud mit hunderten Milliarden Dollar Infrastruktur aufbauen und europäische Kunden längst gebunden haben. Die 11 Milliarden Euro für das Spreewald-Rechenzentrum sind mutig – aber ohne EU-Förderung und Auslastungsgarantien auch gefährlich. Schwarz setzt darauf, dass digitale Souveränität mehr ist als ein Buzzword.

Doch solange die EU zwischen Gigafactories und dezentralen Strukturen schwankt, bleibt unklar, ob europäische Hyperscaler-Ambitionen mehr sind als teure Symbolpolitik. Die Wahrheit: Wer AWS schlagen will, braucht nicht nur Rechenzentren, sondern ein Ökosystem aus Entwicklern, Services und globaler Reichweite. Schwarz hat das Geld und die Vision – aber die Zeit läuft. Jeder Monat EU-Zögern ist ein Monat, in dem US-Konkurrenten ihre Marktmacht zementieren. Für den Mittelstand bleibt die Frage: Setzt man auf den etablierten US-Anbieter oder auf die europäische Alternative mit Fragezeichen?

Quellen: Heise, Zdfheute, n-tv

Das könnte dich auch interessieren