Work & Winning Urlaub, aber erreichbar: Warum zwei Drittel nicht abschalten

Urlaub, aber erreichbar: Warum zwei Drittel nicht abschalten

Zwei Drittel der Berufstätigen bleiben selbst im Sommerurlaub für den Job erreichbar, obwohl Urlaub eigentlich der Erholung dienen soll. Die neuesten Zahlen zeigen, dass sich daran seit Jahren kaum etwas ändert. Welche Strategien wirklich helfen, aus dem Arbeitsmodus herauszukommen und warum digitales Abschalten mehr ist als eine Lifestyle-Frage.

Die Sonne scheint, der Strand wartet, doch das Smartphone vibriert. Eine Nachricht aus dem Büro, ein kurzer Anruf vom Kollegen, vielleicht doch noch schnell eine Mail beantworten.

Für viele Beschäftigte ist genau das auch 2026 Urlaubsrealität. Laut einer repräsentativen Bitkom-Befragung sind 66 Prozent der Berufstätigen, die 2026 Sommerurlaub machen, währenddessen beruflich erreichbar. 2025 waren es 67 Prozent, 2024 ebenfalls rund zwei Drittel. Der Trend hält sich damit erstaunlich stabil.

Die aktuelle Befragung zeigt zugleich, wie der Job mit in den Urlaub reist. 62 Prozent der Erreichbaren reagieren auf Kurznachrichten wie SMS oder WhatsApp, 61 Prozent auf Telefonanrufe. 22 Prozent lesen oder beantworten berufliche E-Mails, 14 Prozent nehmen sogar Videocalls wahr und 7 Prozent bleiben über Plattformen wie Microsoft Teams oder Slack ansprechbar.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob Deutschland im Urlaub abschaltet. Die Daten beantworten sie ziemlich eindeutig. Die spannendere Frage lautet: Warum tun es so viele nicht?

Rechtslage: Urlaub ist grundsätzlich keine Bereitschaftszeit

Das Bundesurlaubsgesetz spricht ausdrücklich von Erholungsurlaub. Nach Paragraf 1 haben Arbeitnehmer Anspruch auf bezahlten Erholungsurlaub. Paragraf 8 legt zusätzlich fest, dass während des Urlaubs keine Erwerbstätigkeit ausgeübt werden darf, die dem Urlaubszweck widerspricht.

Eine allgemeine Verpflichtung, während des gesetzlichen Erholungsurlaubs ständig telefonisch oder per E-Mail erreichbar zu sein, besteht daher grundsätzlich nicht. Arbeitnehmer müssen ihr Diensthandy nicht permanent kontrollieren und auch nicht routinemäßig Arbeitsaufgaben erledigen.

Die Rechtslage ist allerdings etwas differenzierter, als die häufig verwendete Formel „Urlaub bedeutet komplett unerreichbar“ vermuten lässt.

Das Bundesarbeitsgericht hat zuletzt klargestellt, dass arbeitsvertragliche Nebenpflichten während des Urlaubs nicht vollständig verschwinden. Eine punktuelle Kontaktaufnahme des Arbeitgebers bedeutet außerdem nicht automatisch, dass der betreffende Urlaubstag rechtlich nicht mehr als Urlaub zählt. Daraus lässt sich jedoch keine generelle Arbeitspflicht im Urlaub ableiten.

Auch ein einmal genehmigter Urlaub kann vom Arbeitgeber grundsätzlich nicht einfach widerrufen werden. Eine Verpflichtung, während des Erholungsurlaubs ständig erreichbar zu sein oder jederzeit zurückzukehren, lässt sich mit dem gesetzlichen Erholungszweck regelmäßig nicht vereinbaren.

Für Beschäftigte heißt das praktisch: Ein dringender Kontakt kann im Ausnahmefall vorkommen. Ein dauerhaft eingeschaltetes Diensthandy sollte aber nicht zum normalen Bestandteil des Urlaubs werden.

Nicht der Chef allein sorgt für die Erreichbarkeit

Bemerkenswert sind die Gründe, die Beschäftigte für ihre Erreichbarkeit nennen.

In der aktuellen Bitkom-Befragung sagen 53 Prozent derjenigen, die im Urlaub erreichbar bleiben, ihre Kolleginnen und Kollegen erwarteten dies von ihnen. 47 Prozent sehen eine entsprechende Erwartung bei ihren Vorgesetzten, 34 Prozent bei Kunden und 16 Prozent bei Geschäftspartnern.

Nur 16 Prozent sagen ausdrücklich, dass sie aus eigenem Antrieb beruflich erreichbar sein wollen.

Damit hat sich die Erreichbarkeitsfrage längst von einer rein technischen zu einer kulturellen entwickelt. Das Smartphone ermöglicht zwar den Kontakt. Entscheidend ist aber, ob Beschäftigte das Gefühl haben, reagieren zu müssen.

Genau darin liegt ein Risiko moderner hybrider Arbeitskultur: Niemand ordnet offiziell an, um 17 Uhr am Pool die Mails zu öffnen, aber implizite Erwartungen reichen möglicherweise aus, damit Beschäftigte es trotzdem tun.

