Female & Forward She’s Punk-Interview mit Joy Denalane: Die Pionierin

She’s Punk-Interview mit Joy Denalane: Die Pionierin

Seit über zwei Jahrzehnten prägt Joy Denalane den deutschsprachigen Soul – und hat lange vor vielen anderen über Identität, Rassismus und Zugehörigkeit gesprochen. Im She’s Punk-Interview erzählt sie, warum Authentizität wichtiger ist als Reichweite. Aus unserem aktuellen Business Punk-Heft „Neue deutsche Valley“.

Interview: Seeda Ahmad

Joy Denalane war die erste deutsche Künstlerin, die ein Album beim legendären Soul-Label Motown Records veröffentlicht hat. Let Yourself Be Loved erschien 2020. Bis heute liebt sie es auf der Bühne zu stehen. Joy Denalane über Identität, Musikbusiness und warum man sich nie größer machen sollte als man ist,

„Der einzige echte Wert, den du als Künstler:in hast, ist deine eigene Identität.“ (Joy Denalane)

Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägt Joy Denalane den deutschsprachigen Soul wie kaum eine andere Künstlerin. Lange bevor Themen wie Identität, Herkunft oder kulturelle Perspektiven selbstverständlich Teil der Popkultur wurden, sprach sie öffentlich über Rassismus, Zugehörigkeit und postmigrantische Perspektiven in Deutschland und stieß damit nicht selten auf Widerstand. Im Gespräch erzählt sie von ihrer Rolle als Pionierin, radikalen Entscheidungen im Musikbusiness und was sie jungen Künstler:innen mitgeben würde.

She’s Punk: Joy, du stehst inzwischen seit Jahrzehnten auf der Bühne. Hat sich das Gefühl im Laufe der Zeit verändert?

Joy Denalane: Überraschenderweise eigentlich gar nicht. Man könnte denken, dass sich das irgendwann abnutzt oder routiniert anfühlt, wenn man so lange performt. Aber für mich ist dieses Gefühl fast identisch geblieben. Ich empfinde die Bühne immer noch als einen Ort totaler Freiheit. Wenn ich auftrete, bin ich unglaublich bei mir und gleichzeitig komplett verbunden mit den Menschen vor mir. Das ist ein sehr besonderer Austausch.

She’s Punk: Wenn du deine Karriere wie ein Start-up pitchen müsstest: Was wäre das Alleinstellungsmerkmal von Joy Denalane?

Wenn ich rückblickend darauf schaue, dann ist es wahrscheinlich die Kombination aus einer sehr konkreten südafrikanischen Herkunftsgeschichte und einer deutschen Realität. Damals wurden Menschen mit afrikanischen Wurzeln oft einfach als eine homogene Gruppe wahrgenommen. Mit meinem Debütalbum wollte ich genau diese Differenzierung sichtbar machen. Verbunden mit deutschen Texten und einer musikalischen Produktion, die es so vorher im deutschsprachigen Raum nicht gab. Ich glaube, diese Mischung war damals so neu, dass man dazu automatisch Stellung beziehen musste.

She’s Punk: Du hast den deutschsprachigen Soul geprägt. Wann hast du gemerkt, dass du nicht nur Teil der Szene bist, sondern sie miterschaffst?

Eigentlich auf eine schmerzhafte Art. Als ich anfing, gab es durch aus andere Künstlerinnen und Künstler, die soulige Musik mit deutschen Texten gemacht haben. Aber als mein Erfolg größer wurde, haben viele Labels plötzlich versucht, genau dieses Modell zu reproduzieren. Und das ist problematisch. Kunst funktioniert nicht, wenn man Menschen sagt: „Mach mal wie Joy.“ Das ist eigentlich Gift für Kreativität. Viele Künstler:innen, die ähnliche Musik gemacht haben, wurden dann irgendwann nicht mehr weiterentwickelt oder ihre Projekte wurden eingefroren. Plötzlich war ich ziemlich allein mit dem, was ich gemacht habe – zumindest auf diesem Level. Ich hatte früh das Gefühl, dass für People of Color zwar vereinzelt Platz vorgesehen war, aber eben nicht für ein ganzes Genre oder eine größere Bewegung.

She’s Punk: Heute sprechen viele Künstler:innen selbstverständlich über Herkunft, Identität und kulturelle Erfahrungen. Du hast diese Themen schon sehr früh öffentlich gemacht. Wie blickst du heute auf deine Rolle als Pionierin?

Ich erinnere mich an Talkshows Anfang der 2000er, in denen es fast ein Skandal war, wenn ich gesagt habe, dass es in Deutschland Rassismus gibt. Die Menschen wollten das nicht hören. Sie wollten es nicht glauben. Heute wirkt das vielleicht selbstverständlich, aber damals gab es kaum gesellschaftliches Bewusstsein dafür. Die eigentliche Tragweite habe ich oft erst Jahre später verstanden. Trotzdem finde ich wichtig zu sagen: Niemand entsteht aus dem Nichts. Auch ich stehe auf den Schultern anderer Menschen. Dieses Bewusstsein für Quellen und Vorbilder fehlt heute manchmal ein bisschen.

