Business & Beyond Klingbeils Startup-Plan: Jetzt sollen die Milliarden fließen

Klingbeils Startup-Plan: Jetzt sollen die Milliarden fließen

Finanzminister Lars Klingbeil will Deutschlands Start-ups aus der Kapitalfalle holen – mit besseren Steuerbedingungen, staatlichen Milliardenhebeln und deutlich mehr privatem Risikokapital. Junge Tech-Firmen sollen nicht nur hier entstehen, sondern auch hier zu internationalen Schwergewichten wachsen. Dafür will Klingbeil öffentliches Geld gezielt als Hebel einsetzen, um private Investoren stärker ins Risiko zu bringen.

Klingbeil nimmt damit eine der größten Schwachstellen des deutschen Startup-Standorts ins Visier. Deutschland kann gründen, forschen und verdammt gute Technologien entwickeln – doch sobald aus einer cleveren Idee ein globales Unternehmen werden soll, wird das Geld schnell knapp.

Klingbeil will den Geldhahn öffnen

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil will die steuerlichen Rahmenbedingungen für Start-ups verbessern und damit deutlich mehr privates Kapital in junge innovative Unternehmen lenken. „Wir werden dafür sorgen, dass deutlich mehr privates Kapital in junge innovative Unternehmen fließt“, sagte Klingbeil dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Die politische Logik ist simpel: Der Staat soll nicht jede Wachstumsrunde selbst finanzieren, sondern Bedingungen schaffen, unter denen private Investoren mehr Risiko eingehen. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass viele deutsche Start-ups nicht an schlechten Produkten oder fehlender Technologie scheitern, sondern am Kapital für den nächsten großen Wachstumsschritt. Klingbeil will deshalb dafür sorgen, dass Unternehmen nicht nur hier gegründet werden, sondern ihre entscheidende Expansionsphase ebenfalls in Deutschland stemmen können.

Teuer wird es nach der ersten Runde

In der Frühphase funktioniert das deutsche Startup-System oft noch ziemlich ordentlich. Förderprogramme, Business Angels und erste Venture-Capital-Fonds bringen junge Unternehmen durch Entwicklung, Markteintritt und die ersten Finanzierungsrunden. Teuer wird es in der nächsten Wachstumsphase: Internationalisierung, Vertrieb, Fabrikaufbau, neue Produkte oder die Skalierung von KI-, Biotech- und Deeptech-Geschäftsmodellen verschlingen schnell hohe zweistellige oder sogar dreistellige Millionenbeträge. Banken helfen dabei selten weiter, denn Start-ups haben oft keine klassischen Sicherheiten, noch keine stabilen Cashflows und schreiben in den ersten Jahren bewusst Verluste. Gefragt ist Beteiligungskapital mit langem Atem – und genau davon gibt es in Deutschland und Europa noch immer zu wenig.

Steuern und neue Kapitalhebel

Genau diese Lücke will der Finanzminister politisch attackieren. Die im Juli vom Bundeskabinett beschlossene Startup- und Scale-up-Strategie bündelt Maßnahmen in acht Handlungsfeldern – von Finanzierung und Bürokratieabbau über Talente bis zum Kapitalmarkt. Steuerliche Verbesserungen sollen Investitionen in junge Unternehmen attraktiver machen, während staatliche Programme privates Geld mobilisieren sollen. Klingbeils Ziel geht damit über klassische Startup-Förderung hinaus: Der Staat soll zum Hebel werden, der größere private Kapitalströme in Unternehmen bringt, die das Potenzial für internationales Wachstum besitzen.

Sein Milliardenhebel heißt Deutschlandfonds

Das größte Instrument in diesem Spiel ist der Deutschlandfonds. Der Bund will über diese Dachstruktur rund 30 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln, Garantien und Beteiligungen einsetzen, um insgesamt bis zu 130 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen zu mobilisieren. Das klingt nach einem gigantischen Startup-Topf, ist es allerdings nicht. Das Kapital ist ebenso für Industrie, Energieinfrastruktur, Rohstoffe, Mittelstand und Verteidigungstechnologien vorgesehen. Trotzdem ist die Konstruktion für Klingbeils Startup-Pläne entscheidend: Öffentliche Mittel sollen Risiken reduzieren und dadurch privates Kapital dorthin locken, wo Investoren bislang zu vorsichtig agieren.

KfW geht beim Wachstum mit ins Risiko

Für Start-ups und Scale-ups stellen Bund und KfW in den kommenden zehn Jahren zusätzlich 1,5 Milliarden Euro bereit. Dazu gehören die Aufstockung und Verstetigung des Zukunftsfonds sowie weitere 770 Millionen Euro für Wachstumsinvestitionen über Tech-Fondsinvest. KfW Capital soll dabei stärker als Co-Investor auftreten. Über Scale-up Direct kann KfW Capital gemeinsam mit privaten Fonds direkt in wachstumsstarke Unternehmen investieren. Bis Ende 2030 ist dafür insgesamt eine Milliarde Euro vorgesehen, einzelne Investments können bis zu 50 Millionen Euro erreichen. Hinzu kommen 300 Millionen Euro für Kreditfonds, die wachstumsstarke Unternehmen und Investitionen in Zukunftstechnologien mitfinanzieren sollen. Der Staat soll dabei einen Teil des Risikos abfedern, damit private Investoren größere Tickets ziehen.