Bitkom fordert deshalb vor allem klare Vertretungsregelungen und transparente Absprachen für den Notfall.

Abschalten ist messbar relevant für die Erholung

Auch wissenschaftlich gibt es inzwischen bessere Daten dazu, was Urlaub tatsächlich bringt.

Eine 2025 im „Journal of Applied Psychology“ veröffentlichte Meta-Analyse wertete 32 Studien mit insgesamt 256 Effektgrößen aus. Das Ergebnis widerspricht älteren Untersuchungen, nach denen Urlaub nur einen kleinen und schnell verschwindenden Effekt habe. Die neuere Analyse kommt zu dem Schluss, dass Urlaub das Wohlbefinden deutlich verbessern kann und dieser Effekt länger anhält als bislang angenommen.

Besonders wichtig waren dabei zwei Faktoren: psychologisches Abschalten von der Arbeit und körperliche Aktivität während des Urlaubs.

Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kommt auf Basis verschiedener Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass mentales Abschalten von der Arbeit positiv mit Wohlbefinden, Gesundheit und selbst eingeschätzter Leistungsfähigkeit zusammenhängt.

Umgekehrt steht erweiterte arbeitsbezogene Erreichbarkeit mit mehr Erschöpfung, Stress, Schwierigkeiten beim Abschalten und Konflikten zwischen Beruf und Privatleben in Zusammenhang. Schon die Erwartung, außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit erreichbar sein zu müssen, kann die Balance zwischen Arbeit und Privatleben beeinträchtigen.

Die wissenschaftliche Aussage sollte dabei sauber formuliert werden: Nicht jede beantwortete Nachricht verursacht Burnout. Aber dauerhafte arbeitsbezogene Erreichbarkeit kann Erholung erschweren und steht mit ungünstigeren Gesundheits- und Belastungsindikatoren in Zusammenhang.

Schon offene Aufgaben können den Kopf im Büro halten

Ein weiterer Punkt wird in der Diskussion häufig unterschätzt: Für fehlende Erholung muss nicht einmal das Handy klingeln.

Eine 2026 veröffentlichte Meta-Analyse untersuchte den Zusammenhang zwischen unerledigten Aufgaben und arbeitsbezogenen Gedanken in der Freizeit. Das Ergebnis: Offene Aufgaben hängen messbar damit zusammen, dass Beschäftigte außerhalb der Arbeitszeit weiter über den Job nachdenken.

Das erklärt, warum eine saubere Übergabe vor dem Urlaub mehr ist als Organisationsroutine. Wer offene Baustellen bewusst an Kollegen übergibt, Aufgaben dokumentiert und Verantwortlichkeiten verteilt, reduziert zumindest einen Teil der mentalen Trigger, die das Gehirn im Arbeitsmodus halten können.

Was vor dem Urlaub wirklich hilft

Eine wirksame Auszeit beginnt deshalb nicht erst am Flughafen, sondern in den letzten Arbeitstagen davor.

Klare Vertretung organisieren: Kollegen sollten wissen, wer welche Themen übernimmt und bei welchen Problemen tatsächlich eine Eskalation nötig ist.

Abwesenheitsnotiz konkret formulieren: Nicht nur „bin im Urlaub“, sondern Vertretung, Zeitraum und Rückkehrdatum nennen.

Offene Aufgaben dokumentieren: Eine strukturierte Übergabe verhindert, dass unerledigte Punkte ständig im Kopf kreisen.

Notfälle definieren: Wenn eine Führungskraft oder Schlüsselperson tatsächlich erreichbar sein muss, sollte vorher geklärt werden, was überhaupt als Notfall gilt und über welchen einzigen Kanal der Kontakt erfolgt.

Der entscheidende Punkt dabei: „Ruf mich einfach an, wenn irgendetwas ist“ ist keine Vertretungsregelung.

Während des Urlaubs: Reibung gegen den Arbeitsreflex aufbauen

Technisch ist es heute fast zu einfach, aus dem Urlaub wieder ins Büro zurückzuspringen. Deshalb kann es sinnvoll sein, bewusst Hürden einzubauen.

Push-Benachrichtigungen beruflicher Anwendungen lassen sich deaktivieren. Geschäftliche E-Mail-Konten können vorübergehend vom Privattelefon entfernt werden. Wer über ein separates Dienstgerät verfügt, kann es ausgeschaltet zu Hause lassen.

Das klingt banal, verändert aber den entscheidenden Moment: Aus dem automatischen Blick auf eine Nachricht wird eine bewusste Entscheidung, die Arbeit wieder zu öffnen.

Auch feste „nur einmal morgens“-Regeln sind nicht zwingend echtes Abschalten. Wer jeden Morgen sein Postfach kontrolliert, bleibt mental möglicherweise trotzdem im Erwartungsmodus: Was wartet morgen auf mich?

Für psychologische Erholung ist vollständige Distanzierung zumindest zeitweise die robustere Strategie.

Führungskräfte bestimmen die tatsächliche Urlaubskultur

Besonders groß ist deshalb die Verantwortung von Führungskräften.