She’s Punk: Künstlerisch wirkst du extrem klar darin, was du willst – und was nicht. Wie wichtig ist diese Haltung auch im Business hinter der Musik?

Sehr wichtig. Man muss im Musikbusiness irgendwann sehr ehrlich mit sich selbst sein. Viele Künstler:innen glauben, sie müssten alles alleine machen, weil sie Angst haben, ausgenutzt zu werden oder Kontrolle abzugeben. Diese Angst kommt nicht von ungefähr. Das Musikgeschäft hat genügend schlechte Geschichten produziert. Aber ich habe relativ früh verstanden, dass ich nicht in allem gut bin. Ich weiß sehr genau, was ich kann – und auch, was ich nicht kann. Deshalb brauche ich Menschen um mich herum, die mich ehrlich spiegeln.

Bild: Joy Denalane. Familienmensch Denalane singt nicht nur auf Deutsch und Englisch, sondern auch in afrikanischen Sprachen wie Xhosa und Tsonga, eine Hommage an ihren südafrikanischen Vater. Der Titel ihres Debütalbums Mamani – sinngemäß: weibliche Vorfahrin – ist ihrer Mutter gewidmet.

She’s Punk: Gab es einen Aha-Moment?

Die wichtigste Entscheidung meiner Karriere war definitiv die Trennung von meinem damaligen Management und meiner ersten Plattenfirma. Ich weiß noch genau: Ich stand nachts im Studio, hatte gerade Musik aufgenommen, die sich endlich wieder wirklich nach mir angefühlt hat – und plötzlich war mir klar, dass ich dort nicht weitermachen kann. Ich habe meinen Manager angerufen und ihm gesagt, dass ich raus bin. Am nächsten Tag habe ich dasselbe mit meiner Plattenfirma gemacht. Ohne neuen Vertrag, ohne Sicherheitsnetz. Das war radikal. Aber danach war ich wieder frei. Und ich glaube bis heute: Der einzige echte Wert, den du als Künstler:in hast, ist deine eigene Identität. Genau die musst du schützen.

She’s Punk: Was bedeuten für dich heute Einfluss, Reichweite, Relevanz?

Social Media ist heute Teil des Geschäfts. Alle schauen darauf: Medien, Marken, Partner:innen. Natürlich entstehen darüber auch Möglichkeiten. Aber ich glaube nicht, dass Social Media für jede Künstlerin und jeden Künstler funktioniert. Menschen merken sofort, wenn jemand dort nur präsent ist, weil er oder sie denkt, dass man das eben machen muss. Wenn es einem leichtfällt und Spaß macht, dann ist es ein tolles Tool. Aber wenn jeder Post Stress bedeutet und man sich dabei permanent unwohl fühlt, dann sollte man vielleicht andere Wege gehen.

She’s Punk: Du wirkst sehr reflektiert, fast strategisch. Wie viel Business-Denken steckt in deiner Kunst – und wie viel Bauchgefühl?

Sehr viel Bauchgefühl, wirklich. Natürlich denke ich bei Kooperationen oder Partnerschaften auch strategisch. Aber am Ende ist Musik ein People’s Business. Es geht immer um Beziehungen, Austausch und darum, ob man gemeinsam eine Vision entwickeln kann.

She’s Punk: Was würdest du jungen Künstler:innen heute mitgeben?

Sichtbarkeit bedeutet heute permanente Bewertung. Alles wird sofort kommentiert, bewertet, eingeordnet. Diese geschützte Entwicklungsphase existiert kaum noch. Und dann würde ich sagen: Qualität ist alles. Die ersten 80 Prozent eines Projekts entstehen oft relativ schnell – Talent, Energie, Erfahrung, Intuition. Aber die letzten 20 Prozent sind die entscheidenden. Dort entsteht Qualität. Da musst du dranbleiben, feilen, nochmal neu machen, verbessern, hinterfragen. Viele junge Artists unterschätzen genau diesen Teil, weil heute alles immer schneller werden soll. Und vielleicht der wichtigste Punkt: Überschätzt euch nicht. Mach dich nicht größer als du bist. Denn wenn du anfängst, dich selbst zu überschätzen, wirst du Gefangene:r deiner eigenen Selbstinszenierung. Fehler machen zu dürfen ist unglaublich wichtig. Nur dann kann man wachsen.

She’s Punk: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz für dich in der Musik?

Ich sehe das durchaus zwiegespalten. Natürlich gibt es inzwischen KI-generierte Künstlerfiguren mit Millionen Streams. Das ist schon verrückt. Aber ich glaube trotzdem nicht, dass KI echte Künstler:innen ersetzen wird. Vielleicht passiert sogar das Gegenteil: Dass Menschen sich gerade wegen dieser Entwicklung wieder stärker nach echten Menschen sehnen. Nach echten Geschichten, echten Begegnungen, echten Konzerten. Die KI selbst ist für mich nicht das Problem. Entscheidend ist, was wir Menschen daraus machen. Dafür braucht es Verantwortung und Regeln. Aber ich glaube weiterhin daran, dass echte Kunst etwas transportiert, das sich nicht künstlich herstellen lässt.

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