Brand & Brilliance Vogue World: Tech wird chic

Vogue World: Tech wird chic

Vogue World kommt 2027 nach San Francisco – und damit ausgerechnet in die Welthauptstadt von Hoodies, Patagonia-Westen und sündhaft teuren Sneakern. Was zunächst nach einem ziemlich wilden Stilbruch klingt, könnte das nächste deutliche Signal sein: Tech-Milliardäre haben sich längst einen Platz im Mode-Olymp erobert.

Vogue hat der Tech-Welt gerade einen weiteren Ritterschlag verpasst. Nach New York, London, Paris und Mailand zieht das große Mode-, Kunst- und Musik-Spektakel Vogue World im kommenden Jahr nach San Francisco – und damit mitten hinein in jene Stadt, die stärker als jede andere für den aktuellen KI- und Tech-Boom steht.

Vogue entdeckt San Francisco

Natürlich verkauft Vogue die Entscheidung nicht als Verbeugung vor dem Silicon Valley und seinen Milliarden. In der offiziellen Ankündigung schwärmt Anna Wintour stattdessen von einer außergewöhnlichen Stadt, in der unterschiedlichste Gemeinschaften nebeneinander leben und die Kunst, Kreativität und Veränderung liebt. Auch San Franciscos Tradition als rebellische und innovative Metropole hebt sie hervor. Die Stadt habe sich immer für ihre Werte und Überzeugungen eingesetzt, erklärte Wintour. Vogue World solle die kreativen Köpfe San Franciscos unterstützen, das gesamte kreative Ökosystem stärken und zugleich zeigen, dass die Stadt wieder im Aufwind sei. Ganz aus dem Nichts kommt die Entscheidung nicht. Bereits zuvor kursierten Gerüchte über San Francisco als nächsten Austragungsort, nachdem Wintour bei Treffen mit Bürgermeister Daniel Lurie gesehen worden war.

Wintour kuschelt mit der Tech-Elite

Interessanter wird die Sache, wenn man sich anschaut, mit wem sich Wintour zuletzt umgeben hat. Im vergangenen Jahr rückte sie auffällig nah an einige der mächtigsten Namen der Tech-Branche heran. Beim Met Gala 2026 waren Jeff Bezos und seine Ehefrau Lauren Sánchez als führende Sponsoren dabei. Auch Google-Mitgründer Sergey Brin und Meta-Chef Mark Zuckerberg wurden bei der Veranstaltung gesichtet – für Zuckerberg war es sogar die erste Met Gala. OpenAI kaufte ebenso einen Tisch wie Meta und Snap, jeweils für stolze 350.000 Dollar. Natürlich ist die Verbindung zwischen Tech und Met Gala nicht komplett neu: TikTok, Apple und Instagram waren bereits zuvor als Sponsoren aktiv. Doch 2026 war die Dichte an Tech-Größen derart hoch, dass manche Beobachter das traditionsreiche Modeevent kurzerhand zur „Tech Gala“ umtauften. Der Hoodie-Clan war endgültig im Tempel der Haute Couture angekommen.

Lauren Sánchez als kultureller Ritterschlag

Noch deutlicher wurde Wintours Annäherung an die neue Tech-Aristokratie bereits im vergangenen Jahr. Vogue setzte Lauren Sánchez nach ihrer Hochzeit mit Amazon-Gründer Jeff Bezos aufs Cover. In der Modewelt wurde das durchaus als Wintours persönlicher Stempel der Anerkennung verstanden – nicht nur für Sánchez und deren Aufstieg in der Fashion-Szene, sondern auch für Tech-Milliardäre als neue kulturelle Machtfiguren. Wer auf dem Vogue-Cover landet, hat schließlich eine Schwelle überschritten, die mit Börsenwerten allein nicht zu knacken ist. Geld öffnet viele Türen, aber Anna Wintour entscheidet noch immer mit, wer durch die modisch wichtigste davon spazieren darf.

San Francisco wird zur Fashion-Bühne

Bezos und Sánchez mögen inzwischen Berichten zufolge in Florida leben, während Amazon seinen Hauptsitz im Raum Seattle hat. Doch keine andere Stadt der Welt ist derart eng mit der Tech-Industrie verbunden wie San Francisco. KI, Start-ups, Risikokapital und die großen Plattformkonzerne prägen das Image der Bay Area inzwischen fast vollständig. Wenn Vogue World genau dort seine Zelte aufschlägt, lässt sich das schwerlich nur als Liebeserklärung an die lokale Kunstszene interpretieren. Es ist auch ein ziemlich deutliches Zeichen dafür, dass Vogue die kulturelle Bedeutung der Tech-Welt anerkennt – oder zumindest sehr genau weiß, wo gerade Geld, Macht und Aufmerksamkeit sitzen.

