Finance & Freedom Weltweiter Feierabend-Index: Wo Bier und Kippen richtig ins Geld gehen

Weltweiter Feierabend-Index: Wo Bier und Kippen richtig ins Geld gehen

Fünf Bier, zwei Schachteln Zigaretten: Die Deutsche Bank hat den Preis des Feierabends in 69 Städten verglichen. Melbourne ist elfmal teurer als Shanghai; Politik, nicht Durst, macht den Unterschied

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Es gibt Wirtschaftsindikatoren, die Zinskurven abbilden, Rezessionsrisiken oder Kapitalflüsse. Es gibt den Oasis-Index. Seit Jahren versteckt das Research-Team der Deutschen Bank zwischen Mietrenditen und Kaufkraftparitäten seines Reports Mapping the World’s Prices einen Warenkorb, der so simpel ist, dass er fast schon subversiv wirkt: fünf heimische Biere à 0,5 Liter plus zwei Zwanzigerpackungen Zigaretten, umgerechnet in Dollar, verglichen über 69 Städte auf sechs Kontinenten. Benannt ist der Index nach Oasis’ Song „Cigarettes & Alcohol“ aus dem Jahr 1994 und da die Reunion-Tour der Band noch immer Stadien füllt, wie das Datenportal Mapular anmerkt, war der Vergleich selten so anschlussfähig wie 2026. Verfasst haben den Report Jim Reid und Galina Pozdnyakova vom Deutsche Bank Research Institute, veröffentlicht wurde der Report laut Berichterstattung um den 13./14. Juli 2026.

Die Datenbasis stammt größtenteils aus der crowdsourcing-basierten Plattform Numbeo, die Nutzereingaben mit manuell erhobenen Daten aus Supermärkten, Unternehmen und Behörden kombiniert. Das Team der Deutschen Bank bereinigt diese Rohdaten zusätzlich. Wichtig für die Einordnung: Der Report selbst warnt, dass crowdsourcing-basierte Zahlen „inhärentes Rauschen“ enthalten und eher für breite Trends taugen als für exakte Einzelwerte.

Melbourne kostet mehr als das Doppelte von New York

Der diesjährige Spitzenreiter ist unangefochten: Melbourne. Der Oasis-Warenkorb kostet dort 111,20 Dollar, gefolgt von Sydney mit 109,50 Dollar. Auf den Plätzen drei und vier folgen Auckland (68,60 Dollar) und Wellington (67,10 Dollar); die australisch-neuseeländische Nachbarschaft dominiert die teuerste Spitzengruppe komplett. Danach kommt, wie Mapular schreibt, das „britische Tabaksteuer-Trio“: London mit 63,90 Dollar, Birmingham mit 62,80 Dollar und Edinburgh mit 60,50 Dollar, dazwischen Dublin. Zum Vergleich: New York liegt mit 54,10 Dollar auf Rang neun der teuersten Städte.

Das bedeutet, der Melbourne-Warenkorb kostet gut doppelt so viel wie in New York und mehr als zehnmal so viel wie in Shanghai, wo der Abend für 10,40 Dollar zu haben ist. Damit ist Shanghai 2026 die günstigste Stadt im gesamten Index, vor Rio de Janeiro (11,70 Dollar) und Kairo (12,10 Dollar). Die Spanne zwischen teuerster und günstigster Stadt beträgt laut Mapular fast das Elffache, bei einem identischen Warenkorb. Das ist die eigentliche Pointe: Bier schmeckt überall ähnlich, aber der Preis dafür ist fast reine Politik, keine Rohstofffrage.

Sündensteuern als Erklärung, aber nicht als Beweis

Mapular benennt die Ursache für Melbournes Spitzenplatz unverblümt: Australiens „unerbittliche Anwendung von Sündensteuern“ auf Alkohol und Tabak. Das ist plausibel, aber der Report selbst zerlegt die Rechnung nicht bis ins Detail. Der Oasis-Index bündelt Bier- und Zigarettenpreise, weist aber nicht separat aus, welcher Anteil auf Verbrauchsteuern, Mehrwertsteuer, Produktionskosten, Handelsmargen, Mieten oder schlicht auf Wechselkurseffekte entfällt. Wer Melbournes Preis allein mit Steuerpolitik erklärt, macht damit eine politische Deutung, keine vollständig belegte Kostenaufschlüsselung. Was der Report dagegen konkret liefert, ist die Zeitreihe. Vor zehn Jahren kostete der gleiche Warenkorb in Melbourne umgerechnet 57 Dollar.

