Startup & Scaling „Deutsche sind risikoavers“: Maschmeyer fordert Experimentierjahr für Gründer

„Deutsche sind risikoavers“: Maschmeyer fordert Experimentierjahr für Gründer

Zwei Gastbeiträge zeigen den Widerspruch der deutschen Start-up-Szene: Rekordgründungen, ausländisches Kapital, aber zu wenig Risikobereitschaft der Gründenden selbst.

3.568 Start-ups wurden 2025 in Deutschland gegründet, ein Höchstwert. Trotzdem kommt laut KfW-Daten nur rund ein Drittel des investierten Venture Capitals aus dem Inland, im ersten Quartal 2026 sogar weniger als ein Viertel.

Zwei aktuelle Gastbeiträge, einer von Investor Fabian Westerheide bei deutsche-Start-ups, einer von Investor Carsten Maschmeyer im Handelsblatt, zeichnen ein Bild, das optimistischer ist als der übliche Standort-Pessimismus, aber einen wunden Punkt offenlegt: Kapital und Gründungszahlen sind da, die Kultur des Scheiterns und des Reinvestierens nicht.

KI treibt Gründungen, doch das Geld kommt aus dem Ausland

Laut Start-up-Verband und startupdetector nutzen 27 Prozent aller Neugründungen 2025 Künstliche Intelligenz als zentralen Bestandteil ihres Geschäftsmodells, so Westerheide. Der Fokus verschiebt sich von Consumer-Apps zu B2B, Deep Tech, Defense, Energy und industriellen Anwendungen, Feldern, in denen Deutschland traditionell stark ist. Auch regional verändert sich das Bild: Berlin bleibt zentraler Hub, andere Standorte holen aber spürbar auf, Innovation verteilt sich stärker über das ganze Land. Das Investitionsvolumen lag 2025 zwischen 7,2 und 8,4 Mrd.

Euro, doch der überwiegende Teil stammt aus den USA und Großbritannien. Trade Republic dient Westerheide als Beispiel: Vom Erfolg profitiert unter anderem der kanadische Ontario Teachers‘ Pension Plan. Deutsche Pensionskassen und Versorgungswerke spielen im Venture-Capital-Markt bislang kaum eine Rolle, während US-Pensionsfonds Milliardenbeträge in deutsche Unicorns stecken. Für Gründende bedeutet das: Kapital ist vorhanden, ein erheblicher Teil der finanziellen Wertschöpfung landet am Ende jedoch außerhalb des Landes.

Frühe Exits verhindern eigenständige Tech-Konzerne

Börsengänge blieben 2025 nahezu aus, stattdessen dominierten Übernahmen, meist durch ausländische Käufer. Westerheide sieht darin ein strukturelles Problem: Mit jedem frühen Verkauf sinken die Chancen auf mehr Seriengründer, Business Angels und Mitarbeitervermögen, das wieder in neue Unternehmen fließen könnte. Ein einzelner früher Exit könne für Gründende individuell richtig sein, für das Ökosystem bleibe er trotzdem oft eine verpasste Chance, schreibt Westerheide. Immerhin bieten mittlerweile 58 Prozent der Start-ups Mitarbeiterbeteiligungen an, eine Verbesserung, aber noch keine breite Kultur.

Das sei kein reines HR-Thema, sondern ein Kapitalthema: Wer Mitarbeitende beteilige, schaffe Vermögen, Erfahrung und neue Investoren. Ob Kapital erfolgreicher Gründer tatsächlich in neue Start-ups zurückfließt, wie im Silicon Valley üblich, lässt sich laut Westerheide bislang kaum beziffern. Erste Netzwerke rund um Rocket Internet oder Delivery Hero zeigten immerhin, dass erfolgreiche Unternehmen neue Gründer und Investoren hervorbringen können. Genau dieser Kreislauf, nicht die Zahl der Neugründungen, entscheide über die Reife eines Ökosystems.

Maschmeyer fordert finanzielle Absicherung für risikofreudigeres Gründen

Während Westerheide auf strukturelle Kapitalflüsse blickt, setzt Maschmeyer bei der Mentalität an. Siemens werde bald 180 Jahre alt, selbst SAP sei 54 Jahre alt, seither habe Deutschland keine neue Gründerzeit erlebt, schreibt er im Handelsblatt. Nvidia, Google, Apple, OpenAI und Anthropic seien im Vergleich zur deutschen Old Economy jugendlich.

In den USA sorgten unternehmerisches Risiko, Kapital und Mut zum Ausprobieren für ein Klima, das Zukunft gestalte, während viele deutsche Ingenieure und Gründer genau dort, etwa bei Waymo oder OpenAI, mitarbeiten statt in Deutschland zu bauen. Das Humankapital sei also vorhanden, so Maschmeyer. Sein Schluss: Deutsche seien risikoavers, deshalb brauche es ein „Experimentierjahr“ mit finanzieller Absicherung, damit Gründende auch große, riskante Ideen verfolgen, ohne die persönliche Existenz aufs Spiel zu setzen.

Business Punk Check

Fakt ist: Gründungszahlen und KI-Anteil steigen, laut Westerheide, während das Kapital überwiegend aus dem Ausland kommt, laut KfW-Zahlen. Fakt ist auch Maschmeyers Beobachtung, dass deutsche Talente in US-Ökosystemen arbeiten.

Die Interpretation, ein staatlich abgesichertes Experimentierjahr löse die Risikoscheu, bleibt eine unbelegte Prognose Maschmeyers, keine gemessene Wirkung. Offen bleibt, ob mehr Absicherung tatsächlich mehr eigenständige deutsche Tech-Konzerne hervorbringt oder nur mehr Anträge produziert.

Auf einen Blick

  • 2025 wurden in Deutschland laut Start-up-Verband 3.568 Start-ups gegründet, ein neuer Höchstwert.
  • Nur rund ein Drittel des Venture Capitals stammte 2025 laut KfW-Daten aus Deutschland selbst.
  • 58 Prozent der Start-ups bieten mittlerweile Mitarbeiterbeteiligungen an, so Westerheide.
  • Carsten Maschmeyer fordert im *Handelsblatt* ein „Experimentierjahr“ mit finanzieller Absicherung für Gründende.

Quellen: deutsche-startups, Handelsblatt

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