Vogue folgt dem Geld – und dem Zeitgeist

Denn Vogue ist am Ende nicht nur eine kulturelle Institution, sondern auch ein Medienunternehmen. Und Medienunternehmen folgen Aufmerksamkeit, Einfluss und Kapital. Gleichzeitig muss eine Marke, die seit Jahrzehnten als eine Art Mode-Bibel funktioniert, ständig beweisen, dass sie den nächsten kulturellen Umbruch nicht verschläft. Sich Richtung San Francisco und damit in das weltweite Epizentrum des KI-Booms zu bewegen, ist deshalb geschäftlich ziemlich clever – unabhängig davon, ob man künstliche Intelligenz für die nächste industrielle Revolution oder für den Beginn einer gesellschaftlichen Vollkatastrophe hält. Wintour hat jedenfalls selten den Ruf genossen, schlechte Geschäfte zu machen.

Paris, Mailand, London – und jetzt Hoodie-City

Trotzdem wirkt San Francisco in der bisherigen Vogue-World-Liste wie der Punk auf einer Champagnerparty. Das Event fand zuvor in New York, London und Paris statt, 2026 folgte Mailand. Das sind Städte, deren Namen seit Jahrzehnten praktisch synonym mit internationaler Mode funktionieren. San Francisco? Eher nicht. Vielleicht ist das ein klassischer East-Coast-Blick auf Kalifornien, doch als globale Stilmetropole auf Augenhöhe mit Paris oder Mailand wurde die Stadt in den vergangenen Jahren eher selten gehandelt. San Francisco steht für Hippies, Gegenkultur und kreative Freigeister – aber eben auch für Tech-Angestellte in Hoodies, Patagonia-Westen und absurd teuren Sportschuhen. Und das gilt häufig schon als herausgeputzt.

Alexandr Wang: Milliarden, KI und Crocs

Wie wenig klassische Fashion-Codes in der Tech-Welt teilweise zählen, demonstrierte zuletzt Alexandr Wang. Der Milliardär, der bei Meta inzwischen die wichtigen Superintelligence Labs führt, absolvierte ein Interview mit Y-Combinator-Chef Garry Tan vor einem voll besetzten Stadion. Sein Look: ein ausgewaschenes Nintendo-T-Shirt und Schuhe, die verdächtig nach Crocs aussahen. Bequem? Absolut. Haute Couture? Eher so mittel. In kaum einer anderen milliardenschweren Industrie wäre es vermutlich derart normal, vor Tausenden Menschen aufzutreten, als hätte man gerade kurz den Müll runtergebracht. Im Silicon Valley gehört genau diese demonstrative Gleichgültigkeit gegenüber klassischen Statussymbolen allerdings seit Jahren selbst zum Statussymbol.

Zuckerberg hat den Kleiderschrank entdeckt

Doch vielleicht verändert sich genau das gerade. Mark Zuckerberg war über Jahre praktisch die menschgewordene Uniform aus grauem T-Shirt und Jeans. Inzwischen arbeitet der Meta-Chef sichtbar an seinem modischen Upgrade. Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan saßen in dieser Saison bei einer Prada-Show in der ersten Reihe – ein Platz, an dem normalerweise niemand zufällig landet. Auch Metas neue Kampagne für seine smarten Brillen schlägt eine deutlich andere Richtung ein. Mit zahlreichen prominenten Botschaftern und einer Hochglanzästhetik könnte manches Motiv genauso gut aus einer Kampagne von Saint Laurent oder Balenciaga stammen. Meta will seine Technik offensichtlich nicht mehr nur nützlich aussehen lassen. Sie soll begehrenswert sein.

OpenAI und Palantir machen Merch zum Statement

Auch andere Tech-Konzerne haben Mode längst als kulturelles Werkzeug entdeckt. OpenAI und Palantir veröffentlichten zuletzt Merch-Kollaborationen, die gezielt mit dem minimalistischen Stil der Tech-Szene spielen. Gerade Palantirs Linie erinnert dabei stellenweise an jene Ästhetik, die Virgil Abloh mit Off-White groß gemacht hat: scheinbar simple Alltagskleidung, aufgeladen mit Codes, Logos und Zugehörigkeit. Aus dem Firmen-Shirt, das früher höchstens beim Hackathon getragen wurde, wird plötzlich ein Statusobjekt. Tech-Merch funktioniert damit zunehmend ähnlich wie Streetwear – wer das richtige Stück trägt, zeigt nicht nur Geschmack, sondern auch, zu welchem Stamm er gehören möchte.

Vielleicht ist der Hoodie die neue Haute Couture

Und vielleicht liegt genau darin der Reiz von San Francisco für Vogue. Nordkaliforniens Stil mag auf den ersten Blick zurückhaltend, funktional und gelegentlich spektakulär unsexy wirken, doch gerade deshalb bietet er kreativen Spielraum. Die Stadt ist umgeben von spektakulärer Natur, geprägt von kühleren Temperaturen, Outdoor-Kultur, Gegenbewegungen und einer Tech-Industrie, die gerade dabei ist, unseren Alltag neu zu verdrahten. Für Designer gibt es schlechteres Material. Vielleicht wird Vogue World 2027 also tatsächlich zeigen, dass zwischen Fleecejacke und Haute Couture mehr Platz liegt als gedacht. Wir warten jedenfalls schon auf Claude-inspirierte Terrakotta-Abendkleider, KI-Chic aus dem Silicon Valley und Vogue-gebrandete Quarter-Zips für 900 Dollar.

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