Work & Winning Zwei Ökonomen, eine Botschaft: Die Rente hält, aber sie reicht nicht

Zwei Ökonomen, eine Botschaft: Die Rente hält, aber sie reicht nicht

KI-unterstützt · redaktionell geprüft

Ein DIW-Ökonom nennt das Umlagesystem stabiler als sein Ruf, ein Wirtschaftsweiser warnt trotzdem: Ohne private Vorsorge wird es im Alter eng.

Die gesetzliche Rente gilt vielen als Symbol eines Systems auf Abruf. Zwei Ökonomen widersprechen dieser Wahrnehmung nun in Teilen deutlich, ohne Entwarnung zu geben.

Im Gespräch mit BTC-ECHO erklärt Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, das Umlagesystem sei „viel stabiler und nachhaltiger, als es häufig dargestellt wird“. Gleichzeitig betont der Wirtschaftsweise Martin Werding im selben Format, dass die gesetzliche Rente allein künftig nicht mehr reichen dürfte, um den Lebensstandard zu sichern. Zwischen diesen beiden Positionen bewegt sich derzeit die gesamte Reformdebatte in Berlin und beide Ökonomen liefern damit weniger einen Widerspruch als zwei Seiten derselben Medaille: Stabilität im System, Lücken auf individueller Ebene.

Der demografische Druck trifft ein System mit eingebauter Bremse

Weniger Beitragszahler stehen künftig mehr Rentnern gegenüber, ein Effekt, den die Bundesregierung bereits eingepreist hat. Sie hat das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent festgeschrieben, danach greift nach aktueller Rechtslage wieder der Nachhaltigkeitsfaktor. Modellrechnungen zeigen, dass der Beitragssatz bei unveränderten Regeln langfristig auf Werte um 22 Prozent oder mehr steigen könnte.

Genau diese Mechanik meint Geyer, wenn er von größerer Stabilität spricht: Das System reagiert automatisch, statt zu kollabieren. Es gibt also keinen Kipppunkt, an dem die Rentenkasse plötzlich leer wäre, sondern eine schrittweise Anpassung über Beitragssatz und Rentenniveau. Kritiker sehen darin trotzdem eine schleichende Umverteilung zulasten jüngerer Beitragszahler, wie die Tagesschau dokumentiert. Diese Verteilungsfrage bleibt ungelöst, solange die Politik den Nachhaltigkeitsfaktor nach 2031 nicht neu justiert.

Reformvorschläge reichen von längerer Lebensarbeitszeit bis zur Rente mit 63

Ökonomen empfehlen kein Einzelinstrument, sondern ein Maßnahmenpaket. Diskutiert werden eine Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung, eine breitere Finanzierungsbasis durch Einbeziehung von Selbstständigen und Beamten sowie der Umbau der abschlagsfreien Rente mit 63, die aus Sicht mancher Kritiker Frühverrentungsanreize schafft. Eine pauschale Anhebung auf 70 Jahre wird dagegen von kaum jemandem empfohlen, weil sie die Debatte politisch eher verschärfen als lösen würde.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund lehnt weite Teile dieser Kürzungslogik ab und fordert stattdessen ein stabiles Rentenniveau über die gesetzliche Rente selbst, wie aus einem Papier der DGB-Rentenkommission hervorgeht. Die Bandbreite der Vorschläge zeigt, wie weit die Interessen zwischen Arbeitgeberseite, Gewerkschaften und einzelnen Wirtschaftsweisen inzwischen auseinanderliegen, obwohl alle Seiten von derselben demografischen Ausgangslage sprechen.

Private Vorsorge wird zur zweiten Pflichtübung, nicht zur Kür

Werding macht im Interview mit BTC-ECHO deutlich, worauf es beim langfristigen Vermögensaufbau ankommt und ordnet auch Aktien sowie Bitcoin als mögliche Bausteine ein. Diese Position steht im Widerspruch zu Stimmen wie der Heinrich-Böll-Stiftung, die stärker solidarische statt privater Absicherung fordert.

Die Bundesregierung selbst setzt im aktuellen Rentenpaket auf zusätzliche steuerfinanzierte Mittel statt auf einen schnellen Systemumbau, wie Deutschlandfunk berichtet. Die gesetzliche Rente soll damit nicht ersetzt, sondern durch weitere Säulen ergänzt werden, ein Kompromiss, der politisch bequem ist, aber die eigentliche Verteilungsfrage zwischen Generationen offenlässt. Für Erwerbstätige heißt das konkret: Wer sich allein auf die erste Säule verlässt, verlässt sich künftig auf ein System, das laut beiden Experten funktionsfähig, aber nicht mehr ausreichend ist.

Business Punk Check

Fakt ist: Das Rentenniveau ist bis 2031 auf 48 Prozent abgesichert; danach gelten wieder die regulären Anpassungsregeln des Rentenrechts. Interpretation der Experten: Das System ist robuster als sein Ruf, ersetzt aber keine private Vorsorge mehr.

Offen bleibt, wer die Lücke nach 2031 schließt, jüngere Beitragszahler über höhere Sätze oder der Steuerzahler über weitere Bundeszuschüsse. Diese Frage entscheidet, ob die Rentendebatte eine Finanzierungsfrage bleibt oder zum handfesten Generationenkonflikt wird.

Auf einen Blick

  • Johannes Geyer vom DIW bewertet das Umlagesystem im Gespräch mit BTC-ECHO als stabiler, als es öffentlich dargestellt wird.
  • Martin Werding warnt im selben Format, dass die gesetzliche Rente künftig allein nicht mehr für den Lebensstandard ausreicht.
  • Das Rentenniveau bleibt bis 2031 bei 48 Prozent fixiert, danach greift wieder der Nachhaltigkeitsfaktor.
  • Reformvorschläge reichen von einer Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung bis zur Überprüfung der abschlagsfreien Rente mit 63.
  • Gewerkschaften und Grüne-nahe Stiftungen fordern stattdessen eine stärkere solidarische Absicherung über die gesetzliche Rente selbst.

Quellen: BTC-ECHO: DIW-Experte, BTC-ECHO: Wirtschaftsweise, Tagesschau, Deutschlandfunk, DGB-Rentenkommission, Böll-Stiftung

Das könnte dich auch interessieren