Ein Unternehmen kann noch so oft von Work-Life-Balance sprechen. Wenn der Chef aus dem Urlaub regelmäßig Mails verschickt und von Mitarbeitern innerhalb weniger Minuten Antworten erwartet, ist die tatsächliche Regel eine andere.

Eine glaubwürdige Urlaubskultur bedeutet deshalb:

Keine routinemäßigen Nachrichten an Beschäftigte im Urlaub.

Klare Vertretungen vor der Abwesenheit.

Notfallkontakte nur für vorher definierte Ausnahmefälle.

Keine Erwartung, dass nach der Rückkehr innerhalb weniger Stunden ein über Wochen angesammeltes Postfach abgearbeitet wird.

Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Wer schon am letzten Urlaubstag an 600 ungelesene Nachrichten denkt, beginnt mental mit der Arbeit, bevor der Urlaub überhaupt beendet ist.

Nach dem Urlaub nicht direkt mit 100 Prozent starten

Auch die Rückkehr lässt sich organisieren.

Ein Kalender, der am ersten Morgen nach zwei Wochen Urlaub bereits mit Meetings gefüllt ist, erhöht den Druck unnötig. Sinnvoller kann sein, die ersten Stunden für Übergabe, Priorisierung und E-Mail-Sichtung freizuhalten.

Dabei muss nicht jede während des Urlaubs eingegangene Nachricht beantwortet werden. Eine einfache Reihenfolge hilft: Was ist noch aktuell? Was wurde bereits gelöst? Was erfordert tatsächlich die eigene Entscheidung?

Der Mailberg sieht dadurch häufig größer aus, als er tatsächlich ist.

Business Punk Check

66 Prozent Erreichbarkeit im Urlaub sind kein technisches Problem. Sie sind ein Kulturproblem.

Die Infrastruktur für das Abschalten existiert längst. Smartphones lassen sich ausschalten, Vertretungen einrichten und Abwesenheitsnotizen automatisieren. Trotzdem bleibt die Quote seit Jahren nahezu unverändert.

Die aktuellen Bitkom-Zahlen zeigen sogar, dass die Erwartung nicht nur von Vorgesetzten ausgeht. Kollegen werden mit 53 Prozent inzwischen häufiger als Grund für die eigene Erreichbarkeit genannt als Chefs mit 47 Prozent.

Damit wird das Problem unbequemer: Permanent Availability ist nicht bloß Managementdruck, sondern kann sich innerhalb von Teams selbst reproduzieren.

Für Unternehmen ist Urlaub deshalb keine verlorene Produktivzeit. Die aktuelle Forschung deutet im Gegenteil darauf hin, dass psychologische Distanzierung ein wichtiger Bestandteil nachhaltiger Leistungsfähigkeit ist.

Wer Mitarbeitende im Urlaub permanent erreichbar hält, gewinnt vielleicht eine schnelle Antwort auf eine Mail. Dafür riskiert er genau den Erholungseffekt, für den der Urlaub überhaupt vorgesehen ist.

Die effizienteste Urlaubsregel dürfte deshalb überraschend analog sein: Abgeben, ausschalten, weg sein.

Auf einen Blick

  • 66 Prozent der Berufstätigen mit geplantem Sommerurlaub bleiben 2026 laut einer repräsentativen Bitkom-Befragung beruflich erreichbar. 2025 waren es 67 Prozent, 2024 66 Prozent.
  • 62 Prozent der Erreichbaren reagieren auf Kurznachrichten, 61 Prozent auf Anrufe und 22 Prozent auf berufliche E-Mails.
  • 53 Prozent nennen Erwartungen von Kollegen als Grund für ihre Erreichbarkeit, 47 Prozent Erwartungen von Vorgesetzten. Nur 16 Prozent wollen aus eigenem Antrieb erreichbar bleiben.
  • Eine generelle Pflicht zur ständigen Erreichbarkeit während des gesetzlichen Erholungsurlaubs besteht nicht. Die arbeitsrechtliche Situation ist bei besonderen Nebenpflichten und Einzelfällen allerdings differenzierter als ein absolutes Kontaktverbot.
  • Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 kommt zu dem Ergebnis, dass Urlaub das Wohlbefinden deutlich verbessern kann. Besonders psychologisches Abschalten und körperliche Aktivität hängen mit einem stärkeren Erholungseffekt zusammen.

Quellen

Bitkom: Zwei Drittel sind 2026 im Urlaub beruflich erreichbar

Bundesministerium der Justiz: Bundesurlaubsgesetz

Bundesarbeitsgericht: Entscheidung 2 AZR 55/25 zu Pflichten während des Urlaubs

Haufe: Arbeitsrecht zur Erreichbarkeit im Urlaub

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Mentales Abschalten von der Arbeit als Erholungsindikator

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Auswirkungen arbeitsbezogener erweiterter Erreichbarkeit

PubMed: Meta-Analyse 2025 zu Urlaub und Wohlbefinden

PubMed: Meta-Analyse 2026 zu offenen Aufgaben und arbeitsbezogenen Gedanken in der Freizeit

PubMed: Meta-Analyse zu Interventionen für besseres psychologisches Abschalten

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