Seitdem ist der Dollarwert um 89 Prozent gestiegen, in Sydney um 82 Prozent. Wichtig ist hier eine methodische Feinheit: Weil alle Werte in Dollar umgerechnet werden, bedeutet ein Anstieg um 89 Prozent nicht automatisch, dass sich die Bierpreise in australischen Dollar exakt in diesem Umfang verteuert haben. Wechselkursbewegungen können internationale Ranglisten verschieben, auch wenn sich die lokalen Preise deutlich moderater bewegen. Diese Umrechnungs- und Standardisierungslogik beschreibt der Report selbst explizit als Teil seiner Methodik. Die größten Aufsteiger im Zehnjahresvergleich sind ohnehin nicht die üblichen Verdächtigen: Bogotá führt mit plus 98 Prozent, vor Mexiko-Stadt (plus 92 Prozent), Prag (plus 89 Prozent), Melbourne (plus 89 Prozent) und Budapest (plus 86 Prozent). Mapular verweist darauf, dass sich die Preis-Konvergenz Mitteleuropas mit Westeuropa auch bei den Gehältern zeigt: Für Budapest weist der Report ein Lohnplus von 161 Prozent über das Jahrzehnt aus. Auf der anderen Seite steht Dubai mit einem Minus von 48 Prozent, dem größten Rückgang der gesamten Stichprobe. 2016 gehörte die Stadt mit 50 Dollar noch zu den fünf teuersten für diesen Warenkorb, heute liegt sie mit 25,90 Dollar im Mittelfeld, günstiger als Frankfurt.

Tokio wird zum Schnäppchenparadies und das hat einen Namen: Yen

Ein Sonderfall ist Tokio. Die japanische Hauptstadt liegt im Zehnjahresvergleich 31 Prozent im Minus und rangiert im Oasis-Ranking heute auf Platz 55 von 69, zwischen Bangalore und Istanbul. Laut Business Insider sagte Jim Reid dazu, sinngemäß übersetzt: Ein weiteres Jahr der Yen-Abwertung habe Tokio in eine Preisregion katapultiert, die für eine so entwickelte Metropole „erstaunlich günstig“ sei. Das ist kein Einzelbefund: Laut Business Insider ist Tokio inzwischen weltweit der günstigste Ort, um ein iPhone zu kaufen und ein McDonald’s-Menü kostet dort weniger als ein Viertel des Preises in Tel Aviv. Eine Dreizimmerwohnung zu mieten, kostet in Tokio weniger als ein Drittel dessen, was in New York fällig wird.

Diese strukturelle Neubewertung durch die Währung ist ein Muster, das der Report laut Business Insider immer wieder aufgreift. Am gegenüberliegenden Ende der Skala stehen Zürich und Genf, die beiden teuersten Städte des gesamten Reports, nicht nur beim Oasis-Warenkorb, sondern über nahezu alle erfassten Kategorien hinweg, von Kaffee über Taxifahrten bis zur Jeans. Reid führt das laut Business Insider auf die Stärke des Schweizer Frankens über mehrere Jahrzehnte zurück. Die Kehrseite: Schweizer Haushalte verdienen auch überdurchschnittlich gut. Ein Paar, das in Zürich eine Dreizimmerwohnung mietet, bleibt laut Business Insider nach Steuern und Miete mit mehr als 10.000 Dollar verfügbarem Einkommen im Monat übrig.