Klingbeil hört sich im Osten um

Wie groß die Probleme im Startup-Alltag tatsächlich sind, will Klingbeil beim Branchendialog Ost: Start-up und Scale-up direkt von den Unternehmen hören. Die Ankündigung fällt mit dem Branchendialog in Berlin zusammen. Laut RND haben rund 70 Firmen aus der ostdeutschen Start-up-Szene zugesagt; eingeladen hat Elisabeth Kaiser, die Ostbeauftragte der Bundesregierung. Auf dem Tisch liegen die bekannten Bremsklötze: Finanzierung, Bürokratie, Fachkräfte und der Zugang zu Kunden. Der Finanzminister will dabei erfahren, was Gründer konkret benötigen, damit der nächste Wachstumsschritt nicht in einem kapitalstärkeren Markt stattfindet.

Der nächste DAX-Konzern soll hier wachsen

Die politische Messlatte liegt hoch. Kaiser sieht in Ostdeutschland das Potenzial für Unternehmen, die langfristig in der obersten Liga der deutschen Wirtschaft mitspielen können. Klingbeil verfolgt einen ähnlich ambitionierten Ansatz für den gesamten Standort: Die Weltmarktführer von morgen sollen in Deutschland gegründet werden – und anschließend auch hier groß werden. Genau der zweite Teil ist bislang das Problem. Zwischen einem erfolgreichen Start-up und einem internationalen Konzern liegt eine verdammt teure Wachstumsphase. Wer plötzlich hohe zweistellige oder dreistellige Millionenbeträge für internationale Expansion, Produktionskapazitäten oder neue Technologien benötigt, stößt in Europa schneller an Grenzen. Findet ein Unternehmen das benötigte Geld nicht, bleiben wenig attraktive Optionen: langsamer wachsen, frühzeitig Anteile an ausländische Investoren verkaufen, Teile des Geschäfts verlagern oder im Wettbewerb gegen besser finanzierte Rivalen verlieren.

Europa sucht den großen Topf

Klingbeil setzt deshalb nicht allein auf deutsche Milliarden. Gemeinsam mit Frankreich, Italien, den Niederlanden, Polen und Spanien will Deutschland die Finanzierungsbedingungen auf europäischer Ebene verbessern. Die sechs Staaten arbeiten dabei an einer stärkeren europäischen Spar- und Investitionsunion. Das Grundproblem ist beinahe absurd: Europa verfügt über enorme private Vermögen und hohe Ersparnisse, schafft es aber nur unzureichend, dieses Geld in die eigenen Wachstumsunternehmen zu lenken. Kapital ist vorhanden – es nimmt nur zu selten den Weg in Venture Capital und Scale-ups. Die Kapitaloffensive wird deshalb nur funktionieren, wenn neben dem Staat auch institutionelle Anleger stärker mitziehen. Versicherungen, Pensionskassen, Stiftungen und große Vermögensverwalter könnten erheblich mehr Geld für Venture- und Wachstumskapital bereitstellen. Genau hier besitzen die USA einen strukturellen Vorteil: Dort gibt es tiefere Kapitalmärkte, größere Fonds und Investoren, die auch sehr große Finanzierungsrunden stemmen können.

Die Instrumente laufen an

Die Instrumente sind nicht mehr reine Theorie. Über KfW Capital laufen bereits Co-Investments und Fondsprogramme für Wachstumsunternehmen. Die Bundesregierung verweist darauf, dass erste Instrumente des Deutschlandfonds gestartet und erste Scale-up-Investments umgesetzt worden sind. Ob daraus allerdings jene großen Finanzierungsrunden entstehen, die deutsche Scale-ups für die internationale Expansion benötigen, muss sich erst noch zeigen. Zwischen ersten Co-Investments und dem politischen Anspruch, Investitionen in Milliardenhöhe zu mobilisieren, liegt weiterhin eine große Strecke.

Der Praxistest beginnt jetzt

Klingbeil hat einen Plan auf den Tisch gelegt: bessere Steuerbedingungen, mehr staatlich angeschobenes Wagniskapital, größere KfW-Tickets und europäisches Geld für Wachstum. Ob daraus neue deutsche Tech-Champions werden, entscheidet sich aber nicht in Strategiepapieren und Fördertöpfen. Entscheidend ist die nächste große Finanzierungsrunde. Wenn ein deutsches Scale-up für seinen globalen Angriff nicht mehr reflexhaft bei internationalen Kapitalgebern nach dem nötigen Wachstumskapital suchen muss, hätte Klingbeils Plan sein wichtigstes Ziel erreicht. Erst dann wird aus Startup-Förderung echte Standortpolitik.

Quelle: Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), eigene Recherche.

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