Wein aus Rom, Cappuccino aus Zürich und warum ein niedriger Preis nichts über Wohlstand sagt

Der Report vergleicht neben Bier und Zigaretten auch andere Warenkorb-Klassiker. Für eine mittelpreisige Flasche Wein ist Rom mit 4,60 Dollar besonders günstig; beim Cappuccino liegt die italienische Hauptstadt auf Rang vier der billigsten Städte. Eine unabhängige, zeitnahe Abfrage bei Numbeo bestätigt die Richtung: Dort wird ein Cappuccino in Rom mit 1,97 Euro und eine mittelpreisige Weinflasche mit 4,50 Euro ausgewiesen, wegen unterschiedlicher Erhebungszeitpunkte, Währungen und Produktdefinitionen nicht exakt deckungsgleich mit den Reportzahlen, aber in derselben Größenordnung. Am teuersten ist der mittelpreisige Wein dagegen in Singapur mit 23,20 Dollar, gefolgt von Jakarta mit 21,10 Dollar.

Beim Cappuccino führt Zürich mit 7,13 Dollar, vor Kopenhagen (6,96 Dollar) und Genf (6,41 Dollar); in Mailand kostet derselbe Cappuccino nur 2,18 Dollar. Was der Index nicht kann: Wohlstand messen. Ein niedriger Oasis-Wert bedeutet nicht automatisch hohe Kaufkraft der Bevölkerung. Der Report vergleicht deshalb zusätzlich Einkommen. Für Delhi etwa wird ein Nettomonatslohn von lediglich 538 Dollar genannt, ein extrem niedriger Bierpreis nützt dort wenig, wenn das verfügbare Einkommen entsprechend gering ist. Preisniveau und Leistbarkeit sind zwei unterschiedliche Größen, die der Report bewusst getrennt ausweist.

Warum der Index kein Partyplaner ist

Bei aller Unterhaltung: Der Oasis-Index ist kein umfassender „Party-Preis“, sondern ein eng definierter, standardisierter Warenkorb aus Alkohol und Tabak. Er misst weder Eintrittspreise noch Essen, Transport, Übernachtung, Trinkgelder oder die Gesamtkosten eines Abends. Die Formulierung „günstigste Party weltweit“ ist eine zugespitzte Interpretation, keine offizielle Definition des Reports. Auch die Produktdefinitionen selbst sind nicht überall identisch: „Heimisches Bier“, „mittelpreisiger Wein“ und „normaler Cappuccino“ meinen je nach Stadt nicht exakt dasselbe Produkt, was die Rangfolge beeinflussen kann. Numbeo weist ebenfalls darauf hin, dass Preise je nach Geschäft, Bar, Saison, Produktqualität und kurzfristiger Verfügbarkeit variieren; die Plattform arbeitet deshalb mit automatischen und halbautomatischen Filtern, um Ausreißer zu glätten.

Für Melbourne etwa nennt Numbeo im Mai 2026 unter anderem 13 australische Dollar für ein gezapftes heimisches Bier, 20 australische Dollar für eine mittelpreisige Weinflasche und 51,50 australische Dollar für eine Packung Marlboro. Diese Einzelwerte bilden nicht eins zu eins den Deutsche-Bank-Warenkorb ab, weil sich Erhebungszeitpunkt und Bierdefinition unterscheiden können, sie bestätigen aber die Grundrichtung: In Melbourne ist Feiern strukturell teuer. Schließlich: Der Warenkorb bildet vor allem eine Perspektive ab, die von Biertrinkenden und Rauchenden. Nichtraucher, Menschen mit geringem Alkoholkonsum, Minderjährige, gesundheitspolitische Akteure und Beschäftigte im Gastgewerbe kommen im Index schlicht nicht vor. Als unterhaltsamer Preisvergleich funktioniert der Oasis-Index deshalb gut. Als vollständiger Wohlstands- oder Lebensqualitätsindikator taugt er nicht.

Business Punk Check

Der Oasis-Index ist große Unterhaltung mit echtem Datenkern: fünf Bier, zwei Schachteln Zigaretten, 69 Städte, elffache Preisspanne. Was fehlt, ist die Kostenaufschlüsselung; wie viel davon Steuer, wie viel Währung, wie viel Miete ist, bleibt im Dunkeln. Wer daraus eine „günstigste Party der Welt“ bastelt, verwechselt einen Warenkorb mit einem Erlebnis. Trinkgeld, Türsteher und Taxi nach Hause sind da noch nicht mal eingepreist.

Quellen: Spiegel, Businessinsider, Mapular, Switzer, Firstlinks, Oneworldcover

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